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Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 16.08.2017

„Wundervolle Idee“des grenzenlosen Europas

Wahl 2017: SZ/BZ-Serie zur Bundestagswahl am 24. September / Der 22-jährige Tobias B. Bacherle aus Sindelfingen ist der Kandidat von Bündnis 90/Die Grünen

 

Das Kreisbüro der Grünen in Böblingen, wo ich mich mit Tobias Bacherle treffe, ist für den 22-jährigen Grünen-Bundestagskandidaten zum Basislager des Wahlkampfs geworden. Arbeits- und Wohnzimmer zugleich – für Klausurtagungen oder Wahlkampfveranstaltungen.

 

Groß, schlank, mit einem freundlichen Lächeln. Die Dreadlocks nach hinten gebunden. Dunkle Jeans, Sakko und der obligatorische Schal – ein modisches Accessoire, das wie sein Haarschopf fast schon ein Markenzeichen von Tobias Bacherle ist.

 

„Kaffee oder Wasser?“, fragt er, um gleich nachzuschieben: „Vielleicht doch kein Kaffee, der ist hier nicht so besonders ...“. Die Frage, ob er denn eine Kaffee-Tante sei, beantwortet Tobias Bacherle mit einem „Ja, irgendwie schon ein bisschen“. Kaffee, ein Lebenselixier für den studentischen Alltag. „Ich arbeite gerne nachts mit Kaffee und Milch“, sagt der Student der Politikwissenschaft und Sprache, Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens – kurz: Islamwissenschaft.

 

Klar, beim Orient liegt der Kaffee nahe. Aber: Beim türkischen Kaffee, gesteht er, tut er sich fast so schwer wie mit den Sprachen. „Persisch geht ja noch, aber Arabisch ist schon richtig schwer“, räumt er offen ein.

 

Dabei hat der ehemalige Schüler des Sindelfinger Pfarrwiesen-Gymnasiums durchaus Sprachtalent. Als 15-Jähriger ging er für ein halbes Jahr nach Neuseeland an die Schule. Anderes Land, andere Leute, andere Eindrücke. „Ich glaube an einer solchen Erfahrung wächst man als Jugendlicher immer. Ich habe dort auch damit angefangen, Perspektiven zu hinterfragen“, sagt er.

 

Beste Voraussetzungen für die Arbeit in der Schüler-Mitverantwortung nach dem Auslandsaufenthalt. Bacherle wurde Schülersprecher. Ebenfalls eine wichtige Erfahrung. Interessen vertreten, Kompromisse schließen, und, und, und. „Wir hatten das Glück, dass wir unsere Positionen oft durchbringen konnten“, erinnert er sich. Aber es gab auch die „Frustration, die Demokratie auch mit sich bringt“, wenn die anderen Positionen obsiegen. Der Blick zurück ist keiner im Zorn. „Es war eine schöne, eine prägende Zeit.“

 

Zu diesem Zeitpunkt hat Tobias Bacherle noch wenig mit Parteien am Hut. Die waren ihm zu engstirnig. Schwierig für einen, der im grenzenlosen Europa aufgewachsen ist und Grenzen als Hindernis begreift. „Ich finde, man muss Menschen nicht durch Grenzen trennen oder gar durch Grenzen gegeneinander aufstacheln“, sagt der 22-Jährige. Aggressiver Nationalismus führt zu nichts. Das beste Beispiel sei Europa, wo man es trotz Kriegen und sogenannter Erbfeindschaften schon weit gebracht habe. „Wir können noch mehr erreichen und zusammenwachsen, ohne gegenseitige Einschränkung. Grenzüberschreitende Solidarität schadet nie.“

 

Im Studium, sagt er, habe er seine „Aversion“ gegen die Parteien überwunden. Man müsse eben in eine Partei eintreten oder zumindest nahe sein, um zu erkennen, wie dort an der Willensbildung gearbeitet werde. Das muss nicht immer angenehm sein. Tobias Bacherle: „Das sind Kompromisse und das heißt, einzustehen für Leute, für die man es eigentlich nicht so gerne will.“

 

So war es für ihn auch ein Denkprozess, Kompromisse zu gestalten und damit zu leben, auch wenn sich seine Meinung eben nicht als reine Lehre in Mitteilungen und Programmen wiederfindet. „Die Hürde war nicht unerheblich“, sagt der Sindelfinger Stadtrat der Grünen.

 

Dass es bei seiner Annäherung an die Parteien die Grünen geworden sind, wo er sein zu Hause gefunden hat, liege an dem weiteren politischen Horizont: Umwelt- und Klimapolitik geht über den Tellerrand, über nationalstaatliche Grenzen hinaus.

 

So ist ein grenzenloses Europa eine Idee, an die Tobias Bacherle gerne glaubt. Diese Vision sei eine wundervolle Idee, sie zu erreichen ein „unfassbares Privileg“. Und der Politikwissenschaftler verweist auf Analogien in einem zersplitterten Deutschland von 1848, als Einigkeit und Recht und Freiheit noch fern waren.

 

Gerade in einem Europa des Brexit und nationalen Eigenbröteleien sieht er einen Funken der Hoffnung. „Wir haben wieder damit begonnen, über Europa zu reden, auch diejenigen, die es gut finden. Wir haben gemerkt, wie wichtig es für uns auf allen Ebenen ist“, sagt er. Ob die Strukturen der EU dabei für immer und ewig zementiert sein müssen, ist für den Sindelfinger eher zweifelhaft.

 

Er hofft eher auf eine echte, gewählte europäische Regierung, weil in der Europäischen Kommission noch zu viele nationalstaatliche Interessen eine Rolle spielten. „Wenn wir unsere europäischen Interessen vertreten wollen, brauchen wir eine einheitliche Linie, um auch von Russland und den USA ernst genommen zu werden.“

 

Doch nicht nur im Konzert der Großen sei ein vereintes Europa wichtig – auch im Verhältnis zu den kleinen Staaten. „Wenn wir über Fluchtursachen reden, muss man sagen, dass wir handelspolitisch viele Fehler gemacht haben. Daran etwas zu ändern, schaffen wir nur auf europäischer Ebene.“

 

Die Wasserflasche im Kreisbüro der Grünen ist mittlerweile fast leer. Und mit was beschäftigt sich der Grünen-Kandidat, wenn er nicht an Politik denkt? Unlängst in Herrenberg beim Ersatz-48er mit den alten Kumpels der Schulband Immersion nach zwei Jahren mal wieder auf der Bühne stehen. Nur so zum Spaß. Überhaupt, die Musik, die Arbeit mit Bands, beispielsweise für das „dit is schade! Festival“ Mitte September in seiner Heimatstadt, das ist schon das Ding von Tobias Bacherle.

 

Ansonsten bleibt wenig Zeit für Kino oder Theater – selbst bei der Sindelfinger Biennale. „Schade.“ Doch das ist der Preis der Politik, und die steht im Vordergrund. „Es gibt einen einzigen Bundestagsabgeordneten unter 30 Jahren bei den Grünen“, sagt Tobias Bacherle. Allein schon dies würde er gerne ändern.

 

Hansjörg Jung ist seit 30 Jahren bei der SZ/BZ und hat in dieser Zeit über alle Bundestagswahlkämpfe im Kreis Böblingen berichtet.

 

Arbeitet gerne nachts mit Kaffee und Milch: Tobias Bacherle, der Kandidat der Grünen für die Bundestagswahl. Bild: Musleh