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Von unserem Redakteur Steffen Müller · 27.11.2012

Von Hammerwerfern und alter Armut

Sindelfingen: Steffen Möller liest bei Röhm Buch / Eigenwillige Liebeserklärung eines Wuppertalers an die neue Heimat Polen

Er ist der deutsche Exportschlager in Polen. Steffen Möller, aufgewachsen in Wuppertal und emigriert nach Warschau, ist bei unseren östlichen Nachbarn ein Topstar. Seit geraumer Zeit tourt der Kabarettist auch durch seine alte Heimat Deutschland: „Hier habe ich wohl mein optimales Publikum gefunden. Es kommen immer zwischen 30 und 50 Prozent Polen, darunter zahlreiche Ehemänner polnischer Frauen“, sagt Möller vor seiner Lesung in der Buchhandlung Röhm in Sindelfingen.

Die Lesung ist ausverkauft bis auf den letzten Platz und nicht nur die Ehemänner der polnischen Frauen krümmen sich vor Lachen, als Möller von den jährlich zwei obligatorischen Reisen gen Osten erzählt: „An Weihnachten und Ostern sind die Besuche Pflicht. Da wird man dann in der Küche festgekettet und von der Schwiegermutter gemästet. Täglich ein Kilo mehr. Wenn man sich dann wegen Übelkeit ins Bett zurückzieht, wird einem das Bigos* eben dorthin nachgetragen.“

Trotzdem rät Möller dringend zur Auswanderung nach Polen. Unter anderem aus ökologischen Gründen: „Die polnische Sprache kommt ganz ohne Artikel aus. Deshalb ist mein Buch Viva Polonia in der deutschen Version um über 20 Seiten dicker. Auch Winfried Kretschmann soll deshalb schon polnisch lernen.“ Beim Thema Kretschmann ist das Thema Bahnhof nicht weit: „In den größten polnischen Städten werden gerade vier riesige Bahnhöfe neu gebaut. Vier Mal Stuttgart 21 und es wurde noch nicht ein Demonstrant gesichtet.“ Paradiesische Zustände. Bisher gibt es also noch nichts, was irgendwie gegen eine Auswanderung nach Warschau, Breslau, Krakau oder Danzig spricht. Tatsache ist allerdings, dass 70 Prozent der Deutschen noch nie in Polen waren.

Hauptgrund, so das Ergebnis einer Umfrage, ist Angst vor der Reise. „Die meisten meinen damit wohl Angst um ihr Auto – dabei werden in Polen deutlich weniger Autos gestohlen als in Deutschland, zudem hat Polen das modernste Kfz-Registrierungssystem weltweit. Die Diebstähle tendieren gegen Null, während sie hierzulande nicht abnehmen.“

Auch mit einem weiteren Vorurteil räumt Möller auf: „Ich höre immer wieder, dass alle Wörter im Polnischen einen Zischlaut haben. Das ist absoluter Nonsens. Fast fünf Prozent der Ausdrücke sind frei davon.“ Doch nicht nur die Sprache und die Sicherheit schätzt Möller in Polen, auch den allgegenwärtigen Pessimismus empfindet er als äußerst angenehm: „Bei uns greift ja immer mehr das positive Denken um sich. In Polen ist die Welt da noch in Ordnung. Wenn sie auf die Frage nach ihrem Befinden antworten ‘gut’, dann schaut man sie an wie einen Außerirdischen.

Die richtige Antwort ist ‘stara bieda’, was wörtlich übersetzt alte Not bedeutet, natürlich ausgesprochen mit einem leidenden Tonfall. Ein weiteres entscheidendes Wort in Polen ist ‘trudno’, was schwierig bedeutet und verwendet wird, wie das französische ‘c’est la vie’.“

Bei aller Euphorie über unser Nachbarland empfiehlt Möller den Auswanderern bei den polnischen Witzen über die Deutschen nicht allzu empfindlich zu sein. „Da darf man nicht allzu zart besaitet sein.“ Es gibt zwei Kategorien, die eher rückwärts gewandten wie diesen: „Warum brauchen Deutsche Männer zwei Viagra-Pillen um auf Touren zu kommen? Ganz einfach, weil bei der ersten zunächst nur der rechte Arm hochgeht.“

Oder die modernere Variante, mit Bezug zu aktuellen Themen. Einer dieser Witze handelt von einem erfolgreichen deutschen Hammerwerfer, der gefragt wird, warum er sein Sportgerät so viel weiter werfen kann, als ein polnischer Bergarbeiter aus Oberschlesien. Die Antwort: „Ich stamme aus einer Hartz-4-Familie in Berlin. Mir wurde von Geburt an eingebläut, den Hammer soweit wie möglich wegzuwerfen, wenn jemand will, dass ich damit arbeite.“

Info

Polen hat 38,5 Millionen Einwohner und ein BIP pro Einwohner (nominal) von 13 540 US-Dollar (Deutschland 82 Millionen, BIP 43 700 US-Dollar). Polen ist das einzige Land in der EU, das auch im Krisenjahr 2009 ein Wirtschaftswachstum aufweisen konnte. Polen ist eines der beliebtesten Auswanderungsländer der Deutschen (jedes Jahr rund 10 000 Menschen), umgekehrt sind die Polen die größte Einwanderer-Nation in Deutschland (2012 rund 90 000) *Bigos ist eines der beliebtesten polnischen Gerichte und wird mit Sauerkraut, Fleisch und Wurst zubereitet. Weitere Informationen zu Steffen Möller gibt es unter www.steffen.pl im Internet.