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Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 12.11.2015

„Lebensstil bleibt unberücksichtigt“

Essen und Trinken: Ernährungsexperten kritisieren WHO-Studie zur Krebsgefahr durch Fleischverzehr

Aufregung an der Fleischtheke, nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO Fleischprodukte wie Wurst und Schinken als krebserregend eingestuft und rotes Fleisch als „wahrscheinlich krebserregend“ bezeichnet hatte. Doch ganz so heiß soll auch diese Suppe nicht gegessen werden, davon ist die Tübinger Forschungsgruppe Dr. Feil überzeugt.

Die Forschungsgruppe um den Tübinger Biologen, Sportwissenschaftler und Ernährungs-Experten Dr. Wolfgang Feil, der im Kreis Böblingen unter anderem mit Vorträgen zur Ernährung bei Arthrose-Erkrankungen bekannt geworden ist, agiert bundesweit und besteht aus Ärzten der unterschiedlichsten Disziplinen, Biologen und Ernährungswissenschaftlern.

Auf der Internetseite (www.dr-feil.com) der Forschungsgruppe heißt es unter anderem: „Die WHO beruft sich bei der Einstufung auf eine neue Korrelationsstudie der International Agency for Research on Cancer (IARC), die ihre Erkenntnisse in der Lancet Oncology veröffentlicht hat. Darin warnten die Wissenschaftler vor dem Verzehr von rotem Fleisch, obwohl sie im gleichen Artikel festgestellt hatten, dass es wenig Anhaltspunkte dafür gibt, dass der Verzehr von rotem Fleisch krebserregend wäre“.

In dieser Korrelationsstudie seien 800 Einzelstudien ausgewertet und zusammengefasst worden. Dr. Feil: „Korrelationsstudien liefern jedoch nur Hinweise auf Zusammenhänge, aber keine harten wissenschaftlichen Daten. Der Lebensstil, die Essgewohnheiten und die Qualität der Produkte bleiben unberücksichtigt. Gerade bei Wurst, Würstchen und Fleisch sind Qualitätsunterschiede allerdings entscheidend. Denn Fleischprodukte aus industriellen Mastbetrieben enthalten oft ein Übermaß an Arachidonsäure, da die Tiere nicht im Freien sind, sich kaum bewegen und einen hohen Stresslevel aufweisen“. Diese Arachidonsäure fördere Entzündungen im Körper und trage damit zur Entstehung von Krebs bei.

Das Fazit der Forschungsgruppe Dr. Feil: „Die Studie bringt nur den Erkenntnisgewinn, dass unbearbeitetes Fleisch gesünder ist als verarbeitetes Fleisch – wie Wurst, Würstchen und Schinken. Ob Fleisch oder Fleischprodukte langfristig die Gesundheit schädigen, hängt von der Qualität des Fleischs ab.“ Biofleisch und Weidetierprodukte seien aufgrund ihres Eiweißgehalts hochwertige Lebensmittel für Muskulatur, Knochen und Immunsystem. Generell empfehle die Forschungsgruppe eine vielfältige Eiweißversorgung aus tierischen und pflanzlichen Quellen. Hierzu gehörten Eier von freilaufenden Hühnern, Fleisch und Fleischprodukte aus artgerechter Produktion, Rohmilchkäse, Quark und pflanzliche Eiweißspender wie Linsen, Erbsen, Bohnen und Nussmehle.

Auch die „Wissenschaftsredaktion“ des auf Ernährung spezialisierten Systemed-Verlags urteilt in einer Pressemeldung, die Zusammenhänge in den einzelnen Studien seien statistisch nicht immer klar abgesichert. Damit bleibe die Frage offen, ob Fleisch und Wurst per se risikosteigernd wirken oder ob andere Einflussfaktoren, die mit hohem Fleischkonsum einhergehen – beispielsweise weniger Gemüse, kaum Sport, höheres Gewicht oder auch Rauchen – dahinter stecken.

Außerdem seien die mitgeteilten relativen Risikosteigerungen mit 10 bis 20 Prozent relativ schwach. Dies könne auch bedeuten, dass sie „möglicherweise auf Störgrößen wie einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen sein und nicht auf den Fleischgenuss per se“. So würden beispielsweise in Großbritannien weniger Fleisch und Wurst verzehrt als etwa in Spanien oder Frankreich, dennoch sei das Darmkrebsrisiko in England deutlich höher als am Mittelmeer, heißt es an anderer Stelle.

Die Diskussion, so die „Wissenschaftsredaktion“, sei nicht neu: So hätten der World Cancer Research Fund und das American Institute for Cancer Research bereits 2007 den Zusammenhang zwischen Fleisch, Wurst und Darmkrebs als überzeugend eingestuft. Die europäische EPIC-Studie hätte hingegen bis zu einer Menge von 80 Gramm rotem Fleisch täglich oder 600 Gramm wöchentlich kein erhöhtes Darmkrebsrisiko gefunden. Auch andere Organisationen, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, rieten nicht generell vom Fleischverzehr ab, sondern würden Vielessern eher einen moderateren Konsum im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung empfehlen. Und: Vegetarier hätten kein geringeres Darmkrebsrisiko als Fleischesser. Auch dies, so der Schluss der Verlags-Wissenschaftler, spreche dagegen, Fleisch als alleinige Ursache von Darmkrebs einzustufen.

Info

Die umstrittene Studie ist auf English auf der Seite www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045%2815%2900444-1/abstract nachzulesen.

Entscheidend sei, wie bei nahezu allen Dingen, vor allem die Dosis, die Fleisch und Wurst zur Gesundheitsgefahr machten, sagen die Kritiker der Studie. Bild: Jung