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Von unserem Redakteur Daniel Krauter · 14.09.2017

„Das Pferd ist Partner und Verbündeter“

Redaktionsgast des Monats: Die sechsfache Olympiasiegerin im Dressurreiten, Isabell Werth, ist Feuer und Flamme für ihren Sport / Start bei den Stuttgart German Masters

Die sechsfache Olympiasiegerin im Dressurreiten, Isabell Werth, gastierte am Montag beim Böblinger Reit- und Fahrverein. Davor schaute die weltbeste Dressurreiterin in der SZ/BZ-Redaktion vorbei.

Die SZ/BZ hat sich mit Isabell Werth über die Faszination des Dressurreitens unterhalten.

Was treibt Sie zum Böblinger Reit- und Fahrverein?

Isabell Werth: „Als langjährige Botschafterin der German Masters in Stuttgart mache ich seit vielen Jahren im Vorfeld des Grand Prix´ in der Region Stuttgart auf diese hochkarätige Veranstaltung in der Schleyer-Halle aufmerksam. Diese Vor-Ort-Begegnungen bei den Reitvereinen bereiten mir große Freude. Die German Masters sind die schönste Hallenveranstaltung, die wir in Deutschland haben.“

Wie viel Anteil am Erfolg hat der Sportler, wie viel das Pferd?

Isabell Werth: „Ich denke 60 Prozent das Pferd, 40 Prozent der Sportler. Die richtige Balance zwischen Sportler und Pferd ist dabei ganz entscheidend.“

Was macht für Sie die Faszination am Reitsport aus?

Isabell Werth: „Die Beziehung zwischen Mensch und Tier – das ist das Besondere am Reitsport. Das Pferd ist Partner und Verbündeter, kein Sportgerät. Nur wenn Reiter und Pferd ein Team sind, können sie erfolgreich sein. Das unterscheidet den Reitsport auch von anderen Sportarten. Man arbeitet mit einem Lebewesen zusammen und bekommt sofort Rückmeldung. Ich gehe ja nicht jeden Tag ins Schwimmbad oder auf die Tartanbahn. Das heißt, es wird nicht einseitig oder langweilig. Der Sport und auch die Zucht haben sich so extrem weiterentwickelt, dass auch ich nach fast 30 Jahren Karriere jeden Tag noch dazulerne.“

Sehen Sie auf den ersten Blick, ob ein Pferd das Zeug zum Champion hat?

Isabell Werth: „Es ist ja eigentlich das Wunderbare an unserem Sport, dass nichts von heute auf morgen geht. Es gibt kein Patentrezept, man braucht Gefühl, Erfahrung und sehr viel Geduld. Die meisten Pferde haben ja schon vier oder fünf Jahre Ausbildung hinter sich, bevor man sie öffentlich auf Turnieren überhaupt zu Gesicht bekommt. Ich vergleiche das gerne mit der Kindererziehung, da gibt es ja auch ganz viele Möglichkeiten, einen Menschen zu formen.“

Sind Sie stolz darauf, dass Sie Ihre Erfolgspferde selbst ausgebildet haben?

Isabell Werth: „Ich bin sehr froh, dass ich in die Situation gekommen bin und Dr. Uwe Schulten-Baumer kennengelernt habe. Er hat mich gelehrt, was es heißt, junge Pferde auszubilden. Mit Madeleine Winter-Schulze habe ich eine wunderbare Mäzenin, die immer wieder junge Pferde für mich gekauft hat. Ich habe zweimal zur richtigen Zeit, an der richtigen Stelle, die richtigen Menschen getroffen. Und ja, auf die Ausbildung vieler unterschiedlicher Pferde bin ich stolz.“

Die Verantwortung ist immer da, 24 Stunden am Tag

Würden Sie sich mehr Aufmerksamkeit für Ihren Sport wünschen?

Isabell Werth: „Uns ist es in den vergangenen zehn Jahren leider nicht gelungen, darzulegen, was unser Sport wirklich bedeutet, was Dressursport an Arbeit, Know-how und Pferdeliebe mit sich bringt. Da steht ein ganzes Team 24 Stunden für die Pferde parat. Ich finde etwa die Diskussion über die Rollkur unsäglich, denn dabei wird alles in einen Topf geworfen, es wird nicht differenziert. Die Verantwortung ist immer da, 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr. Wir, ein ganzes Team, ist tagtäglich um das Wohlergehen der Pferde bemüht, wir gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Partner Pferd um.“

An der Ausbildung und den Trainingsmethoden von Dressurpferden gab es in der Vergangenheit häufiger Kritik. Vor allem an der Rollkur, bei der dem Pferd der Kopf unter Zwang unnatürlich an den Hals gelegt wird.

Isabell Werth: „Die tatsächliche Rollkur ist inakzeptabel. Leider werden die kritischen Diskussionen häufig nicht sachlich, sondern sehr populistisch geführt. Ausbildung bedeutet Gymnastizierung, Weiterentwicklung des vorhandenen Potenzials unter Berücksichtigung der körperlichen Voraussetzungen des jeweiligen Pferdes. Ein tieferes Einstellen oder gelegentliches Zu-eng-werden des Pferdehalses hat dabei nichts mit Rollkur oder falscher Ausbildung zu tun. Spielerisches Erlernen, Freude an der Bewegung stehen im Vordergrund, Pferdeausbildung ist wie Kindererziehung. Dazu gehört aber auch, zur rechten Zeit sanktionieren zu dürfen, ohne in die falsche Ecke gestellt zu werden.“

Bei den Europameisterschaften Ende August in Göteborg holten Sie sich Ihre EM-Medaillen Nummer 15, 16 und 17. Ganz besondere Erfolge, oder?

Isabell Werth: „Die abschließende Kür war schon besonders. Mein Mannschaftskamerad Sönke Rothenberger hatte ein hervorragendes Ergebnis vorgelegt, das hat uns hochgepusht. Weihegold und ich waren vollkommen fokussiert. Es war ein Highlight meiner Karriere.

Deshalb war ich wahrscheinlich auch emotionaler als sonst.“

Sie haben im Reitsport mit sechs Olympiasiegen, sieben WM-Titeln und 17 EM-Titeln alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Was treibt Sie an?

Isabell Werth: „Die vielen Erfolge sind natürlich schön. Am meisten Freude bereitet es mir aber, junge Pferde zu entdecken und ihre Talente zu entwickeln. Mich reizt es immer, ein Pferd auszubilden, das alle Möglichkeiten hat, einmal ein herausragendes Championatspferd zu sein. Ich sitze täglich bis zu sechs Stunden auf dem Pferd. Solange der Spaß da ist und die Gesundheit mitmacht, werde ich reiten. Der Turniersport wird sicher irgendwann weniger.“

Die Stuttgart German Masters, die vom 15. bis 19. November zum 33. Mal in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle über die Bühne gehen, sind für Sie ein besonderes Turnier, oder?

Isabell Werth: „Ja, ich komme seit mehr als 20 Jahren sehr gerne in die Schleyer-Halle. Ich war dort meistens sehr erfolgreich. Das Turnier war für mich immer auch mit großen Emotionen verbunden. 2000 habe ich dort Gigolo und 2011 Satchmo verabschiedet. Das Publikum ist sehr fachkundig und begeisterungsfähig.

Stuttgart ist ein sehr schönes Turnier. Bei der Kür erwartet uns ein Hexenkessel, in dem man sich trotzdem wohlfühlt, weil es genügend Platz gibt.“

Info

Am Gespräch nahmen von der SZ/BZ teil: Daniela Höhn (Leiterin Lesermarkt und Vorsitzende des Reitervereins Sindelfingen), Sina Renz (Anzeigenberaterin und aktive Turnierreiterin), Verlagsleiter und Chefredakteur Hans-Jörg Zürn sowie die Redakteure Daniel Krauter, Steffen Müller und Jürgen Wegner.