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Von unserem Redaktionsmitglied Fariba Sattler · 27.12.2008

Ohne Karte keine Verbindung zur 112

Kreis Böblingen: Wenn die Notrufverordnung 2009 in Kraft tritt, wird bei Handys ohne betriebsbereite Mobilfunkkarte die 112 gesperrt

Mal kurz die 112 gewählt, in den Hörer gegrölt und aufgelegt. Die integrierte Leitstelle Sindelfingen kann dem Scherz wenig abgewinnen. Aber wer vom Handy ohne Mobilfunkkarte anruft, kommt ungestraft davon. Tritt die Notrufverordnung 2009 in Kraft, wird sich bei Handy-, Festnetz- und Internetanrufen in punkto 112 vieles ändern.

 

Das alte Handy wird nicht weggeworfen oder verscherbelt, schließlich kann man im Notfall auch ohne Mobilfunkkarte immer noch die 112 wählen. Aber was eigentlich für die Rettung in der Not eingerichtet wurde, wird oftmals zum schlechten Witz. Denn der Anruf vom Handy ohne Karte kann nicht zurückverfolgt werden.

 

An einem besonders extremen Wochenende haben die Mitarbeiter der integrierten Leitstelle Sindelfingen rund 400 Scherzanrufe gezählt. Meist handelt es sich um Kleinkinder und Jugendliche. Der Feuerwehrkommandant und Leitstellenleiter, Thomas Frech, versteht beim Notruf keinen Spaß: "Erstens stehen dann die Mitarbeiter unter einer Dauerbelastung, weil sie keinen Anruf ignorieren dürfen und zweitens hängen echte Notrufe in der Warteschleife."

 

"Es muss sich einiges ändern"

 

Auch im Innenministerium Baden-Württemberg ist das Problem bereits bekannt. Der Referent für Informations- und Kommunikationstechnik, Günther Weber: "Alle Leitstellen beschweren sich. Wir arbeiten seit vier Jahren an einer Verordnung für Notrufverbindungen. Es muss sich einiges ändern." Und das wird es schon bald. Günther Weber rechnet damit, dass die Neuregelung spätestens ab März gilt.

 

Die Verordnung umfasst Änderungen bei Handy-, Festnetz- und Internetanrufen, um den Bürgerservice Notruf zu verbessern. Künftig wird ohne betriebsbereite Mobilfunkkarte keine Verbindung mehr zur 112 aufgebaut. "Kaum einer hat noch ein altes Handy für Notrufe irgendwo deponiert. Deshalb kann man in Kauf nehmen, dass ohne Handykarte kein Notruf möglich ist", sagt der Referent.

 

Einzig mögliches Szenario wäre, dass jemand die Karte verliere und dann in eine Notsituation gerate: "Solch einen Fall muss man aber regelrecht konstruieren." Die Neuregelung geht für den Mobilfunkbesitzer lautlos vonstatten. Zwar gibt es rund 80 Millionen Handys in Deutschland, davon werden nun aber keine aussortiert. "Der Netzbetreiber muss nur die Software teilweise umprogrammieren", sagt Günther Weber. Bis zum Sommer sollte dies erledigt sein.

 

Rettungskette beschleunigen

 

Wer derzeit in Gemeinden an der Grenze des Kreises Böblingen übers Festnetztelefon den Notruf wählt, kann in den Leitstellen Calw, Pforzheim, Tübingen, Stuttgart, Esslingen oder Ludwigsburg landen. Der Grund: Die Bereiche der Vermittlungsstellen der Telekom sind nicht deckungsgleich mit den Zuständigkeitsgrenzen der Notrufstellen.

 

Zielgenaues "Routing" nennt sich der Passus, den Günther Weber deshalb realisiert wissen will: "Die Einzugsgebiete für die Notrufe müssen den örtlich zuständigen Leitstellen zugeordnet werden. So kann die Rettungskette deutlich beschleunigt werden." Auf schnelles Handeln im Notfall zielt auch die zweite Neuregelung im Festnetzbereich ab. Die Netzbetreiber sollen künftig neben der Telefonnummer auch personenbezogene Teilnehmerdaten wie die Adresse übertragen. "Wenn der Anrufer verletzt ist oder schlecht Deutsch spricht, vereinfacht die Neuerung die Einsatzbearbeitung", sagt der Referent.

 

Viel Aufwand für die Netzbetreiber

 

Was die Rettungskette beschleunigen soll, sorgt auf der Anbieterseite für enormen Aufwand. Telekom-Pressesprecher Niels Hafenrichter: "Wenn Notrufe zielgenau an die Leitstellen vermittelt werden sollen, muss für jede Rufnummer der 8000 Ortsnetze in Deutschland ein festes Ziel programmiert werden." Ebenso gestalte es sich mit den Teilnehmerdaten. Über die Kosten wolle er nicht spekulieren. Erst müsse nach Inkrafttreten der Verordnung mit den Ministerien verhandelt werden. Günther Weber rechnet in punkto Festnetz mit einer Übergangszeit von zwei bis drei Jahren.

 

Generell steht Pressesprecher Nils Hafenrichter der Notrufverordnung diplomatisch gegenüber: "Das Bedürfnis der Leitstellen steht vorne an, nur sie können einschätzen wie dringlich Änderungen bei Handy- und Festnetzanrufen sind. Wir wollen schließlich auch, dass die Rettungskette so schnell und effektiv wie möglich ist."

 

Das dritte Sorgenkind im Notfall sind Anrufe über das Internet. "Noch nicht alle Internet-Dienstanbieter können derzeit die Rufnummer und den Standort bei der Wahl der 112 zu den Leitstellen der Polizei oder der Feuerwehren übertragen", sagt Günther Weber. Vor allem in Zukunft werde das Interesse am Internet als Telefonnetz deutlich zunehmen: "Ein allgemeiner Standard ist nötig, damit die Leitstellen diese Notrufe bundesweit einheitlich erhalten." Jedoch gestalte sich dieser Bereich noch komplexer als die Umprogrammierung im Festnetz.