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Von unseren Redakteuren Roman Steiner und Hansjörg Jung · 30.01.2016

„Der wichtigste Beruf der Welt“

Redaktionsgast des Monats: Andreas Kindler, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, im Gespräch mit der SZ/BZ / Hofläden und regionale Produkte im Trend

Milchpreise im Keller, Höfesterben allenthalben und Verbraucher, die vor allem nach dem Preis schauen – die Bauern haben es hierzulande nicht leicht. „Die Situation ist dramatisch“, sagt der Kreisbauernverbandsvorsitzende Andreas Kindler.

Die SZ/BZ sprach mit Andreas Kindler, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, über Probleme und Perspektiven in der Landwirtschaft.

Wie geht es den Bauern im Landkreis?

Andreas Kindler: „Die Situation ist dramatisch. Das gilt sowohl für den Milchvieh-und Schweine-Sektor als auch für die Getreidepreise. Wir haben traditionell viel exportiert, aber die Schwellenländer boomen nicht mehr so, wie noch vor ein paar Jahren, und der Handel mit Russland ist zusammengebrochen“

Und das Höfesterben geht weiter?

Andreas Kindler: „Ja. Als ich vor 16 Jahren Vorsitzender des Kreisbauernverbands wurde, hatten wir 1600 Mitglieder. Heute sind es nur noch knapp 800. Wir haben bei uns im Landkreis jährlich einen Rückgang von cirka vier Prozent. In anderen Gegenden sind es nur 2,5 Prozent Rückgang.“

Der Verbraucher will die Vielfalt.

Woran liegt das?

Andreas Kindler: „Das liegt einerseits an der Struktur im Kreis Böblingen, wo man in der Industrie gutes Geld verdienen kann und es sich deshalb zweimal überlegt, ob man einen Hof übernehmen will. Dann ist es die Politik, die für die Landwirtschaft andere Weichen stellt als der Verbraucher eigentlich will. Denn dieser will die Vielfalt in kleineren Betrieben. EU-Richtlinien bringen aber viele kleine Betriebe an ihre Grenzen, und so werden Großbetriebe noch größer und kleine fallen weg.“

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zum Verbraucher?

Andreas Kindler: „Das Vertrauen in die Landwirtschaft ist zwar hoch, aber man müsste einfach mehr Wissen darüber verbreiten, schließlich ist dies der wichtigste Beruf der Welt. Wir produzieren Lebensmittel. Die Leute wissen mehr über Autos als über Landwirtschaft. Früher waren die Höfe mitten in den Gemeinden. Heute fehlen einfach der Kontakt und der Bezug zum Bauernhof. Deshalb sollte in den Schulen ein landwirtschaftliches Praktikum Pflicht sein, damit die Kinder lernen, welche Arbeit hier geleistet wird und was ein gutes Lebensmittel ausmacht. Denn es gibt schon merkwürdige Vorstellungen über das Leben und die Arbeit auf dem Hof.“

Woran denken Sie dabei?

Andreas Kindler: „Wir haben keine Massentierhaltung im Kreis Böblingen, aber wir haben eine industrialisierte Agrarproduktion. Das hat wenig mit der Idylle zu tun, die in manchen Köpfen noch herumspukt. Ohne Mechanisierung ist die Arbeit auf dem Acker und im Stall heutzutage nicht mehr zu bewältigen. Und Leute, die beim Wort Melk-Roboter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, haben noch nie gesehen, wie ein säugendes Kalb gegen das Euter schlägt. Das ist der Roboter viel sanfter.“

Apropos Milch: Hat die Aufhebung der Quote die Situation noch verschärft?

Andreas Kindler: „Nein, es gab schon vorher Kollegen, die die Quote überzogen haben. Die niedrigen Milchpreise liegen nicht an den Quoten, vielmehr an der bereits genannten Schwäche der asiatischen Märkte und dem Export-Embargo nach Russland.“

Man muss offenbar erst zur Mangelware werden.

Wie sehen die Zukunftsperspektiven aus?

Andreas Kindler: „Regionale Produkte sind inzwischen mehr gefragt als Bio-Produkte. In gewisser Weise erleben Hofläden eine Renaissance. Man muss offenbar erst zu Mangelware werden, damit sich die Leute für einen interessieren.“

Sie stellen Ihren Hof derzeit auf Bio um. Ist dies eine Perspektive für mehr Erlöse?

Andreas Kindler: „Nein, man verdient eher weniger. Aber man spart sich Kosten etwa für Pflanzenschutz. So kann man auch mit etwas weniger Ertrag auskommen. Letzten Endes kommt es einfach auf die innere Einstellung an. Ich habe das schon vor zehn, fünfzehn Jahren versucht, aber die Widerstände waren damals zu groß.“

Soja-Anbau wird in den letzten Jahren immer wieder diskutiert, weil aus Übersee fast nur gen-veränderter Soja kommt. Bietet sich damit eine Alternative?

Andreas Kindler: „Einzelne Bauern bauen Soja an, aber die klimatischen Voraussetzungen sind nicht so günstig und die Erträge stark schwankend. Es fehlen noch die passenden Sorten. Doch daran wird gezüchtet. Aber allgemein gilt: Eiweißträger haben Zukunft. Erbsen, Bohnen, et cetera – vor allem als Tierfutter.“

Sind Ihre Standesgenossen in ihrer Ausrichtung zu unflexibel?

Andreas Kindler: „Das kann man so nicht sagen. Freilich könnte im Kreis Böblingen mehr Flexibilität gefordert werden. Der Markt liegt ja mehr oder weniger vor der Haustür. Von der Politik erwarte ich dabei auch mehr Impulse und mehr Werbung.“

Zum Beispiel?

Andreas Kindler: „Naherholung und Tourismus sind immer ein Thema. Ferien auf dem Bauernhof – warum nur im tiefen Schwarzwald? Hier ist man nur 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, kann auch mal zum Shoppen – der Kreis Böblingen wäre ideal dafür.“

Was erwarten Sie von der künftigen Landesregierung?

Andreas Kindler: „Vor allem Bürokratieabbau. Und eine Harmonisierung innerhalb der EU. Einheitliche Standards, etwa bei Kontrollen oder bei dem Einsatz von Produktionsmitteln. Ich erwarte auch Ehrlichkeit, nicht nur schöne Worte. Wir werden erdrückt von Terminen, die uns von der EU auferlegt werden, ob sie sinnvoll sind oder nicht.“

Zur Person

Andreas Kindler, Jahrgang 1963, betreibt auf seinem Renninger Hof eine Pferdepension, baut unter anderem Linsen an, züchtet Mangalitza-Schweine, stellt Vogelfutter her und betreibt obendrein eine Swinggolf-Anlage. Außerdem sitzt er für die CDU im Kreistag.

Der Renninger Andreas Kindler, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, möchte den Ausbildungsberuf Landwirt populärer machen. Die Verbraucher würden immer noch zu wenig von der Arbeit der Bauern wissen. Bild: Reichert