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Von unserem Redaktionsmitglied Rebekka Groß · 15.06.2018

Das Jugendhaus wird zum Drehort

Sindelfingen: Drei Schülerinnen des Gymnasiums Unterrieden gewinnen den Wettbewerb „Tatort Bodensee“ und drehen eigenen Film mit einem professionellen Team

„Kamera?“ – „Fertig!“. „Ton?“ – „Fertig!“. „Bitte“. Der Dreh kann beginnen. Schlagartig wird es mucksmäuschen still im Jugendtreff „Süd“ in Sindelfingen. Alle Anwesenden, ob vor oder hinter der Kamera, sind konzentriert bei der Sache. Rund 50 Schüler des Sindelfinger Unterrieden-Gymnasiums drehen hier unter der Anleitung von Profis ihren eigenen Film.

Egal ob Regie, Kamera, Ton oder Maske – jede einzelne Position ist von Schülern der elften Klasse des Sindelfinger Gymnasiums Unterrieden besetzt. „Das Besondere ist, dass die Schüler das unter professioneller Anleitung alles selbst machen“, sagt Regisseurin und Filmemacherin Sabine Willmann. Mit Rat und Tat zur Seite stehen den Schülern neben Regisseurin und Filmemacherin Sabine Willmann auch Schauspielcoach Torsten Hoffmann, Tontechniker und Komponist Oliver Heise, Kamera-Spezialist Nother Mahr und Paulina Knobloch, die vor vier Jahren den Wettbewerb „Tatort Bodensee“ gewonnen hat und seitdem beim Filmemachen geblieben ist.

Der Jugenddrehbuch-Wettbewerb „Tatort Bodensee“ ist eine Gemeinschaftsproduktion des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg, der Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest und der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg. Unterstützt wird das Projekt außerdem vom SWR, der MFG Filmförderung, dem Verband Deutscher Drehbuchautoren und der FSK. Er soll dazu beitragen, dass Jugendliche sich mehr mit dem Film als Ausdrucks- und Gestaltungsmittel auseinandersetzen. Die ersten drei Szenen des Drehbuchs „Djamil und das Bike“ sind von Autor Peter Hauser geschrieben. Die Aufgabe der Schüler ist es bei dem Wettbewerb, das Drehbuch zu Ende zu schreiben.

„Unser Lehrer hat uns vorgeschlagen, beim Wettbewerb mitzumachen. Eigentlich haben wir das nur aus Spaß gemacht und hätten niemals gedacht, dass wir zur Preisverleihung eingeladen werden oder dass wir sogar gewinnen“, sagt die Schülerin Vivian Prey. Gemeinsam mit Rosaly Mäule und Nadine Bela, ebenfalls vom Literaturkurs des Unterrieden-Gymnasiums, schreibt sie die Drehbuchvorlage zu Ende. „Wir dachten, dass wir gerne das Flüchtlings-Thema reinbringen wollen. Denn das ist heutzutage immer noch sehr präsent. Unser Ziel dabei war, mit Klischees aufzuräumen“, sagt Vivian Prey.

Geschichte eines schicken Fahrrads

Ihr Drehbuch erzählt die Geschichte eines jungen, gut integrierten Flüchtlings, der durch familiäre Probleme unter falsche Verdächtigungen seiner Freunde gerät. Dabei dreht sich alles um ein schickes Fahrrad und ein Jugendhaus. Ihre Idee kommt an und ihre Version gewinnt den Hauptpreis des Wettbewerbs – das Verfilmen des eigenen Drehbuchs.

Bei den Dreharbeiten wird schnell klar, wie viel Arbeit hinter so einem Film steckt. Jede Kamera-Einstellung muss einmal komplett gedreht werden. Die werden im Schnitt dann abwechselnd verwendet und sorgen für eine lebendigere Atmosphäre mit mehreren Blickwinkeln. Der Plan dafür wurde im Vorfeld erstellt. Jeder Dialog braucht rund fünf und jede kurze Szene bis zu zehn verschiedenen Einstellungen. So kommen für das gesamte Drehbuch etwa 70 Einstellungen zusammen.

„Am Anfang braucht es etwas, bis die Abläufe eingespielt sind und jeder weiß, was er zu tun hat. Ein Film braucht viel Zeit, Geduld und eine gewisse Art an Disziplin“, sagt Schauspielcoach Torsten Hoffmann. Bereits im Vorfeld hat der 40-Jährige mit den sechs Schauspielern und rund 30 Statisten trainiert. Denn es braucht Zeit, bis man eine Rolle verinnerlicht, weiß, wie die Person tickt und wie die Beziehungen untereinander sind. „Spannend ist die Entwicklung, die die Schüler machen. Sie lernen, sich in andere Rollen rein zu fühlen, sich etwas zu trauen und über sich hinauszuwachsen“, sagt der Schauspielcoach. Auch der Umgang mit der Technik, etwa mit Richtmikrofon Richtmikrophon, wurde im Vorfeld mit den Profis geübt.

„Alles auf Anfang“

Hussam Al-Hetaki aus Fellbach ist wie seine Filmrolle „Djamil“ ein syrischer Flüchtling. Er wurde vom Fellbacher Autoren Peter Hauser für die Rolle vorgeschlagen. Vor eineinhalb Jahren kam der 18-jährige Schüler nach Deutschland und besucht momentan ein Gymnasium in Winnenden. „Ich sehe viele Parallelen zu meiner Figur. Trotzdem war es für mich schwierig, eine andere Person zu verkörpern und auch Dinge zu sagen, die man selbst so nicht sagen würde. Aber es macht sehr viel Spaß und ist ein großes Hobby von mir“, sagt der 18-Jährige. Die weiteren Hauptrollen sind mit Anke Walter, Robin Renz, Anton Lipustin, Ahmed Abou-Taleb und Lea Ivanko von Schülern des Unterrieden-Gymnasiums besetzt.

Nach einigen Probe-Drehs, die dazu dienen, die Kameraeinstellung und die Tonqualität zu überprüfen, wird es ernst am Drehort. „Alles wieder auf Anfang. Jetzt geht’s um die Wurst“, sagt der 19-jährige Produktionsassistent Timo Mäule aus Magstadt, der die Video AG im Gymnasium Unterrieden geleitet hat und bereits für die Biennale in Sindelfingen im Einsatz war. Nach einigen Pinselstrichen der Masken-Zuständigen und der korrekten Positionierung der Schauspieler und Statisten kann es losgehen. „Kamera?“ – „Fertig!“ „Ton?“ – „Fertig!“ „Szene 15/1, erster Take.“ „Set“ – „Bitte“.

Info

Der Film läuft im Dezember bei der Filmschau Baden-Württemberg und konkurriert dort beim Jugendfilmpreis um einen der Geldpreise. Weitere Infos zum Wettbewerb und des Gewinner-Drehbuchs unter www.tatort-bodensee.de im Internet.