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Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch · 06.10.2007

Alt-Oberbürgermeister Dr. Dieter Burger ist tot

Sindelfingen: Der Jurist regierte als Nachfolger von Arthur Gruber von 1977 bis 1993 das Rathaus / Dr. Bernd Vöhringer würdigt eine "hoch geschätzte Persönlichkeit"

Seit gestern Morgen sind die Flaggen vor dem Sindelfinger Rathaus auf halbmast gesetzt. Die Stadt reagiert damit auf den Tod ihres ehemaligen Oberbürgermeisters Dr. Dieter Burger, der am Freitagmorgen in einer Schwarzwälder Klinik im Alter von 69 Jahren gestorben ist.

 

Dieter Burger, 1977 als Nachfolger von Arthur Gruber zum Oberbürgermeister gewählt, läutete gleich in den ersten Monaten seiner Amtszeit eine neue Ära in der Stadt ein: Der Jurist, der nach dem Studium und Stationen in Tübingen, Waldshut und Stuttgart fünf Jahre lang als Erster Beigeordneter in Kornwestheim aktiv war, kümmerte sich sofort um die Sanierung der Altstadt und eröffnete das erste internationale Straßenfest in der Innenstadt.

 

Der Name von Dieter Burger steht für den beispiellosen Aufschwung Sindelfingens, das Mitte der Achtziger Jahre durch das Gewerbesteueraufkommen der damaligen Firma Daimler-Benz zu einer der reichsten Kommunen in Europa wurde. Sindelfingen investierte in die Infrastruktur, baute Kindergärten, Schulsporthallen, den Glaspalast, die Schule für Musik, Theater und Tanz. Das Hamburger Wochenmagazin "Die Zeit" bezeichnete den schwäbischen Schultes 1982 als einen "Kleinstadt-König, der alles kann."

 

"Großer persönlicher Einsatz"

 

Dieter Burger sind die Erfolge in der ersten Amtszeit nicht in den Schoß gefallen. Mit seinem "unermüdlichen Engagement, welches von Wissen, Erfahrung, großem persönlichem Einsatz und Herzblut für die Sache geprägt war", habe er sich in "menschlicher und beruflicher Hinsicht um das Wohl der Stadt verdient gemacht", heißt es im Nachruf, den die Stadt Sindelfingen ihrem ehemaligen Oberbürgermeister gewidmet hat.

 

Dr. Bernd Vöhringer, seit 2001 im Amt, zeigt sich vom Tod des früheren Stadtoberhaupts betroffen: "Die Nachricht hat mich tief erschüttert. Mit ihm verliert die Stadt Sindelfingen eine hoch geschätzte Persönlichkeit, die sich sowohl durch ihr berufliches als auch ihr menschliches Wirken vorbildlich in den Dienst der Allgemeinheit gestellt hat. Ich habe ihn als Menschen kennen und schätzen gelernt, der sich mit Herz und Verstand für die Stadt Sindelfingen eingesetzt hat."

 

Ingrid und Dietrich Balzer, Dieter Burgers Weggefährten aus dessen ersten Sindelfinger Stunden, würdigen das Mitglied der Freien Wähler: "Sein Tod ist für uns ein besonders bitterer Verlust. Weit über das gewöhnliche Maß hinaus ist er uns immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Das Wohl dieser Stadt war ihm oberstes Anliegen, dafür war ihm nichts zu viel."

 

Herz für die Kultur

 

Dieter Burger, der bei seiner Wahl 1977 von den Freien Wählern unterstützt wurde, kämpfte um die Mehrheiten, engagierte sich für neue Themen, machte Kultur in Sindelfingen salonfähig. Der Oberbürgermeister weihte 1984 den Theaterkeller ein, kümmerte sich persönlich um die Künstlerschaft in der Stadt, diskutierte nächtelang mit Malern und Bildhauern. Kultur war für ihn eine Herzensangelegenheit. Unter seiner Regie vergab Sindelfingen die ersten und gleichzeitig auch letzten Arbeitsstipendien für Künstler wie Joachim Kupke, Karl Heger und Klaus Olbert. Es war bezeichnend für Sindelfingen, dass damals die Stadt bei Besuchen in den Partnerstädten wie Corbeil-Essonnes oder später Györ ganz bewusst auf Kunst setzte.

 

Kommunalpolitik hat Dieter Burger immer als Außenpolitik verstanden. Seinem persönlichen Einsatz ist die Partnerschaft mit Torgau zu verdanken, die noch besiegelt wurde, bevor die Mauer in Berlin fiel. In seiner Amtszeit öffnete sich selbst das Haus der Donauschwaben für neue internationale Erfahrungen rund um die Dichterlegende Nikolaus Lenau.

 

Dieter Burger, der 1985 trotz Gegenkandidaten wie Willi Hoss oder Helmut Palmer ohne Probleme für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde, erlebte aber nicht nur den Aufschwung, sondern auch den finanziellen Fall der Stadt. Der Gewerbesteuereinbruch von 1988, der Sindelfingen innerhalb kürzester Zeit vom Krösus zum Bettelmann machte, sorgte für eine radikale Kurskorrektur im Rathaus. Nur mit Mühe finanzierte das Rathaus den Umbau der Stadthalle fertig, feierte trotz Rotstift die Landesgartenschau 1990 im Sommerhofental.

 

Niederlage in der Krise

 

Die Wirtschaftskrise in Deutschland und die permanente Finanznot der Stadt nach dem Ausfall von Daimler-Benz als Gewerbesteuerzahler haben dazu beigetragen, dass Dr. Dieter Burger beim Anlauf zu einer dritten Amtszeit 1993 scheiterte und den Chefsessel im Rathaus an Dr. Joachim Rücker verlor. "Die Bevölkerung ist durch die Wirtschaftskrise verunsichert. Gegen mich gewirkt haben sicher die unpopulären Maßnahmen, die wir im Rathaus treffen mussten", sagte der entthronte Oberbürgermeister nach der Niederlage in einem SZ/BZ-Interview nachdenklich: "Ich kann nur die Frage aufwerfen, ob der Kurs, den wir in der Vergangenheit gemeinsam gefahren haben, mit den Vorstellungen der Bürgerschaft übereinstimmt."

 

Dieter Burger hat sich nach dem Abschied aus dem Sindelfinger Rathaus nicht völlig aus der Kommunalpolitik zurückgezogen, auch wenn er seit Oktober 1993 in einer Sindelfinger Kanzlei wieder seinen alten Beruf als Rechtsanwalt ausübte. Bis 2004 gehörte er zu den Abgeordneten des Verbands Region Stuttgart, von 1979 bis zu seinem völlig unerwarteten Tod saß er für die Freien Wähler im Kreistag. 1993 bekam Dieter Burger für seine Verdienste die Ehrenplakette der Stadt Sindelfingen, 1994 überreichte ihm Staatssekretär Wabro das Bundesverdienstkreuz am Bande.