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Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 12.01.2018

Randale, Gaffer und Handschellen

Böblingen: Beim Unfall mit 6 Verletzten am Mittwochabend werden Polizei und Feuerwehr von Schaulustigen behindert und von einem Beteiligten angegangen

Ein 17-Jähriger ohne Führerschein baut einen Unfall und randaliert danach, ein Gaffer zückt das Handy und behindert die Einsatzkräfte, der Rettungsdienst fühlt sich bedroht. Dann klicken die Handschellen: Das alles sind Randnotizen des Verkehrsunfalls am späten Mittwochabend mitten in Böblingen, bei dem sich sechs Menschen verletzt haben.

Dass sich bei dieser Kakofonie der Nebengeräusche Menschen versammeln, ist sogar für die Feuerwehr irgendwie nachvollziehbar. „Das alles geschah mitten in der Stadt. Da ist es doch klar, dass Anwohner und Passanten schauen, was passiert ist. Und an der Kreuzung Wilhelmstraße/Karlstraße ist eben immer eine Menge los“, sagt Böblingens Feuerwehr-Kommandant Thomas Frech. Er selbst ist dieses Mal nicht vor Ort, macht den Unfall aber am Morgen danach sofort zum zentralen Thema der Dienstbesprechung.

Doch was war passiert? Einer der ersten Kameraden an der Einsatzstelle ist Zugführer Nico Mayan. Beim Alarm um 20.11 Uhr geht es noch um „Rauchentwicklung“ und „brennender Pkw“, weshalb als Erstes das Löschfahrzeug mit neun Mann Besatzung ausrückt. Nico Mayan: „Ein oder zwei Minuten später hieß es schon ‘Person eingeklemmt’. Verstärkung wurde angefordert. Und dann sahen wir diesen regelrechten Trümmerhaufen.“

Zwei Mercedes – eine A-Klasse und ein CLA – waren zusammengeprallt. So viel ist in diesen Sekunden klar. 2 Feuerwehrleute halten sich mit Wasserrohr und Pulver bereit, falls aus der Rauchentwicklung Größeres wird. Jede Menge Öl und Benzin breiten sich auf der Straße aus. „Brandschutz sichern“, heißt das im Fachjargon. Im CLA ist ein junger Mann eingeklemmt. Vermutlich saß der 18-Jährige unangeschnallt auf der Rückbank, als es krachte. Das DRK kümmert sich um den Verletzten, ein Gaffer ist nah dran, zückt das Handy, schießt Fotos. „Sag mal spinnst du?“, schreit einer der Rettungskräfte.

DRK und Feuerwehr besprechen sich, entscheiden, dass der Schwerverletzte so behutsam und sanft wie möglich befreit werden soll. Es geht in diesem Fall nicht um Sekunden, aber es geht um sein Leben. Dem Fahrer – ein 17-Jähriger ohne Führerschein, der den Unfall nach Polizeiangaben verursacht haben soll – geht das nicht schnell genug. Er tobt und wütet. „Immer wieder schrie er ‘Was soll das? Holt ihn raus’“, sagt Nico Mayan, „er war aggressiv, die Rettungskräfte fühlten sich bedroht.“ Polizisten drücken den Mann zu Boden, legen ihm Handschellen an. Ein Beamter wird an der Hand verletzt und muss in die Klinik. „Nichts Gravierendes“, heißt es hinterher.

Zu diesem Zeitpunkt sind die anderen Schaulustigen außer Reichweite. Im Polizeibericht steht: „Erst nach mehrfacher und eindringlicher Aufforderung durch die Polizeibeamten entfernten diese sich von der Unfallstelle. Einige von ihnen blieben auf dem angrenzenden Gehweg und verfolgten von dort aus die Unfallaufnahme.“

Die Feuerwehr, mittlerweile mit Lösch- und Hilfeleistungszug vor Ort, leuchtet die Unfallstelle aus, startet eine Drohne für Luftaufnahmen und setzt die hydraulischen Geräte an. Sie öffnet das Dach und befreit den 18-Jährigen. Er kommt sofort ins Krankenhaus, „und ist mittlerweile außer Lebensgefahr“, sagt Polizeisprecherin Tatjana Wimmer. Danach klemmen die Feuerwehrleute die Autobatterie ab und streuen Bindemittel auf Öl und Benzin, das auf die Straße sickerte. Der Fahrer und zwei weitere Insassen des CLA, 17 und 18 Jahre alt, ziehen sich leichte Verletzungen zu. Auch die 22-jährige Fahrerin der A-Klasse und ihr 21-jähriger Beifahrer müssen mit Verletzungen ins Krankenhaus.

Die Luftaufnahmen der Feuerwehr sollen bei den Ermittlungen der Polizei helfen. Gutachter nehmen den Fall unter die Lupe. Nach derzeitigen Erkenntnissen war die 22-jährige Sindelfingerin mit ihrem Mercedes auf der Karlstraße Richtung Wilhelmstraße unterwegs. Von dort kam mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit der 17-Jährige angerauscht, nahm die Vorfahrt und krachte auf der Kreuzung mit dem Mercedes der 22-Jährigen zusammen. Ein Gutachter soll das alles rekonstruieren. Schaden: 54 000 Euro.

Die Feuerwehr Böblingen war mit 7 Fahrzeugen und 32 Feuerwehrleuten im Einsatz, die Polizei mit 5 Autos und 18 Kräften, davon 10 von der Bereitschaftspolizei. Der Rettungsdienst hatte 6 Wagen und 12 Einsatzkräfte vor Ort.

62 Einsatzkräfte und 18 Fahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst sind nach dem Unfall auf der Kreuzung Wilhelmstraße/Karlstraße vor Ort. Bild: SDMG/Dettenmeyer