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Hansjörg Jung und Hans-Jörg Zürn · 26.03.2010

Abschied von Alexander Vogelgsang

Seine Hände waren ungewohnt kalt, als Alexander Vogelgsang gestern die Kongresshalle durch den Seiteneingang betrat: "Das ist die Aufregung. Es ist was ganz anderes, ob man so eine Veranstaltung zu Ehren eines anderen macht oder ob man selbst im Mittelpunkt steht." Und gestern war der scheidende Oberbürgermeister die Hauptperson. Zu seiner Verabschiedung waren gut 1000 Besucher, darunter viele Ehrengäste, nach Böblingen gekommen. 224 Jahre hatte Alexander Vogelgsang die Stadt geführt, nach Wolfgang Brumme war er erst der zweite Oberbürgermeister Böblingens nach dem Zweiten Weltkrieg.


"Sie sind der dienstälteste Oberbürgermeister in ganz Baden-Württemberg", Ulrich Schwarz, Erster Bürgermeister in Böblingen, erntete erstaunte Blicke bei seiner Begrüßung. Er dankte Alexander Vogelgsang für "unermüdlichen Einsatz für die Stadt und herausragende Verdienste." Zu den Ehrengästen gehörten unter anderem Wolfsburgs Oberbürgermeister Rolf Schnellecke, der Schwager von Alexander Vogelgsang, sowie die früheren Böblinger Bürgermeister Dirk Gaerte, Michael Beck, Andreas Brand, Ulrike Hotz und Jutta Heim-Wenzler sowie Ursula Späth, Landesvorsitzender der Hilfsorganisation Amsel.


Regierungspräsident Schmalzl überbrachte die Grüße des Landes im Namen von Ministerpräsident Stefan Mappus und Innenminister Heribert Rech. Er erinnerte unter anderem daran, dass Böblingen als erste Stadt des Landes ein Bürgeramt eingerichtet hatte, eine Initiative von Alexander Vogelgsang: "Sie waren stets ein Oberbürgermeister für alle Böblinger. Sie haben der Stadt ihren Stempel aufgedrückt." Als Geschenk brachte Johannes Schmalzl einen Gutschein für einen Flug mit dem Luftbild-Archäologen des Landes mit.


Der Präsident des Städtetages Baden-Württemberg, der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner, unterhielt die Festgesellschaft mit einer launigen Ansprache in der "hochwohllöblichen, ansehnlichen und reichen Stadt Böblingen." er würdigte seinen scheidenden Kollegen als "offen in der Art und klug in der Praxis. Er gab viele Anregungen und war stets kollegial." Ivo Gönner nutzte die Rede auch zur Kritik an der Bundespolitik: "Da herrscht vorgetäuschter Aktionismus, wenn es darum geht, die Städte finanziell angeblich zu entlasten." das gelte gerade in Sachen Gewerbesteuer: "Dieser Hund hat stets dieselben Flöhe. Bund und Land stellen einfach ein Paket vor die Tür, klingeln zweimal und verschwinden. Ausbaden müssen alles die Kommunen." Ivo Gönner endete allerdings versöhnlich und fröhlich: "Aus schwäbischen Sparsamkeitsgründen habe ich keinen eigenen Blumenstrauß für Andrea Vogelgsang mitgebracht, sondern schließe mich dem des Regierungspräsidenten an." Ganz mit leeren Händen kam der Ulmer OB aber doch nicht: Für Alexander Vogelgsang hatte er ein Bild mit einer Karte aus dem Jahr 1572 dabei, das den Schwäbischen Kreis zeigt ("Böblingen isch au dabei") und für OB-Gattin Andrea ein Ulmer Tuch ("fehlts am farblich passenden Kostüm, soll es Alexander halt von der ersten Pensionärsrente kaufen").

Als "Mann des geschliffenen Wortes mit väterlicher Ausstrahlung, einer mit Ecken und Kanten, für den hartes Arbeiten alltäglich war", würdigte Landrat Roland Bernhard den Böblinger Oberbürgermeister. Als Präsent gab es einen Essens-Gutschein.

Der Holzgerlinger Bürgermeister Wilfried Dölker sprach im Namen der Bürgermeister des Landkreises: "Es geht ein reicher Erfahrungsschatz verloren." Die Stadt Böblingen sei ein wichtiger Motor auch für die anderen Kommunen. Zum Abschied gab es einen Gutschein für eine Veranstaltung.


"Mit Leidenschaft in der Sache und Interesse an den Menschen hat er sein Amt geführt", so beschrieb Elke Döbele, CDU-Fraktions-Führerin des Böblinger Gemeinderats, den scheidenden Rathaus-Chef. Er sei stets offen, entschlossen und fair gewesen. 125 Stadträte gab es in seiner Amtszeit, etwa 1240 Sitzungen mit über 13500 Tagesordnungspunkten. "Sie haben unermüdlich geschafft und auch dicke Bretter gebohrt mit dem Blick stets fest auf das strategische Ziel gerichtet", so Elke Döbele. Zusammen mit Vertretern der anderen Fraktionen übergab sie ein Elektrofahrrad als Geschenk.


Der frühere Landrat Bernhard Maier berichtete ein wenig aus dem Leben nach der Amtszeit: "Das ist der Grund, warum ich hier reden darf." Dabei bereitete er auch Andrea Vogelgsang auf die neue Situation vor: "Das heißt, jetzt doppelt so viel Ehemann bei halb so viel Gehalt."Als "Pensionärslehrling im zweiten Jahr" führte er Alexander Vogelgsang in neue Aufgabenbereiche ein: "Haushalt, Supermarkt und Wertstoffhof." Er überreichte den neuen Böblinger Bildband, ergänzt um 24 persönliche Aussagen unter anderem von Ex-Kanzler Helmut Schmidt und Fernsehmoderator Dieter Thomas Heck.


Sechs Städtepartnerschaften mit Pontoise (Frankreich), Bergama (Türkei), Alba (Italien), Glenrothes (Schottland, Krems (Österreich) und Sittard-Geleen (Niederlande) gab es bereits vor der Ära Vogelgsang. Er knüpfte 1988 noch zu Zeiten der DDR die freundschaftlichen Bande nach Sömmerda. Bürgermeister Wolfgang Flögel würdigte diese Leistung: "Alexander Vogelgsang hat seinen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet, er war immer schon ein Europäer." Ein Bild für die Böblinger Galerie soll stets an diese Bande erinnern. Alle Vertreter der Partnerstädte haben heute noch ausgiebig Gelegenheit zur persönlichen Begegnung mit dem scheidenden Oberbürgermeister, den sie treffen sich heute in dessen Haus zum gemeinsamen Frühstück.