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Von Chefredakteur Jürgen Haar · 16.06.2018

„Wir sind die Größten im Rumstänkern“

Fußball: Reiner Calmund rechnet mit einem WM-Finale Deutschland gegen Frankreich / Der ehemalige Manager von Bayer 04 Leverkusen tippt bei der WM strategisch

Reiner Calmund wie er leibt und lebt. Gesten- und wortreich erklärt der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen die Welt des Fußballs und prophezeit für die deutsche Mannschaft eine gute WM. Bild: Andreas Lindlahr

Deutschland gegen Frankreich – so sieht das Traumfinale von Reiner Calmund bei der WM aus. Vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft in Russland macht der Fußball-Experte in Optimismus.

Draußen schüttet es wie aus Kübeln und auch von der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kommen nur miese Nachrichten. 1:2 gegen Österreich und das Thema Gündogan/Özil bringt selbst den so besonnenen Team-Manager Oliver Bierhoff vor laufender Kamera in Wallung.

Die Aussichten sind trübe. Nur einer lässt sich von der Weltuntergangsstimmung nicht anstecken. Berufsoptimist Reiner Calmund setzt sich in der Seezeitlodge am schönen Bostalsee mit dem Rücken zum schlechten Wetter und legt ohne Aufwärmphase gleich los. „Ich bin noch ganz ruhig“, beschreibt der 69-Jährige seine Gemütslage vor dem ersten Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland am Sonntag um 17 Uhr gegen Mexiko.

„Wir waren immer dabei“

Dass es angesichts einer durchschnittlichen Vorbereitung und der Dauerdiskussionen um Mesut Özil und Ilkay Gündogan in Russland für Jogis Jungs dieses Mal nicht bis ins Halbfinale reichen könnte, schließt der ehemalige Manager von Bundesligist Bayer 04 Leverkusen aus. „Wir waren unter Löws Ägide immer dabei“, bringt der 69-Jährige die Turniererfolge der letzten Jahre in Erinnerung. Offensichtlich hätten die Deutschen erhebliche Erinnerungslücken, wenn es um die Nationalmannschaft geht. „Ihr habt doch alle Alzheimer“, knallt der frühere Stadionsprecher den Journalisten, die sich von Calmund auf die WM einstimmen lassen, einen vor den Latz.

„Wie ist es denn in Brasilien vor vier Jahren gelaufen? In der Vorrunde zweimal Rückstand gegen Ghana, ein mühsames 1:0 gegen Klinsmanns Amis, Verlängerung gegen Algerien und im Viertelfinale gegen Frankreich rettet Neuer kurz vor Schluss den knappen Sieg. Davon redet keiner, aber jeder über das 7:1 gegen Brasilien und Götzes Tor im Finale“, kontert Calmund die Nörgelei von Medien und Fans.

Überhaupt, diese Schwarzmalerei kann Calmund gar nicht leiden: „Wir sind die Größten im Rumstänkern.“ Wenn es dann aber fürs Halbfinale oder gar für den Titel reicht, wollen es alle schon immer gewusst haben. Auch wenn es die Erfahrung lehrt und Deutschland eine Turnier-Mannschaft ist – „Wenn du einen Titel haben willst, brauchst du Glück“, sagt Calmund und wundert sich, dass die Moderatorin keine 5 Euro fürs Phrasenschwein haben will.

Nach seinen vielen emotionalen Auftritten bei Bayer Leverkusen und in den diversen Fernseh-Shows will man es nicht glauben, aber Reiner Calmund geht die WM ziemlich kopfgesteuert an. „Aus meinem Bauch müsste mehr rauskommen, aber ich schaue mir das Tableau dieser Weltmeisterschaft strategisch an“, so der frühere Jugendtrainer über seine Taktik beim Tippen.

Brasilien und Deutschland treffen sich wieder im Halbfinale und auf der anderen Seite des Tableaus sind Argentinien, Spanien, Portugal und Frankreich Calmunds Favoriten für das Halbfinale. Damit es mit einem deutschen Sieg am 15. Juli in Moskau klappt, legt sich der Fußball-Experte des Fernsehsenders Sky am Tag vor den Spielen der deutschen Mannschaft mit schwarz-rot-goldener Unterwäsche ins Bett. Bis heute pflegt Reiner Calmund also alle Rituale eines wahren Fußball-Fans.

Fußball, das ist das Leben von Reiner Calmund. Obwohl er 1966 nach einem Sportunfall seine Laufbahn als Kicker beenden muss, bleibt er dem runden Leder treu und wird Trainer bei seinem Heimatverein Frechen 20. Es folgen weitere Trainerstationen, unter anderem beim BC Efferen und dem SC Brühl. Ab 1976 arbeitet er als Vorstandsmitglied, Geschäftsführer und Manager für Bayer 04 Leverkusen.

„Eine Kalorie kommt selten allein“

Nach seiner Zeit bei Bayer Leverkusen (2004) avanciert der gebürtige Rheinländer, der heute mit seiner dritten Frau Sylvia in Saarlouis lebt, zum Fernsehstar. Er ist Frontmann der RTL-Serie „Big Boss“ oder sitzt in der Jury einer Promi-Kochshow. Und er schreibt Bücher: Zu seinem 60. Geburtstag die Autobiografie „Fußballbekloppt“ und drei Jahre später den kulinarischen Lebenslauf „Eine Kalorie kommt selten allein“.

Ans Essen denkt Reiner Calmund am Ende der Plauderei über die WM nicht. „Nein, ich habe heute Morgen richtig reingehauen“, sagt der 140-Kilo-Mann auf die Frage, ob er nach dem Frage-Antwort-Spiel eigentlich keinen Hunger hat.

 

SZ/BZ-Chefredakteur Jürgen Haar hat zusammen mit anderen Journalisten im Saarland einen vergnüglichen und gleichzeitig interessanten Abend mit Reiner Calmund erlebt.