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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 15.10.2011

Glaubwürdigkeit im Kunst-Jet-Set

Sindelfingen: Autorin Silke Scheuermann mit ihrem Roman „Shanghai Performance“ im Schauwerk

Enga

giert hat das Schauwerk dafür die preisgekrönte Schriftstellerin Silke Scheuermann, die nun aus ihrem im Februar erschienen Roman eine Leseprobe gibt.

Zentrale Figur von Shanghai Performance ist die mit dem internationalen Kunst-Jet-Set den Globus umkreisende Performance-Künstlerin Margot Wincraft, die eine Kunstaktion in der chinesischen Metropole vor Ort inszeniert. Deren reales Vorbild ist die existierende Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft. Deren Markenzeichen sind Lebend-Skulpturen aus einem Ensemble von in Rechteckform aufgestellter weiblicher, fast splitternackter Models. Zwei monumentale Fotos zweier solcher Performances zeigt die aktuelle Schauwerk-Ausstellung „lichtempfindlich – zeitgenössische Fotografie aus der Sammlung Schaufler“.

Kunstkundige Literatur-Rezensenten von Scheuermanns Roman frohlockten bei der Lektüre, hier werde endlich Vanessa Beecroft, die ihre Performances gerne mit Glitzern, Glanz und Glamour inszeniert, eins ausgewischt.

Im Schauwerk freilich rückt Scheuermann (Bild: z), die 2008 für zwei Monate als Artist in residence in Shanghai weilte, die Zusammenhänge zurecht. „Ich kenne Vanessa Beecroft gar nicht.“ Und auch wenn im Roman von echten Künstlern wie Neo Rauch oder Robert Rauschenberg erzählt wird: Alle handelnden Personen seien frei erfunden. Die Performance der fiktiven Wincraft im Roman dagegen ist dem Ablauf einer echten Beecroft-Arbeit nachgebildet. Scheuermann erlebte die Beecroft-Performance von Berlin 2005 in der Neuen Nationalgalerie.

Selbst wenn der Roman die Glitzerwelt und Oberflächlichkeit des Kunst-Jet-Set aufs Korn nimmt, etwa mit der mythenumrankten Schilderung von Wincraft-Partys, ihre Frage an das Metier sei Glaubwürdigkeit gewesen, sagt Autorin Scheuermann. Eine Frage die nicht nur jeden x-beliebigen Sammler oder Museumsbesucher, sondern in puncto Literatur auch jeden Buchhändler angehe.

Wie der aus der Sicht der Wincraft-Assistentin Lisa erzählte Roman peu à peu mit überraschendem Finale enthüllt, sind zumindest die Opfer immens, die ein kompromissloses, alles der Kunst unterordnendes Leben fordert. Die eingangs aufblitzende Frage vom anständigen Leben aber stellt sich zum Romanende vehement. Anstand mag dabei vergilbt klingen. Aber würde sich diese moralische Kategorie im Betrachter nicht melden, verlöre auch eine Beecroft-Performance komplett den Reiz des Provokativen. Sie wäre schlicht Peepshow.