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Von unserer Mitarbeiterin Marina Schilpp · 15.07.2015

Zeichnungen von Flüchtlingen in der Idylle des Propsteigartens

Sindelfingen: Der Illustrator Olivier Kugler präsentiert das Ergebnis einer Reportage-Reise bei der Biennale

Es müsste den Sindelfinger eigentlich frieren beim Anblick des syrischen Flüchtlings Muhamed auf Olivier Kuglers großformatiger Reportage-Zeichnung im Propsteigarten neben der Martinskirche.

Der 55-Jährige ist in seine Jacke eingemummelt und „steht auf zerbrochenen Schlackensteinen, um nicht im Schlamm zu stehen“, vor seinem Teewagen im irakischen Kurdistan. Aber den Besucher der Biennale Sindelfingen friert es nicht. Noch nicht.

Nicht etwa, dass die Sorgen und Nöte des Vaters mit seiner großen Familie im Flüchtlingslager von Domiz zu klein wären. Oder zu viele Kilometer weit weg. Auch nicht, dass es an den hochsommerlichen Temperaturen während der Eröffnung der Ausstellung „Flucht 2015. Reportage-Zeichnungen von Olivier Kugler“ läge. Es ist vielmehr die dieser Kost etwas ferne Idylle der Umgebung: Die Martinskirche sonnt sich im Abendlicht, die ehrwürdigen Bäume flüstern von Blatt zu Blatt, das Wasserspiel plätschert im Hintergrund.

Dennoch gehört das Flüchtlings-Thema nach Sindelfingen. Nicht ohne Grund heißt es im Biennale-Programm: „Zahlreiche heutige Sindelfinger haben ihre Heimat verlassen, da sie dort keine oder zu schlechte Verdienstmöglichkeiten hatten.“ Und der lauschige Propsteigarten hat sich entsprechende Diskussionen auf seine Fahnen geschrieben, über Zukunftsfragen der Industriestadt mit dem historischen Stiftsbezirk.

Olivier Kugler wiederum, den es als Sohn des Simmozheimer Kunsterziehers Klaus Kugler vor 13 Jahren nach London verschlug, hat seine Wurzeln in Maichingen. Der inzwischen international ausgezeichnete Illustrator findet sich in Sindelfingen wieder und erläutert die auf Stelen gezogenen Zeichnungen, die nach seiner „Ärzte ohne Grenzen“-Reise mit Übersetzer entstanden und in zumeist englischsprachigen Printmedien erschienen sind. Eine Serie von Zeichnungen über Flüchtlinge wurde im April auf dem „Fumetto International Comix Festival“ in Luzern präsentiert.

In den Reportage-Zeichnungen von Olivier Kugler entfaltet sich ein Schicksal nach dem anderen. Frau, Mann, jung, alt, die Menschen tauchen auf aus der namenlosen Masse. „Ich habe nie wieder gezeichnet“, lässt das 38-jährige Multitalent Habib wissen. Dabei war er einst der beste Zeichner der Klasse.

Und je mehr sich der Betrachter in die Geschichten vertieft, die gekonnt zwischen locker porträtierender Skizze, Neugier erweckender Sprechblase und authentisch nahen Textpassagen jonglieren, desto mehr wird er zum mitfühlenden Zeugen. So äußert sich denn auch Olivier Kugler betroffen: „Jeder hat mich gefragt, was er machen muss, um nach Deutschland zu kommen.“

Olivier Kugler bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Propsteigarten des Sindelfinger Stiftsbezirks. Bild: Schilpp