Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserem Mitarbeiter Heinz Richter · 27.06.2017

Für Menschen mit und ohne Arbeit

Böblingen: Katholisches Arbeiterzentrum feiert 30-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür

Eine Einrichtung wie das katholische Arbeiterzentrum (KAB) in Böblingen ist bislang einmalig in Deutschland. Jetzt feierte die Betriebsseelsorge, die Arbeitnehmern aller Konfessionen hilft, ihr 30-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür in den Räumen in der Sindelfinger Straße.

Der Initiator der Gründung des Arbeiterzentrums, Pfarrer Paul Schobel, ist zwar im Ruhestand, aber immer noch für seine Arbeitnehmer tätig.

Am 1. Dezember 1972 wurde er zum Industriepfarrer für das Katholische Dekanat Böblingen ernannt. Aber Pfarrer Schobel wollte mehr wissen über die Arbeitsplätze derer, die er betreute, und nicht nur angelehnt an die Bibel Ratschläge geben. Schon ein Jahr nach seiner Ernennung zum Industriepfarrer geht er als ungelernter Arbeiter in die Motorenmontage zum Daimler ans Band im Sindelfinger Werk. Das allerdings kommt nicht überall gut an. Zwischen der IG Metall und der Katholischen Betriebsseelsorge (KAB) kommt es zu Verstimmungen.

Schon ein Jahr später steht der Pfarrer wiederum beim Daimler am Band, dieses Mal in der Endmontage, der Überkopfarbeit. Er weiß, wovon seine Ratsuchenden sprechen, wenn sie zu ihm kommen. Wenig später entsteht der „Daimler-Treff“ im Gemeindehaus Sankt Maria.

Pfarrer Schobel leistet noch einige Praktikantenzeiten in den Betrieben ab: als Schweißer im Daimler-Presswerk, beim Kühlmaschinenbauer Bitzer in Sindelfingen und als Elektriker in der Schaltgeräte-Fabrik Wickmann in Böblingen. Zwischendurch schreibt er das Buch „Dem Fließband ausgeliefert“. Er bekommt viel Lob, muss aber auch Kritik einstecken.

Beim Arbeitskampf der Metaller und der Drucker war er hautnah dabei. Am 31. Januar 1987 wird das Arbeiterzentrum eingeweiht, während bei der IBM der Kampf um die Einführung der „Konti-Schicht“ mit Sonntagsarbeit beginnt.

1993 kommt Pastoralreferent Patrik Schneider aus Singen/Hohentwiel als zweiter katholischer Betriebsseelsorger nach Böblingen. Acht Jahre später zieht es ihn als Berufsschullehrer nach Gaggenau.

Hilfreich steht das KAB den Beschäftigten zur Seite, als 2004 die Firma Solo in Maichingen 107 von 300 Beschäftigten entlässt und 30 000 Mitarbeiter von Daimler-Chrysler gegen die Sparpläne in Sindelfingen protestieren.

Seit 2002 verstärkt der Theologe Walter Wedl die Betriebsseelsorger. Er weiß, wovon er spricht, war zuvor zwölf Jahre lang bei HP tätig.

Applaus bekam Walter Wedl jetzt bei der Jubiläumsfeier, als er bekannt gab, dass das Arbeiterzentrum auch weiterhin im bestehenden Gebäude bleibt. Es waren Überlegungen vorhanden, es in den geplanten Neubau unterhalb der Bonifatiuskirche zu verlegen.

Pfarrer Schobel erinnerte in seinen Worten an die Einweihungsfeier des Arbeiterzentrums vor 30 Jahren. „Wir hatten damals unter jeden zehnten Stuhl eine rote Karte gelegt, weil jeder Zehnte arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit betroffen war. Als alle mit den roten Karten aufstehen sollten, stand auch der damalige OB von Böblingen auf. „Wir waren nie eine Kuschelparty“, sagte Paul Schobel rückblickend. Die Arbeitslosigkeit sei überwunden, nun gehe es um humane Arbeit.

Mehrere Gruppen treffen sich regelmäßig in den Räumen der KAB. Darunter ist der offene Treff „Mein drittes Leben“ für diejenigen, die sich aus dem Arbeitsleben in den Ruhestand verabschieden und vielleicht doch noch nicht ganz abschalten können.

Seit dreißig Jahren gibt es das Arbeiterzentrum in Böblingen, eine bislang einzigartige Einrichtung. Margita Künzl hatte zum Jubiläum eine Torte gebacken, die im Namen der Gemeinde überreicht wurde. Auf unserem Foto (von links): Büroleiterin Franziska Grimm mit den Pfarrern Walter Wedl und Paul Schobel. Bild: Richter