Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 19.09.2014

Mammut-Jagd bringt magere Beute

Kreis Böblingen: In den ersten Stunden blitzt der Laser nur auf der Autobahn im Minutentakt, ansonsten bleibt die Kelle meistens unten

Nach drei Minuten ist der erste Lappen weg. Der 24-Stunden-Blitz-Marathon ist noch nicht einmal eine Zigarettenlänge alt, da schießt ein Mann mit seinem Schlitten rekordverdächtig über die A 8. 191 Stundenkilometer hat er drauf, wo nur 120 erlaubt sind. An der Raststätte Sindelfinger Wald wedelt die Polizeikelle. Mindestens zwei Monate Fahrverbot, vielleicht werden es auch drei. Dazu zwei Punkte in Flensburg und ein saftiges 600-Euro-Bußgeld bringt der Gasfuß um 6.03 Uhr ein.

Dabei kommt der Mann nicht aus dem Tal der Ahnungslosen, wie man bei all dem Bohei rund um die Mammut-Jagd vermuten könnte. Er ist Kölner, der deutschen Sprache mächtig, nur nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Die Polizei hatte vorher sogar schon die Kontrollstellen verraten und gewarnt, dass alle Anlagen scharf geschaltet sind. Und trotzdem ist der Kölner kein einsamer Sünder. Über 200-mal tappen Auto- und Motorradfahrer alleine im Sindelfinger Wald in die Falle – und das gleich in den ersten beiden Stunden des Blitz-Marathons.

Abseits der Autobahnen sieht es anders aus. Auf dem Waldparkplatz zwischen Ehningen und Dagersheim zum Beispiel. Wenn hier ein Verkehrsteilnehmer rasant unterwegs ist, dann ist es meist ein freundlich grüßender Fahrradfahrer. Das kommt in der Mittagszeit alle fünf Minuten vor.

Aber es dauert eine geschlagene halbe Stunde, bis Jens Strohbach und Hugo Hanakam zum ersten Mal einen Funkspruch durchgeben. Die beiden Polizisten bedienen den Blitzkasten Eso 3.0. „Dunkler Opel, 101 statt 80“, heißt es kurz und knapp. Auf dem Parkplatz stellt sich heraus, dass die Frau am Steuer wohl auch keine Zeitung liest und kein Radio hört. Irgendwie am Rand hat sie mitbekommen, dass heute etwas mehr geblitzt wird. Auf dem Weg zur Arbeit hat sie daran nicht mehr gedacht.

Ein „bisschen mehr als sonst“ ist stark untertrieben. Beim zweiten Blitz-Marathon nach dem 10. Oktober 2013 sind bundesweit mehr als 7500 Polizisten im Einsatz. Einmal rund um die Uhr läuft die Jagd nach Temposündern. Alleine für das Polizeipräsidium Ludwigsburg, das für die Landkreise Böblingen und Ludwigsburg zuständig ist, sind 270 Polizeibeamte und Mitarbeiter der Ordnungsämter im Einsatz. 45 mobile Kontrollstellen gibt es im Kreis Böblingen, viele davon sind stundenlang besetzt.

So wie die zwischen Dagersheim und Ehningen, wo so gut wie gar nichts passiert. Die Beute fällt recht mager aus, die Autofahrer wissen Bescheid. Lichthupen warnen im Dauerfeuer. Einsatzleiter Uwe Klingler hat genug Zeit, darüber nachzudenken. Der Spezialist von der Verkehrspolizeidirektion im Pfaffenwaldring hat das Motorrad mitgebracht, falls es doch mal zu einer Verfolgungsjagd kommen könnte. Benutzen muss er es heute nicht – und damit ist er hochzufrieden: „Wenn ich mir fünf Stunden die Beine in den Bauch stehe, ich nichts zu tun habe und wir trotzdem unser Ziel erreichen, dann bin ich glücklich.“

Doch welches Ziel ist das eigentlich? Überhöhte und nicht angepasste Geschwindigkeit sind nach wie vor die größte Gefahrenquelle im Straßenverkehr. Damit die Menschen bewusster fahren, müsse der Schalter umgelegt werden: „Ich hoffe, dass heute möglichst viele merken, dass sie auch dann so gut wie keine Zeit verlieren, wenn sie entspannter und kontrollierter fahren“, sagt Uwe Klingler. Warum ihm das so wichtig ist? „Wenn man einmal einen Menschen schreiend unterm Auto hat liegen sehen und warten musste bis die Feuerwehr kommt, dann weiß man, wovon man spricht.“

Aus diesem Grund wiederholt die Polizei die „personalintensivste Präventionsaktion in unserer Geschichte“, wie Böblingens Polizeipressesprecher Uwe Vincon vor einem Jahr sagte. Von Donnerstag, 6 Uhr, bis Freitag, 6 Uhr, wird geblitzt, was die Laser hergeben.

Die erste Zwischenbilanz für die Kreise Böblingen und Ludwigsburg bis gestern, 14 Uhr: 27 851 Autos, Lkw und Motorräder gemessen. 572 Raser unterwegs. 480-mal Verwarnungsgeld, 92-mal Bußgeld. 22 Führerscheine weg.

Schießt scharf, aber selten: der Laser vor dem Waldparkplatz zwischen Ehningen und Dagersheim. Bild: Bäuerle