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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 12.10.2012

Wenn die Praxis auf die Theorie trifft

Sindelfingen: Die Daimler AG und die Krannich Solar GmbH stellen Forderungen an eine grüne Wirtschaftspolitik

„Wenn alle auf der Erde so leben würden wie wir, bräuchten wir zweieinhalb Planeten“, meint Kerstin Andreae. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, sagt bei einer Podiumsdiskussion in Sindelfingen, sie halte es dennoch nicht für Erfolg versprechend, wenn man den Leuten vorschreibe, was sie tun und lassen sollen.

Die Abgeordnete setzt bei der Veranstaltung des Grünen-Kreisverbandes Böblingen auf die Einsicht: „Die Leute sollen wissen, was sie tun.“

Bis dahin kann Dr. Lothar Ulsamer, der Leiter kommunale und föderale Projekte der Daimler AG, noch mitgehen: „Es können nicht alle Chinesen mit den gleichen Fahrzeugen wie wir herumkutschieren. Da muss sich das Fortbewegungsmittel ändern.“ Auch „der unglaubliche Fortschritt“, dass eine A-Klasse nur noch 3,8 Liter Sprit auf 100 Kilometer brauche, löse das Problem nicht.

Ein Schritt in die richtige Richtung wäre wohl, wenn Batteriefahrzeuge als Stromspeicher dienen könnten. Etwa in Spitzenzeiten, wenn die Windräder besonders schnell rotieren. Wasserstoff mit Windenergie herzustellen, wäre eine weitere Steigerung. Aber auf Wachstum (Andreae: „Wir haben großes Wachstum in den Wartezimmern der Ärzte.“) könne Daimler nicht verzichten. Dr. Ulsamer: „Wir müssen in Zukunft mehr Fahrzeuge verkaufen als heute, wenn wir überleben wollen.“

Ökologie und Wachstum schließen sich für Markus Schmid, Vertriebsleiter der Krannich Solar GmbH (Weil der Stadt) nicht aus. Fotovoltaik sei ein solcher Wachstumsmotor. Als Beispiel nennt er seinen Arbeitgeber. Das Großhandelsunternehmen wurde 1995 mit drei Mann gegründet und beschäftigt heute 400 Mitarbeiter.

Der Vergleich zeigt aber auch, dass es unter dem Aspekt Beschäftigung ohne die alten Firmen nicht geht. Die Daimler AG bietet allein am Standort Sindelfingen 35 000 Arbeitsplätze. Dr. Ulsamer: „Wenn ich die sichern möchte, dann muss ich auch die entsprechende Anzahl an Fahrzeugen verkaufen.“

Für Sven Reisch, den Fraktionsvorsitzenden im Böblinger Gemeinderat und Bundestagskandidaten der Grünen ergab sich daraus die Frage, ob denn alle weiter wachsen wollen oder gar müssen. Die spontane Antwort von Kerstin Andreae: „Nichts dagegen.“ Sie habe allerdings etwas dagegen, wenn auf der anderen Seite nichts eingespart werde. So sehe sie überhaupt noch nicht, wie 40 Prozent bis 2020 und 95 Prozent des CO2 Ausstoßes bis 2050 eingespart werden könnten. Sie fordere von der Industrie, dass diese klar sage, wie sie das erreichen wolle.

Den Ball spielte Dr. Ulsamer ganz schnell zurück: „Wer Fahrzeuge entwickelt, braucht eine gewisse Vorhersehbarkeit.“ Nur dann könne sich die Industrie auf Vorgaben einstellen: „Angesichts einer siebenjährigen Entwicklungszeit von Fahrzeugen sollte die Politik längerfristig denken als nur vier oder fünf Jahre voraus.“

Weil er schon dabei war, legte er gleich nach. Wenn die Politik schon mal für länger plane, dann stelle sie kein Geld bereit und sage auch sonst nicht, wie man das Ziel erreichen könne. So klinge es zwar gut, wenn man bis 2020 eine Million Elektroautos auf den deutschen Straßen haben wolle, aber vermutlich müsse man die Hybrid-Fahrzeuge mit hineinrechnen, um auf diese Zahl zu kommen.

Die fehlende Verlässlichkeit der Politik beklagt auch Markus Schmid: „Wir waren eine Boombranche und jetzt geht jeden Tag eine Firma bankrott.“ Die Schuld sieht er in der deutlich reduzierten Förderung. Eine Verbesserung mahnt er nun nicht für die (privaten) Stromproduzenten an, sondern für die Hersteller der Anlagen: „Die Chinesen sind nicht besser und nicht effektiver, aber sie können günstiger anbieten, da sie ganz neue Produktionslinien haben.“ Er fordert deshalb: „Der Staat oder private Geldgeber müssen bei den Modulherstellern für neue Maschinen sorgen.“

Von solchen Förderungen hält Kerstin Andreae nichts. Auch nicht von Kaufprämien, wie etwa in Frankreich, wo der Erwerb eines Elektroautos mit bis zu 7000 Euro bezuschusst wird: „Es wäre schön, wenn wir Geld hätten.“

Schmid und Dr. Ulsamer ließen dennoch nicht locker. Für die nicht steuerbare Produktion von erneuerbarer Energie (Windräder, Fotovoltaik) müsse es eine Grundvergütung geben. Ebenso müsse die Vergütung des Stromüberschusses vereinheitlicht werden. Schmid: „In Deutschland gibt es dazu 800 Regelungen.“

Für den Daimler-Mann sind höhere Stückzahlen bei Elektro-Autos ohne Förderung nicht zu erreichen: „Das Geld ist ja da“, widerspricht er der Grünen-Politikerin. Dabei denke er weniger an den eigenen Konzern, sondern an den Mittelstand: „Es gibt unheimlich wenig Zulieferer.“ Klar sei einerseits, dass die Hersteller Autos anbieten müssten, die sich die Menschen leisten können. Andererseits: „Die Fahrzeuge müssen umweltverträglicher werden.“ Daimler gebe die Hälfte seiner Forschungsmittel für grüne Technologien aus: „Man muss diesen Technologien aber auch die Chance lassen, sich zu entwickeln.“

Dies gilt nicht nur für Autos, sondern auch bei Gebäuden. Wobei in der Wärmedämmung bei Wohnhäusern möglicherweise ein Neuanfang nötig ist. Gutachten belegen, dass die Isolierung die Energiekosten nicht senkt, sondern in die Höhe treibt, weil sie zwar keine Wärme raus, aber eben auch keine Wärme rein lässt. Mancher würde da gerne wissen, was er tun soll.

Diskussionsrunde der Grünen zur Wirtschaftspolitik (von links): Kerstin Andreae (stellvertretende Fraktionsvorsitzende und wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag), Markus Schmid (Krannich Solar GmbH), Dr. Lothar Ulsamer (Daimler AG) und Moderator Sven Reisch (Bundestagskandidat der Grünen im Kreis Böblingen). Bild: Reichert

Im Böblinger Landratsamt setzt man auf Elektro-Mobilität: Daimler-Werkleiter Dr. Willi Reiss (rechts) bei der Übergabe eines Elektro-Smart an Landrat Roland Bernhard.