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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 16.04.2016

„Im Übermorgen denken, um im Heute erfolgreich zu sein“

Sindelfingen: Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Divison der T-Systems bei der SZ/BZ-Zukunftsveranstaltung im Marriott-Hotel, über die Digitalisierung

Als Sportlerin war Anette Bronder ziemlich ehrgeizig. Heute ist sie es im Beruf. Wie eng bei ihr beides miteinander verknüpft ist, wurde bei der Zukunftsveranstaltung des Röhm-Verlags im Sindelfinger Hotel Marriott deutlich. Auf Einladung der SZ/BZ sprach die Direktorin der Digital Division bei der Telekom- Tochter T-Systems vor Unternehmern und Geschäftsführern über ihr Spezialgebiet, die Digitalisierung.

„Wir haben die erste Halbzeit verloren“, sagte die ehemalige Torhüterin der Sindelfinger Handball-Regionalliga-Mannschaft, „jetzt muss die zweite Halbzeit uns gehören.“ Man sei in Europa in Sachen Digitalisierung einfach nicht aufmerksam genug gewesen und habe deshalb Google und Co. das Feld überlassen (müssen). Doch habe die hiesige Wirtschaft – vom Mittelstand bis zur Großindustrie – die Qualität, verschiedenartige Intelligenzen zu verknüpfen.

Dabei will sie, nicht nur bei ihren 1600 Mitarbeitern, durchaus die Rolle der Spielführerin übernehmen: „Ich will gerne zu denen gehören, die aufzeigen, dass wir in Deutschland in der Lage sind, da ein Wörtchen mitzureden.“ Digitalisierung sei freilich nichts, was erst noch komme: „Sie ist schon da.“

Deshalb genüge es nicht, nur eine gute Idee zu haben, die Kunden sexy oder spannenden finden: „Wir müssen damit Geld verdienen. Deswegen müssen wir für die Kunden einen wirklichen Nutzen herstellen. Und das ist bei Geschäftskunden gar nicht so einfach.“ Deshalb dürfe man nicht einfach auf alles setzen, was gut und innovativ aussehen würde.

Grundsätzlich aber gelte: „Du musst im Übermorgen denken, um im Heute erfolgreich zu sein.“ Wer das nicht könne, werde schon in der Entwicklungsphase vom Wettbewerb überholt. Auch in ihrem Haus habe man das lernen müssen, denn die Geschäftsmöglichkeiten mit Festnetz und Sim-Karten seien endlich.

Heute, sagte Anette Bronder, würden jeden Tag neue Produkte und Lösungen angeboten. Entscheidungen müssen entsprechend schnell getroffen werden. Da und dort mit einzusteigen, käme manchmal schon einer Wette gleich. Das hieße aber längst nicht, jeden digitalen Blödsinn mitzumachen.

Viele Unternehmen seien heute gerade dabei, ihren Weg der Digitalisierung zu suchen. Für besonders wichtig hält sie dabei: „Es muss Branchen übergreifend sein.“ Dabei reiche es nicht aus, nur Daten zu sammeln. Für am besten hielt sie, wenn diese die Intelligenz gleich mitbringen. Als Beispiel nannte sie die Allianz, die sich für Echtdaten beim Autofahren interessiert. Die Versicherung will so herausfinden, mit welchem Fahrstil ihr Versicherungsnehmer unterwegs ist, um ihn in der entsprechenden Risiko- und Tarifklasse einordnen zu können. In diesem Beispiel geht es um Daten, die ohnehin unterwegs sein werden, wenn die Autos untereinander kommunizieren.

Nach der Einschätzung von Anette Bronder hat die Digitalisierung die größten Auswirkungen auf die Automobilbranche sowie überall da, wo produziert wird. Mittleren Einfluss sieht sie in der Medizin (2017 soll die elektronische Patientenakte eingeführt werden) und in der Wartung. Nicht nur bei Fahrzeugen, sondern beispielsweise auch bei Maschinen, Heizungen oder Aufzügen, wo sich Ingenieure und Mechaniker lange Reisen sparen können, wenn Aufträge quasi per Fernsteuerung erledigt werden.

Grundsätzlich rät Anette Bronder, sollten Unternehmen weniger Gedanken darauf verschwenden, wie sie Angriffe auf ihr Geschäftsmodell abwehren. Sie müssten vielmehr dahin kommen, dass sie Innovationen aufnehmen und zur Geltung bringen. So habe auch die Telekom lange Zeit geglaubt, sie könne alles alleine machen: „Davon muss sie sich grad ganz gewaltig verabschieden.“ Jetzt arbeite das Unternehmen mit kleinen Firmen, auch mit Start-ups zusammen, um deren Ideen für sich zu nutzen.

Dass das von Anette Bronder geforderte Im-Übermorgen-Denken manchmal durch Rahmenbedingungen eingeschränkt wird, die von Gestern sind, daran erinnerte Dr. Wolfgang Röhm. Der SZ/BZ-Verleger mahnte die Politik, sich hier nach vorne zu bewegen. Bezahlbare Gewerbeflächen für Ansiedlung und Expansion bezeichnete er als riesen Problem. Bei der Infrastruktur für Verkehrs- und Datenströme kritisierte er: „Da ist auch nicht alles klasse.“ Außerdem dürfe der Rechtsrahmen, insbesondere bei Arbeits- und Steuerrecht, mittelständische Unternehmen nicht länger erdrücken.

Diese Dinge würden nur für einen mäßig positiven Blick in die Zukunft sorgen und deshalb die Investitionsbereitschaft der deutschen Wirtschaft niedrig halten. Hinzu käme eine ständig wachsende Anzahl von Regulierungen wie Mindestlohn, bei Werkverträgen oder der Erbschaftssteuer: „Das frisst mich persönlich an.“ Am schlimmsten finde er dabei, so Dr. Wolfgang Röhm, „dass die Treiber immer weniger werden, die Unternehmensnachfolger, die Unternehmensgründer“.

Dass der Röhm-Verlag, für die Zukunft gut aufgestellt sei, unterstrich Verlagsleiter und SZ/BZ-Chefredakteur Hans-Jörg Zürn (Bild: Fotoknobi). Dass die Verbreitung von Nachrichten auf Papier an Bedeutung verliere, fange man dadurch auf, dass man alle Lebensbereich im Internet abbilde. „Unsere Aufgabe als lokale Tageszeitung ist es, Informationen zu sammeln, zu bewerten, zu kommentieren und zu verbreiten – auf welchem Kanal auch immer. Das ist unser Kerngeschäft und dafür gibt es auch weiter einen Markt“, so Hans-Jörg Zürn.

Auch bei der SZ/BZ sieht man die Digitalisierung als große Chance. „Vor allem durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Unternehmensbereiche erzielen wir eine Wertschöpfung, die uns zuversichtlich in die nächsten Jahre blicken lässt“, sagte der SZ/BZ-Verlagsleiter.

Sindelfinger Runde: Eberhard und Lorenz Elsässer, Dr. Alexander Schmitt (Bitifeye GmbH), Harry Kibele (VfL Sindelfingen) und Frank Fausel von der Kreissparkasse.

SZ/BZ-Verleger Dr. Wolfgang Röhm im Gespräch mit Sindelfingens Erstem Bürgermeister Christian Gangl.

Matthias Zorn (links) von Kurz + Mössner in Sindelfingen mit Andreas Röhm. Bilder: Fotoknobi