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19.06.2020

Wüstenidyll am Haupteingang der Wilhelma

Der erste Eindruck der Wilhelma ist spitze: Eine Pracht aus pieksigen Dornen, scharfkantigen Blättern und grellbunten Blüten sticht jedem ins Auge, der dieser Tage den Zoologisch-Botanischen Garten in Stuttgart betritt. Das kleine Wüstenidyll ist das neue Aushängeschild direkt am Haupteingang. So gilt der erste Blick der Gäste nicht den Flamingos oder Pinguinen in den nahen Gehegen, sondern Feigenkaktus, Yucca oder Mittagsblume. Im späten Frühling und frühen Sommer ist der Farbteppich aus 70 Pflanzenarten und -sorten auf steinigem Grund am vielseitigsten. Darüber thront derzeit als wahres Prachtexemplar der Blütenstand einer schon mehr als 20 Jahre alten Palmlilie (alle Bilder: Wilhelma Stuttgart).

Als Sukkulenten haben sie alle gemein, dass sie in Wurzel, Blatt oder Stängel Wasser speichern können, um große Trockenheit zu überstehen. In unseren Breitengraden ist dagegen die größere Herausforderung für solch ein Außenbeet, den Winter zu überleben. Dieses Kunststück hat die 2019 angelegte Schau mit Bravour absolviert, wie jetzt offensichtlich wird. „Wir können nach dem ersten Winter sehr zufrieden sein: Keine Pflanze ist kaputt gegangen und alle blühen wieder“, sagt Zierpflanzengärtnermeister Jürgen Rühle nicht ohne Stolz. Er betreut die Sukkulenten-Sammlung der Wilhelma mit insgesamt rund 2000 Arten und Sorten vor und hinter den Kulissen. Davon hat der Experte frostharte Arten für den Freiluftstandort ausgewählt.

Die Kakteen unter den Sukkulenten stammen allesamt aus den beiden amerikanischen Subkontinenten. „Das Verbreitungsgebiet reicht von Kanada im Norden bis Patagonien im Süden – manche Arten ertragen im Hochland auch Frost bis 25 Grad minus“, sagt Rühle. „Als anhaltende Kälte oder unter einer dauerhaften Schneedecke ist das Extrem für sie kein Problem. Aber wechselhafte Temperaturen und Nässe wie in unserem Winter vertragen die Wüstenbewohner schlechter.“ Gegen Frost hilft ein Trick der Natur: „Die Kakteen schrumpfen“, erklärt Rühle. „Sie erhöhen dabei ihre Zellsaftkonzentration, quasi als natürlichen Frostschutz, damit die Zellen nicht platzen.“ Weil es hierzulande aber gut doppelt so viel regnet wie in den Herkunftsregionen, müssen die Wilhelma-Gärtner gegen zu viel Feuchtigkeit technisch nachhelfen.

Mit Bedacht verfügt die Anpflanzung eine leichte Hanglage und eine Drainage aus grobem Kies, damit Regenwasser zügig abläuft. Und von Oktober bis März erhält der Bereich mit den empfindlicheren Arten ein Schutzdach gegen die Niederschläge. Als Steinbeet passt die Anlage optisch zur typischen Landschaft im Südwesten der USA und angrenzenden Mexiko. Aus den höheren Lagen dieser Region stammen die meisten der gezeigten Pflanzen. Die Steinschicht dient aber vor allem zur Pflege der Pflanzen: Sie speichert Wärme, die Sukkulenten als Sonnenanbeter lieben. „Sie brauchen keinen Humus, mineralischer Boden reicht ihnen.

Es entsteht zudem weniger Unkraut, weil auf Stein nicht alles keimt, was dort landet“, sagt Rühle. „Und so ist es auch leichter, Wildwuchs herauszuziehen – das ist wichtig für uns Gärtner, weil es unter den winterharten Kakteen viele gefährliche Typen gibt, die mit Widerhaken an den Dornen bewaffneten Widerstand leisten, wenn man ihnen zu nahe kommt.“