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Von unserer Mitarbeiterin Sybille Schurr · 12.04.2011

Wenn der Notruf Umwege macht

Kreis Böblingen: Der Vorsitzende des Feuerwehrverbands beklagt die Umwege bei der Telefon-Übermittlung im Ernstfall

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ong>Wenn es um Menschenleben geht, zählt jede Sekunde. Unglaublich aber wahr, dass viele Notrufe im Kreis Böblingen erst auf Umwegen in der zuständigen Rettungs-Leitstelle in Böblingen landen. Schuld sind Bürokratismus und wirtschaftliche Überlegungen, vermutet Willi Dongus, der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbands.

 

Bei den Notrufverbindungen gibt es immer noch massive Probleme, wie jetzt beim Kreisfeuerwehrtag in Steinenbronn deutlich wurde. Die Notrufnummern 110 oder 112 folgen im Landkreis Böblingen nach wie vor den alten Ortsnetzen und nicht den Beschlüssen des Landtags, die schon vor fast 40 Jahren gefasst wurden. Jettingen, Mötzingen, Deckenpfronn, Deufringen, Dachtel oder Weissach gehören zu den Ortsvorwahlen in den Kreisen Calw und im Enzkreis.

 

"Im Zeitalter der gespeicherten Rufnummern ist dies eigentlich kein Problem", stellte Dongus fest: "Notrufe aus diesen Bereichen legen in Wirklichkeit aber eine Odyssee zurück, bis sie an der richtigen Leitstelle eingehen", so Willi Dongus nach eigenen Recherchen.

 

Belegt oder defekt

 

Er hat sich über den Weg eines Notrufes über 112 aus Jettingen erkundigt: "Der Notruf geht an die Leitstelle nach Calw. Da es keine Standleitung zwischen Calw und Böblingen gibt, über die der Notruf einfach weiterverbunden werden könnte, wird der Notruf aus Jettingen in der Regel in Calw abgefragt und das Ergebnis nach Böblingen telefonisch übermittelt." Doch die Leitung könne, "wenn alle dummen Zufälle zusammenkommen", belegt oder defekt sein.

 

So kann ein Notruf ohne Weiteres um mehrere Minuten verzögert sein und das für Menschen in Not, bei denen es um Minuten, oder Sekunden gehen kann. Nicht umsonst werden Eintreffzeiten von Feuerwehr oder Rettungsdiensten immer wieder kritisch unter die Lupe genommen. "Bei Bränden und Hilfeleistungen ist eine Mindesteintreffzeit der Feuerwehr von zehn Minuten vorgegeben", so Dongus. "Bei einer Rauchgasvergiftung müssen die Menschen spätestens 17 Minuten nach Beginn der Vergiftung reanimiert sein, sonst ist Hilfe in aller Regel vergebens."

 

Der Kampf um Lebensrettung ist ein Kampf gegen die Uhr. "Wertvolle, lebensrettende Zeit verschwindet im Kabelgewirr der Telekom. Augenscheinlich stehen Bürokratie und die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen der Telekommunikationsbranche über der Sicherheit und der Gesundheit oder dem Leben der Menschen", beklagte Dongus bei der Jahreshauptversammlung des Feuerwehrverbandes.

 

"Brieftauben wären schneller"

 

Auch für den Kreisbrandmeister Guido Plischek ist es ein Skandal, dass die Sicherheit von Menschen ganz offensichtlich von politischen Abwägungen abhängt. Auch er kennt die Fälle von Notfall-Odysseen, bei denen wertvolle und lebensrettende Zeit verloren geht. "Manchmal muss man feststellen, dass Brieftauben schneller gewesen wären."

 

Die FDP-Landtagsabgeordnete Heide Berroth, die stellvertretend für die anwesenden Bundes- und Landtagsabgeordneten sprach, ist entsetzt darüber, dass dieses seit Jahren bekannte Problem nach wie vor nicht gelöst sei. Im Gegenteil, das zuständige Wirtschaftsministerium hat den Ball erst kürzlich dem Landtag zugespielt. Landrat Roland Bernhard "ist fassungslos" und will den Feuerwehrverband beim Kampf gegen den Bürokratismus unterstützen.

 

Telekom sitzt das Problem aus

 

Auch Dongus lässt nicht locker. Seine Recherchen lassen den Schluss zu, dass die Telekom das Problem so lange auf die lange Bank schieben könnte, bis die analoge Notruf-Alarmierung durch Digitalfunk ersetzt wird.

 

Einen ähnlichen Fall von Bürokratismus findet sich in der Landesbauordnung. Nachhaltig werden die Forderungen der Feuerwehren ignoriert, dass Hochhäuser mit einer bestimmten Höhe nur dort genehmigt werden dürften, wo auch erforderliche Rettungsgeräte wie Drehleitern innerhalb der verfügten zehnminütigen Einsatzzeit zur Verfügung gestellt werden könnten, so der Vorsitzende des Feuerwehrverbands.

 

"Auch im Kreis Böblingen haben wir Objekte, bei denen die Drehleiter nötig ist und nicht innerhalb der genannten zehn Minuten am Einsatz ist", weiß Willi Dongus. Auch der seit Jahren geäußerte Wunsch der Feuerwehren nach gesetzlich vorgeschriebenem Einbau von Hausrauchmeldern werde beständig ignoriert. Hier versprach der Landrat Roland Bernhard Abhilfe: Man überlege, ob man dies trotz fehlender gesetzlicher Grundlage nicht in die Bauordnung des Kreises aufnehmen könne.

 

Wer die 112 wählt, hofft auf schnelle Hilfe. Die Realität sieht in manchen Gemeinden des Kreises anders aus. Bild: Light Impression-Fotolia.com