Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserer Mitarbeiterin Pamela Hahn · 15.10.2011

Blondes, rotes und dunkles Haar

Sindelfingen: Schauwerk der Schaufler-Stiftung präsentiert die drei Fotografinnen Astrid Klein, Bettina Rheims und Vanessa Beecroft

In der Themenführung „Frauenkunst-Kunstfrauen“ dieses und nächstes Wochenende sollen Fotoarbeiten untersucht werden, die von weiblichen Künstlern stammen und Frauen in den Fokus stellen – Weiblichkeit, gesehen durch den weiblichen Blick.

1839 wurde das neue Medium „Fotografie“ in Paris der Weltöffentlichkeit vorgestellt, und erst spät erreichten Fotoarbeiten wirklich Anerkennung als künstlerisches Medium. Bernd Becher war ab 1976 Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er und seine Frau Hilla bildeten einen großen Kreis junger Fotografen heran, die heute noch aktiv sind und die Fotografie bis heute stark prägen.

Düsseldorfer Schule

Viele Protagonisten dieser sogenannten Düsseldorfer Schule sind in der Sammlung Schaufler vertreten. Auch Astrid Klein, heute selbst Professorin in Leipzig, ist mit vier unbetitelten Arbeiten in der Ausstellung zu sehen. Ihre großformatigen Werke sind im strengen Sinne keine Fotografien, sondern Collagen. Auf etwa anderthalb Metern werden Fotos und Filmstills mit Textfragmenten aus ganz unterschiedlichen Quellen kombiniert. Unter anderem zeigt Astrid Klein eine Frau im 60er-Jahre-Outfit mit zeitgemäßem Schmollmund und starrem Blick im Klammergriff eines Mannes auf dem Boden liegend.

Schon das offensichtlich häusliche Umfeld und die ebenso offensichtlich ausgeübte Gewalt irritieren. Das begleitende Textfragment „daß vollkommene Liebe die Angst austreibe“ ist inhaltlich in der Bibel wieder zu finden und erhöht die Irritation noch. Das subtile Spiel mit der Text-Bild-Beziehung ist typisch für Astrid Kleins Collagen. Die gezeigten frühen Arbeiten entstanden 1979, erst ab 1997 wurde Vergewaltigung tatsächlich auch in der Ehe gesetzlich strafbar.

Models als Heldinnen

Ganz anders stellt Bettina Rheims in drei gezeigten Arbeiten aus der „Héroïnes“-Serie von 2005 Weiblichkeit dar. In teuren Pariser Haute Couture-Roben lichtete die Fotografin, die selbst zwei Jahre lang als Model gearbeitet hat, 50 zeitgenössische Frauen, die „Heldinnen“, ab. In der Ausstellung zu sehen sind Bilder der Französin Laetitia Casta, dem rumänischen Model Diana Dondoe und von Irina Lazareanu, die als Ex-Freundin von Babyshambles-Sänger Pete Doherty erstmals in der Öffentlichkeit auftauchte und von Kate Moss in die Welt der Topmodels eingeführt wurde.

Alle 50 Frauen, von denen längst nicht alle als Models tätig sind, wurden für die Serie vor einem Hintergrund in Grau- und Beigetönen fotografiert. Diese Kargheit lässt viel Platz für die Persönlichkeits-Erforschung, die Bettina Rheims mit ihren eindringlichen Aufnahmen betreibt. Denn ganz im Gegensatz zum Perfektions-Anspruch im Model-Alltag wurden sämtliche Lebensspuren auf den Körpern der Fotografierten herausgearbeitet: Blaue Venen wurden noch blauer, Muttermale wurden akzentuiert und Augenringe noch stärker betont.

Auch die edlen Stoffe haben auf den Bildern gelitten: Mit Klebeband und Schnüren werden die Roben zusammengehalten, manche sind zerrissen. Große Steinbrocken dienten für einige der Bilder als zusätzliches Accessoire. Auf einem solchen Brocken liegt Laetitia Castas Kopf, das hellbraune Haar aufgefächert auf der Gesteinsoberfläche. Schräg liegend blickt das Model dem Betrachter in die Augen. Um den Hals ist ein schmaler, mit schimmernden cremefarbenen Perlchen bestickter Schal geschlungen, der die Verletzbarkeit des ansonsten bloßen Rückens noch zusätzlich betont. An eine antike Opferszene erinnert das Arrangement unwillkürlich.

Diana Dondoes Pose für die Fotografin rekurriert noch unmittelbarer auf das kulturelle Bildgedächtnis: An christliche Marien-Ikonographie erinnert die Aufnahme des rumänischen Models. Umhüllt von schwarzem Tüll sitzt die damals 23-Jährige aufrecht, die weißen Hände mit den lackierten Fingernägeln über dem Herzen verschränkt. Ebenfalls an eine Frau aus der Bibel erinnert Bettina Rheims‘ Arbeit mit Irina Lazareanu: Hingestreckt auf den Felsblock wirkt die Lagerfeld-Muse mit dem charakteristischen Stirnpony wie Maria Magdalena bei der Kreuzabnahme Christi.

Lebende Bilder

Angetan mit Perücken und Ballettschuhen hingegen präsentiert die italienische Künstlerin Vanessa Beecroft die Frauen auf ihren Aufnahmen. Die Arbeiten sind visuelle Dokumentationen der Performances, die sie seit 1994 durchführt. Nahezu nackte Frauen, manchmal auch Männer, werden dabei als „Tableaux Vivants“, als lebende Bilder, in Szene gesetzt. Gezeigt wird eine dreiteilige Arbeit, die 2005 anlässlich der Performance in der Neuen Nationalgalerie in Berlin entstand. Die fotografierten Frauen tragen eine hautfarbene Nylonstrumpfhose. Sonst nichts.

Die 18 bis 65 Jahre alten Frauen standen während der Performance drei Stunden lang still. Sie mussten Regeln befolgen, die die Künstlerin aufgestellt hatte: Weder sprechen noch lachen, nicht sexy auftreten und auch nicht mit dem Publikum interagieren. Analog zu den schwarz-rot-goldenen Nationalfarben gruppierte Vanessa Beecroft auf den drei Tafeln jeweils Frauen mit blondem, mit rotem und mit dunklem Haar. Die zweite ausgestellte Arbeit entstand 2002 im Biennale-Pavillon in São Paulo, der vom Architekten Oskar Niemeyer entworfen wurde.

Lockenperücken

Vor den filigranen, strahlendweißen Bauteilen im Innenraum des Gebäudes posieren drei vollständig nackte Frauen unterschiedlicher Hautfarbe mit bis zum Knie geschnürten roséfarbenen Ballettschuhen. Alle drei tragen kurze Lockenperücken. Fragen nach Identität, nach Individualität, aber auch Themen wie Intimität und Selbstbestimmung werden so von der italienischen Künstlerin reflektiert.

Themenführung: „Frauenkunst – Kunstfrauen“ – Bettina Rheims, Vanessa Beecroft, Astrid Klein mit der Kunsthistorikerin, Journalistin und SZ/BZ-Mitarbeiterin Pamela Hahn. Termine: Sonntag, 16. Oktober und Sonntag, 23. Oktober, jeweils um 15 Uhr im Schauwerk Sindelfingen, Anmeldung unter Telefonnummer 0 70 31 / 9 32 49 00 und per E-Mail an fuehrungen@schauwerk-sindelfingen.de.