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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 02.06.2017

Wenn 18 000 Taxis 200 000 Autos ersetzen

Ehningen: Berater Christian Kleinhans prophezeit Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern der Fahrzeugindustrie eine gute Zukunft / Hersteller alleine seien überfordert

Die Automobilhersteller kämpfen derzeit an allen Fronten. Sie müssen die Verbrennungsmotoren verbessern, das Elektroauto voranbringen, und wer bei der Digitlaisierung nicht mitzieht, wird abgehängt. „Zulieferer und Entwicklungsdienstleister werden davon profitieren“, prophezeite Christian Kleinhans, Berater bei der Berylls Strategy Advisors GmbH, bei einer Veranstaltung der Bertrandt AG in Ehningen.

Die Halbjahreszahlen des Unternehmens (siehe auch: Die Bertrandt AG will internationaler werden) ändern daran nichts. Zwar hätten die Entwickler der Automobilindustrie gelernt härter zu verhandeln, wenn sie Aufträge außer Haus geben, aber sie kämen gar nicht darum herum, denn die Hersteller hätten ihre Entwicklungsabteilungen verkleinert.

Christian Kleinhans: „Die Hersteller haben so viele Aufgaben vor der Brust, dass sie derzeit nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht.“ Da würden Entwicklungsdienstleister immer mehr zu strategischen Partnern. Für diese Rolle kämen freilich nur die großen Dienstleister in Frage, mit mindest 100 Millionen Euro Jahresumsatz.

Unabhängig von der Frage, ob Verbrennungsmotor oder Elektroantrieb, so Kleinhans, werde sich die Mobilität ändern. Für den Blick auf das Jahr 2035 benötige man freilich keine Glaskugel: „Man sieht bereits sehr viele Vorboten. Die Grundlagen werden heute und in den nächsten Jahren geschaffen.“

Beispiel Tokio: „Da ist der Parkplatz teurer als die Wohnungsmiete“, weiß Kleinhans.

Beispiel Stuttgart: Fahrverbote für die Diesel.

„Die Städte werden zu den Hauptreibern der Veränderung“, folgert Christian Kleinhans, „denn sie stehen im Wettbewerb.“ Sie wollen attraktiv sein, für Bewohner, die es ökologisch und bequem haben wollen. Er geht davon aus, dass die Städte Mobilität nach Bedarf zur Verfügung stellen. Autonom fahrende Fahrzeuge, die sowohl in den Nah- wie auch in den Fernverkehr integriert werden.

Sein Unternehmen habe mit einer Studie herausgefunden, dass die 200 000 Fahrzeuge, die sich heute täglich in München innerhalb des Mittleren Rings bewegen, durch 18 000 Robo-Taxis ersetzt werden könnten.

Diese autonomen Fahrzeuge könnten preiswert unterwegs sein, da keine Kosten für den Fahrer anfallen.

Da würden neue Spieler auf den Plan treten. Die Automobilhersteller hätten das erkannt. Daimlers Car-2-go werde da aber nicht ausreichen. Das Google-Ei zeige, dass da ganz neue Fahrzeugkonzepte wichtig würden. Am Ende stehe die Frage, ob der Hersteller nur noch zum Lieferant von Hardware werde.

Vier bis fünf Jahre Entwicklungszeit seien künftig auch nicht mehr drin. Wenn so ein Fahrdienst mal 3000 Autos bestelle, müssten diese nicht nur an der Aufschrift erkennbar zu ihm gehören. Der werde auch nicht zwei oder drei Jahre warten: „Nur wer sofort liefern kann, wird solche Geschäfte künftig noch machen.“

Franz Loogen, Geschäftsführer von E-Mobil BW, der Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie Baden-Württemberg GmbH, geht davon aus, dass Fahrzeuge künftig eher billiger werden. Bisher habe sich gezeigt, dass elektrische Geräte einem größeren Preisverfall unterliegen als mechanische. Auch die Batterien würden billiger. Bezahlen werde der Kunde künftig aber nicht allein den Fahrzeugpreis, sondern auch für die Wertigkeit von Diensten.

Falls von 2050 an nur noch Elektrofahrzeuge unterwegs sein sollten, sieht Loogen nicht das Problem, dass die Strommenge nicht ausreichen könnte. Das Problem seien aber die Leitungen. Man müsse sich rechtzeitig Gedanken machen, wie man den Strom verteilen wolle.

In seinem Batterietestzentrum überprüft Bertrandt Energiespeicher von Hybrid- und reinen Elektrofahrzeugen. Das Unternehmen kann eine Fahrzeugumgebung nachbilden, um Komponenten wie E-Maschine, Elektronik, Ladegerät oder Ladesäule zu testen. Bild: Körner