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Bernd Heiden · 07.03.2013

„Kaum einer weiß Bescheid“

Sindelfingen: Interesse und Wissensbedarf zum Thema Gemeinschaftsschule sind groß, wie eine Diskussion an der Eichholzschule zeigt

Riesiges Interesse: Aus allen Nähten platzte der Musiksaal der Sindelfinger Eichholz-Schule bei einer Podiumsdiskussion zur Gemeinschaftsschule mit den SPD-Landtagsabgeordneten Florian Wahl und Dr. Stefan Fulst-Blei, Rektorin Barbara Knöbl, Lehrerin Nicola Queitsch und Schul- und Kulturamtsleiter Horst Zecha.
Lehrer heißen jetzt Lernbegleiter, zum Klassenzimmer kommt das Lernatelier und für gute Schüler gibt es „Könnens-Buttons“: Die Gemeinschaftsschule, das wohl meistdiskutierte Schulprojekt der grün-roten Landesregierung ist eines der häufigsten Schlagwörter in der Bildungsdiskussion (Bild: Fotolia). „Doch kaum einer weiß Bescheid“, sagt Barbara Knöbl, deren Schule seit diesem Schuljahr Gemeinschaftsschule ist. Dieser tatsächliche oder nur vermeintliche Wissensmangel trieb wohl so zahlreiche Gäste zur Diskussion, die der Moderator, der SPD-Landtagsabgeordnete Florian Wahl, eigentlich als Aufklärungsveranstaltung sah.
So könne vor dem Hintergrund schwindender Schülerzahlen die Gemeinschaftsschule die Sicherung eines Schulstandorts sein, sagt Dr. Stefan Fulst-Blei, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Und erwähnt nebenbei, dass dieses Schuljahr 850 Hauptschulen im Land keine fünfte Klasse bilden konnten. Dabei erlebt der Lehrer in seiner Heimatstadt selbst das große Schulschließen: Mannheim habe die letzten Jahre sechs Werkrealschulen dicht machen müssen, weitere würden folgen.
Wenn sie funktioniert, bietet die Gemeinschaftsschule wohnortnahe Schulversorgung für alle Kinder gemeinsam über die Grundschulzeit hinaus: Rektorin Knöbl, die zwei fünfte Klassen mit je 19 Schülern an ihrer Gemeinschaftsschule hat, strebt an, über Haupt- und Realschulabschluss hinaus auch eine gymnasiale Oberstufe mit Abitur einzurichten. Dafür braucht sie allerdings mindestens 60 potenzielle Abiturienten. „Wir haben einen großen Weg vor“, sagt sie: „Wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, gehen wir in Kooperation mit umliegenden Gymnasien.“
Nicht über Nacht
Indes zeigt das Beispiel Eichholzschule auch, dass eine Schule nicht über Nacht zur Gemeinschaftsschule werden kann. Barbara Knöbl studierte das Schulsystem in England, Schottland und Irland. Seitdem war sie am Thema längeres gemeinsames Lernen statt Selektion nach der vierten Klasse dran. „Schon im Januar 2001 habe ich mir darüber Gedanken gemacht“, sagt Knöbl, die seit 2000 Rektorin im Eichholz ist.
Dazu entwickelte die Schule schon lange im Voraus auch ihre Infrastruktur: Sie gewann Raum für eine Mensa durch den Bau einer neuen Sporthalle, ist schon länger Ganztagsschule und hat Erfahrung mit Schulsozialarbeit. Und in einer Abstimmung entschied sich das Kollegium einstimmig für den Weg Gemeinschaftsschule.
Begleitung der Schüler in weit stärkerem Maß als bislang ist ein Merkmal des neuen gemeinsamen Unterrichts, erzählt Nicola Queitsch, die sich mit Einführung der Gemeinschaftsschule nicht mehr Lehrerin sondern Lernbegleiterin nennt. Anders als an herkömmlichen Schulen steht jeden Tag an der Gemeinschaftsschule in dritter und vierter Stunde eine individuelle Lernzeit an. Hier arbeitet jeder Schüler mehr oder weniger für sich an Aufgaben aus dem Bereich Englisch, Mathe oder Deutsch. Wer Hilfe braucht, bekommt die durch Schülerexperten oder den Lernbegleiter.
Individuelles Lernen
In dieser Doppelstunde bearbeiten die Schüler Lernpakete mit einem identischen Pflichtteil und in einem zweiten Teil frei wählbare unterschiedliche Aufgaben auf unterschiedlichem Niveau. Alle Schüler erhalten dazu ein wöchentliches Coaching. Hier wird das von jedem Schüler geführte Lerntagebuch, in dem er seine persönlichen Lernziele für die individuelle Lernzeit täglich festlegt, besprochen. Treten Schwächen in oder Vernachlässigung einzelner Fächer auf, wird der Schüler darauf hingewiesen, hier verstärkt zu arbeiten. Auch kommen längerfristige Lernziele zur Sprache.
Mit drei Unterschriften von Lehrern und fünf Schülern kann ein Schüler zum Experten mit so genanntem Könnens-Button avancieren. Er ist in der individuellen Lernzeit Ansprechpartner für schwächere Schüler. Dafür darf der Experte zweimal pro Woche im Musiksaal – dem Lernatelier – für eineinhalb Stunden alleine arbeiten.
Über diesen neuen Gemeinschaftsschulunterricht hinaus erhalten die Klassen normalen Fachunterricht. Für eine Klasse steht ein Klassenlehrer, der auch Coach ist, zur Verfügung neben einem zusätzlichen Coach. Macht pro Lehrkraft zehn Schüler.
Hat das Zukunft und welche Kosten kommen auf uns zu? So fasst Horst Zecha die Diskussion zusammen, die im Sindelfinger Gemeinderat vor der Einrichtung einer Gemeinschaftsschule im Eichholz geführt wurden. „Das finde ich für eine neue Schulform nicht spektakulär“, sagt er dazu. Für die Zukunft der Sindelfinger Schulen sagt er eine pragmatische Fortschreibung des Schulentwicklungsplans voraus. „Wir werden sehr situationsbezogen arbeiten.“
„Das Rad werden sie nicht mehr zurück drehen können“, prophezeit Dr. Stefan Fulst-Blei zur Zukunft der Gemeinschaftsschule. Allerdings müsse sich die neue Schulform im Wettbewerb gegenüber Realschulen und Gymnasien behaupten.
Freilich sieht auch der Bildungsexperte die Planungssicherheit der Kommunen in Gefahr mit dem aufziehenden Schulkannibalismus: Wenn Schulen über Umwandlung zur Gemeinschaftsschule versuchen, die weniger werdenden Schüler an sich zu ziehen. Sindelfinger Schulen könnten davon durch Einrichtung von Gemeinschaftsschulen in Magstadt und Ehningen betroffen sein.