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Von Jürgen Haar und Peter Bausch · 29.08.2014

Der Vater des IBM-Labors

Sindelfingen: Trauer um Prof. Dr. Karl Ganzhorn / Abitur am Goldberg-Gymnasium, Studium in Stuttgart

Im Alter von 93 Jahren ist der ehemalige IBM-Geschäftsführer Prof. Dr. Karl Ganzhorn gestorben. Der Physiker ist der Vater des IBM-Labors in Böblingen.

Noch vor Kurzem telefonierte Karl Ganzhorn mit der SZ/BZ-Redaktion und voller Tatendrang berichtete er von seinem neuen Buchprojekt. Vollenden konnte er das Werk nicht mehr, am 25. August starb Karl Ganzhorn in Maichingen.

Aufgewachsen in einer Sindelfinger Weberfamilie nutzt Karl Ganzhorn die Chance, die Ernst Ganzhorn seinen Söhnen offeriert: „Ihr könnt machen, was ihr wollt, wenn es bezahlbar ist.“ Karl Ganzhorn bringt gute Noten nach Hause, bekommt eine Freistelle im Gymnasium und das Schulgeld wird erlassen. Das Abitur am Goldberg-Gymnasium absolviert er 1939 mit zehn Einsern und zwei Zweiern.

Der Zweite Weltkrieg macht die Zukunftspläne des Abiturienten zunächst zunichte. In französischer Gefangenschaft in Nordafrika verschlingen Ganzhorn und Helmut Gruber, der Bruder des späteren Sindelfinger OB, deutsche Lehrbücher und begeistern sich für Mathematik und Physik. 1947 schreiben sich die beiden Sindelfinger an der Uni Stuttgart ein.

In einem Porträt anlässlich seines 90. Geburtstags schreibt Peter Bausch 2011 in der SZ/BZ über Karl Ganzhorn: „Der brillante Student fällt mit seinen Arbeiten auf. Auf der Straße wird er angesprochen, ob er nicht für die IBM arbeiten wolle: ‘Wollen Sie ein Forschungs- und Entwicklungslabor aufbauen?’ Karl Ganzhorn überlegt nicht lange: ‘Der Vorschlag hatte Hand und Fuß, zudem war mein Gehalt fast doppelt so hoch wie bei meinen Kollegen.’

Der Auftrag hört sich heute unglaublich an: „Machen Sie Physik für die IBM. Was, das ist Ihre Sache.“ Karl Ganzhorn (Bild: Stampe/A) bezieht einen Raum im alten Klemm-Gebäude an der Sindelfinger Straße in Böblingen. Darin stehen am Anfang drei einsame Reißbretter und ein Holzschreibtisch. Das ist alles. Der Physiker schaut weit voraus in die Zukunft. Und beeindruckt IBM-Chef Thomas Watson, der nach einem Besuch in Böblingen seinen Leuten sagt: ‘Geben Sie dem jungen Mann alles, was er wünscht.’

Es ist die Geburtsstunde des IBM-Labors. Weil in Sindelfingen schon die Lochkarten-Maschinenfabrik der Weltfirma steht, sollte die Forschung nach Böblingen. Der Konzern will die Gewerbesteuer an beide Städte gleichmäßig verteilen. Karl Ganzhorn entscheidet sich für den Schönaicher First, entwickelt das System 360: ‘Das ist die Grundlage für alle heutigen Computer.’ Das Beispiel macht Schule: Überall auf der Welt werden IBM-Forschungslabors gegründet.“

Fast 50 Patente in Elektronik und Informationstechnik meldete Karl Ganzhorn an, er verfasste über 70 wissenschaftliche Publikationen und er war Mitglied im Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland. Seinen Einsatz für die Wissenschaft honoriert der Bundespräsident 1982 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Karl Ganzhorn war Honorarprofessor der Universität Karlsruhe und Ehrensenator der TU München.

Auf seinen Wunsch fand die Beisetzung am Mittwoch im engsten Familienkreis statt.