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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 15.12.2017

Weniger Gewinn – gleiche Dividende

Ehningen: Der Ingenieurdienstleister macht fast 60 Millionen Euro weniger Umsatz mit dem Volkswagen-Konzern, da dieser Projekte verschiebt / 2,50 Euro Ausschüttung geplant

Der Volkswagen-Konzern ist über die Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG der größte Anteilseigner der Ehninger Bertrandt AG. Dennoch hat der Konzern sein Geschäftsvolumen mit dem Ingenieurdienstleister reduziert. Dies ist im Geschäftsbericht von Bertrandt dokumentiert, der in der gestrigen Bilanzpressekonferenz vorgestellt wurde.

Porsche hält an der Bertrandt AG 28,97 Prozent der Geschäftsanteile. Porsche und der Altensteiger Abgasspezialist Boysen (14,9 Prozent) sind die größten Anteilseigner des Ehninger Unternehmens.

Dennoch reduzierte der VW-Konzern im letzten Geschäftsjahr (1. Oktober 2016 bis 30. September 2017) seine Umsätze mit Bertrandt um 59 Millionen auf 341 Millionen Euro.

Der Rückgang sei darauf zurückzuführen, dass der Konzern wegen der Dieselkrise Projekte verschoben habe, sagte der Bertrandt-Vorstandsvorsitzende Dietmar Bichler. Des Weiteren habe Bertrandt wegen einer Übernahme im Herstellerbereich (Opel zum französischen Automobilkonzern PSA) Federn gelassen.

Beide Fälle habe Bertrandt aber kompensieren können. Bichler: „Besonders im Ausland sind wir gewachsen. So haben wir unsere Standorte in den USA, Rumänien oder Frankreich erweitert.“ Die Gesamtleistung steigerte Bertrandt gegenüber dem Vorjahr um 800 000 auf 993,9 Millionen Euro.

Der Gewinn ging jedoch, wie das Unternehmen bereits im Lauf des Geschäftsjahres ankündigte, deutlich zurück, nach Steuern von 63,6 Millionen auf 43,9 Millionen Euro (4,35 Euro je Aktie). Gründe für den niedrigeren Gewinn sind vor allem der Preisdruck in der Automobilbranche, ein um 8 Millionen Euro höherer Personalaufwand (insgesamt 703,6 Millionen Euro) sowie ein um 7,5 Millionen auf 105,6 Millionen Euro gestiegener Materialaufwand.

Bertrandt beschäftigte am Ende des letzten Geschäftsjahres 12 970 Mitarbeiter. Ein Jahr zuvor waren es 12 912. Geld gekostet habe „der Aufbau von qualifizierten Spezialisten“. Investiert hat Bertrandt im Geschäftsjahr 2016/17 unterdurchschnittlich: 38,3 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 83 Millionen Euro, in den letzten fünf Jahren zusammen über 300 Millionen Euro.

Dietmar Bichler bekräftige in der gestrigen Bilanzpressekonferenz im Stuttgarter Geno-Haus noch einmal die Ankündigung vom Mai 2017, dass die Aktionäre wie im Vorjahr 2,50 Euro Dividende je Anteilsschein erhalten sollen. Somit würden rund 25,4 Millionen Euro ausgeschüttet.

Damit würde Bertrandt die bisherige Ausschüttungspolitik verlassen. Bisher hatte bei der Gewinnverwendung die Faustregel gegolten: 40 Prozent für die Aktionäre und 60 Prozent für das Unternehmen. Definitv beschlossen wird die Dividende von der Hauptversammlung, die am 21. Februar in Sindelfingen stattfinden wird.

Bertrandt zählt mit einer Eigenkapitalquote von 48,3 Prozent nach wie vor zu den eigenkapitalstärksten unter den börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Finanziert hat sich Bertrandt auch durch ein vor drei Jahren „zur Weiterentwicklung des Unternehmens zu attraktiven Konditionen“ (Bichler) aufgenommenes Schuldscheindarlehen über 200 Millionen Euro.

Bei großen Projekten, in die bis zu 200 Mitabeiter eingebunden und die bis zu drei Jahre dauern könnten, würden die Auftraggeber auch auf den finanziellen Rückhalt eines Entwicklungspartner schauen.

Die Bertrandt AG macht 90 Prozent ihres Geschäfts mit der Automobilindustrie, fünf Prozent entfallen auf die Luftfahrt und fünf Prozent unter Sonstiges. Zur Automobilbranche sagte der Vorstandsvorsitzende: „Wir gehen davon aus, dass die Rahmenbedingungen mittelfristig intakt sind.“ Nach Angaben ihres Verbandsvorsitzenden Matthias Wissmann liege ihr Forschungs- und Entwicklungsvolumen weltweit bei 39 Milliarden Euro pro Jahr.

Allein in die Entwicklung alternativer Antriebe würden bis 2020 etwa 40 Milliarden Euro investiert. „Bis dahin“, so Bichler, „werden deutsche Automobilhersteller das Modellangebot an Elektrofahrzeugen voraussichtlich mehr als verdreifacht haben, von aktuell 30 auf rund 100.“

Bei den laufenden wie auch bei den neuen Flugzeugprogrammen würde die Entwicklung nach wie vor vom Komfort und von der Nachhaltigkeit bestimmt. Im letzten Punkt reiche dies bis hin zu ersten Tests mit E-Flugzeugen.

Bichler geht davon aus, dass sich die Bertrandt AG im laufenden Geschäftsjahr „positiv entwickelt“. Wenn es gelänge, um 20, 30 oder 40 Millionen Euro zu wachsen, werde auch die Zahl der Mitarbeiter entsprechend zunehmen.

SZ/BZ-Redakteur Karlheinz Reichert begleitete die Bertrandt AG schon journalistisch bevor sie 1998 an die Börse ging.

Bertrandt-Entwickler mit einer ihrer Karosseriestudien. Bild: z