Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns

So schön!

Weltmeister

Achtung, Schmalz-Alarm: Lasst uns doch bitte endlich über Schönheit sprechen. Die wahre Schönheit. Die ehrliche. Ihr müsst euch dafür nur dieses Bild anschauen. Genau genommen ist es ein Poster. Ein Bravo-Poster aus dem Jahr 1974. Die Bärbel hat es auf meinen Tisch gelegt, vielen Dank.

Es zeigt einen 29-jährigen Weltstar, der Diskotheken besaß, schnelle Autos fuhr und Real Madrid noch besser machte. Nur so zum einordnen: Er verdiente 295000 D-Mark, also rund 150000 Euro. Nicht in der Woche, nicht im Monat, sondern im Jahr. Er war damit eine ganz große Nummer, und ganz ehrlich: Das war ein Schweinegeld. Also bitte kein Mitleid.

Was das mit Willis WM zu tun hat? Ich möchte es erklären.

Dieser Superstar war einer, für den Fußballexperten neue Dimensionen entdeckten. Er war der, der "aus der Tiefe des Raumes kam", etwa 35 Jahre bevor ein Thomas Müller zum Raumdeuter wurde und fast 45 Jahre, bevor Hannes Wolf begann, über Räume zu schwadronieren. Aber das hatten wir ja schon.

Ich glaube, dieser Mann hat damals die Zeitlupe erfunden. Und zwar in Echtzeit. Die Jungs kickten sowieso schon so, dass man keine Angst haben musste, entscheidende Momente zu verpassen. Aber dieser Kicker mit seinen langen Schritten und den riesigen Füßen verlieh den Momenten zusätzliche Lässigkeit. Dazu diese Bälle, die er spielte: Ewigkeiten waren sie in der Luft. Ich glaube, dass manchmal sogar Schnee drauf lag, bis sie zentimetergenau beim Empfänger landeten. Ihr versteht mich: Ich sage, er war gut.

Nun, dieser Kicker saß bei der WM 1974 im eigenen Land fast nur auf der Bank. Einmal wurde er eingewechselt, beim 0:1 gegen die DDR. Ansonsten schaute er dem Franz, dem Sepp und dem Wolfgang zu, wie die den Titel holten. Er sagte damals: "Völlig zurecht." Und er blieb bei dieser Meinung. Nur das Spiel zählte, nicht die Person.

Schaut mal auf die Haare. Da sind keine Nudeln und kein toter Dachs auf dem Kopf. Keine Strähnchen, kein Undercut, kein Boxerschnitt. Sie sind lang, weil das die 70er waren. Schaut mal aufs Trikot. Es hat lange Ärmel. Sucht mal Tattoos. Es sind keine zu finden. Schaut mal auf die Schuhe. Sie sind schwarz. Schaut mal auf den Ball und stellt euch vor, wie der sich mit Wasser vollsaugt, wenn es regnet, und was das dann für eine Plunze wird.

Und schaut mal, wie sich dieser Mann den Ball zurecht legt. Das sieht fast zärtlich aus. Gleich wird er Anlauf nehmen, aber nicht die Schritte abzählen, die Hosen hochziehen und einen auf John Wayne machen. Ich glaube, er wird die Kugel trotzdem in den Winkel jagen. Vielleicht auch gerade deshalb. Danach weiß er nicht, wie er jubeln soll, denn er hat nichts einstudiert. Er wird ein bisschen hüpfen, lachen und mit den Armen wedeln.

Die Schönheit des Spiels ist nie in Schönheit gestorben, Männer wie er gewannen früher mein Herz. Aber Günter Netzer hätte heute keine Chance.

War das jetzt arg kitschig?