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Von unserem Mitarbeiter Konrad Buck · 28.06.2016

„Viele Fahrgäste resignieren so langsam“

Kreis Böblingen: Gehäufte Signal- und Weichenstörungen rufen Verdruss hervor / Zahlreiche Gründe tragen zur Gemengelage bei

Signalstörung hier, eine Weichenstörung dort und woanders eine Fahrbahnstörung: In jüngster Vergangenheit häuften sich die technischen Ausfälle in der Eisenbahninfrastruktur auffallend.

„In den vergangenen Wochen haben die Störungen deutlich zugenommen“, stellt auch Dr. Jürgen Wurmthaler fest, Direktor für Wirtschaft und Infrastruktur beim Verband Region Stuttgart. Allein in Gärtringen gab es vor Kuzem drei zum Teil mehrstündige Störungen. Zunächst hieß es auf Anfrage bei der Pressestelle der Deutschen Bahn, dass ein technischer Defekt die Störungen verursacht habe. Einige Tage später teilte das Unternehmen mit, dass ein Blitzschlag einige Platinen des Gärtringer Stellwerks und auch in Herrenberg beschädigt habe. „Außerdem ist auch noch eines der Kabel in Ehningen abgesoffen. Es mussten die Fehler gesucht und die Platinen getauscht werden“, erklärte ein DB-Sprecher, der auch die starken Regenfälle für das Malheur verantwortlich machte.

Der Verband Region Stuttgart bestellt bei der Deutschen Bahn die S-Bahn-Leistungen, die die S-Bahn Stuttgart, eine Tochter der DB Regio, erbringt. Für die Infrastruktur auf Bahnhöfen und auf freier Strecke sind derweil zwei andere Bahn-Töchter – die DB Station und Service und die DB Netz – zuständig. Diese Unternehmen sehen sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, nicht genügend zu investieren, um ihre Infrastruktur ordentlich zu warten, und erst dann zu reagieren, wenn die technischen Gerätschaften ihren Dienst versagt haben.

„Die vielen Störungen sind auch auf mangelnde Wartung zurückzuführen, da hakt es vorne und hinten“, glaubt der Gültsteiner Andreas Kegreiß, Beisitzer im Landesvorstand des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Bei der Bahn weist man diesen Vorhalt zurück. Auch in den sozialen Netzwerken sieht sich die DB heftiger Kritik ausgesetzt. „Schön wäre es, wenn es mal einen Tag ohne Störungen bei der S-Bahn Stuttgart geben würde, wenigstens einen“, schreibt ein Fahrgast auf Facebook. Ein anderer schlägt ironisch vor, Patenschaften für Stellwerke und Weichen zu gründen, damit diese Gerätschaften ordentlich gewartet werden.

Die Verantwortlichen beim Regionalverband beurteilen die jetzige Lage zwiespältig. „Bisher sah es so aus, als ob die Pünktlichkeitswerte in diesem Jahr besser als im Vorjahr sein könnten“, sagt Dr. Jürgen Wurmthaler. Andererseits werfen die zunehmenden Störungen die Frage auf, ob die bisher eingeleiteten Maßnahmen ausreichen.

Die DB hatte beispielsweise angekündigt, ihr Frühwarnsystem für die Weichen verbessern zu wollen, um vor technischen Ausfällen besser gefeit zu sein. „Die Bahn hat zwar erkannt, dass sie besser werden muss, aber allein schon durch die Größe des Netzes lässt sich nicht alles gleichzeitig bewerkstelligen“, sagt Dr. Jürgen Wurmthaler.

Dazu kommt, dass die technischen Anlagen unterschiedlich alt sind, so dass sich nicht jeder Techniker gleich gut mit allen Gerätschaften auskennt – was sich vor geraumer Zeit bei einer Störung in Vaihingen nachteilig ausgewirkt hat. Zusätzlich zu diesen technischen Defekten gesellen sich auch noch Störungen, die durch Dritte verursacht werden – beispielsweise Personenunfälle.

Bei den Kunden stoßen die vielen Störungen und auch die teilweise mangelhafte Kommunikation auf wenig Verständnis. „Viele Fahrgäste resignieren so langsam“, hat Andreas Kegreiß festgestellt, der vor Kurzem zunächst von einer Ammertalbahn-Verspätung betroffen war, und die nachfolgende S-Bahn endete bereits in Böblingen wegen einer Signalstörung in Bad Cannstatt. Auch die Schnittstelle zwischen Ammertalbahn und S-Bahn in Herrenberg gilt als neuralgischer Punkt, zumal die Abfahrtszeiten der S-Bahn seit dem vergangenen Dezember um eine Minute vorverlegt worden sind.

Fahrgastvertreter fordern, dass die DB ihre Anlagen konsequent und zuverlässig wartet und erneuert – zumal das bundeseigene Unternehmen für diese Aufgaben mit Trassen- und Stationsgebühren bedacht wird. Die Bahn erhält für jeden einzelnen Halt Stationsgebühren, deren Höhe von der Größe und Ausstattung des Bahnhofs abhängt. So kostet beispielsweise der Halt einer S-Bahn in Gärtringen und Nufringen 2,39 Euro, der Halt eines Regionalzugs in Gäufelden und Bondorf wird mit 3,25 Euro berechnet. In Herrenberg und Böblingen sind pro Zughalt je 6,12 Euro zu entrichten. Der teuerste Bahnhof in der Region Stuttgart ist der Stuttgarter Hauptbahnhof mit 24,47 Euro pro Zug, wobei hier nicht zwischen langen Fernverkehrszügen und kurzen S-Bahnen differenziert wird. Unabhängig, ob es sich um einen ICE oder eine S-Bahn handelt: Für jeden haltenden Zug in Stuttgart werden 24,47 Euro fällig. Die Kosten sind von den jeweiligen Aufgabenträgern zu begleichen – für S-Bahnen also vom Verband Region Stuttgart und für Regionalzüge vom Land Baden-Württemberg.

Info

Aktuelle Infos über Störungen gibt es auf www.vvs.de,, über den Twitter-Service des VVS und auf der Seite www.s-bahn-chaos.de,, die von Kritikern der S-Bahn Stuttgart betrieben wird.

Die Deutsche Bahn führt in den Sommerferien über einen Zeitraum von knapp neun Wochen umfangreiche Modernisierungs- und Instandsetzungsarbeiten auf dem Streckenabschnitt zwischen Vaihingen und Böblingen durch. Ausführlicher Bericht folgt.

Störungen, Störungen, Störungen – wer die S-Bahn-Linie 6 nutzt, hat wenig Grund zur Freude. Fahrgastvertreter fordern, dass die DB ihre Anlagen konsequent und zuverlässig wartet und erneuert. Bild: Stampe/Archiv