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Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 23.09.2011

Vier Morde geben Rätsel auf

Kreis Böblingen: Die Mörder von Angelika Steudle, Maria Klumpp, Siegfried Binder und Brigitta Jacobi wurden nie erwischt

Vor Millionenpublikum hat Moderator Rudi Cerne in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ am Mittwoch vom Geständnis des Mannes berichtet, der vor elf Jahren den elfjährigen Tobias in Weil im Schönbuch brutal ermordet haben soll (die SZ/BZ berichtete). „Mörder haben eigentlich keine Chance, ungestraft davonzukommen“, sagt Böblingens Pressesprecher Eckhard Salo. Und doch gibt es im Kreis Böblingen vier Mordfälle, die der Kripo auch nach Jahren immer noch Rätsel aufgeben.

Die Akten liegen längst bei der Staatsanwaltschaft. „Abgeschlossen sind die Ermittlungen deshalb aber nicht. Jeder Fall hat bei uns einen Paten, der sämtliche Kopien zwar nicht oben auf seinem Schreibtisch, aber trotzdem immer griffbereit hat“, sagt Eckhard Salo.

Rätselhafter Stein

Manchmal werden diese Akten von einem Moment auf den anderen wieder brandaktuell – zum Beispiel im Mordfall Angelika Steudle (Bild: Polizei) in Magstadt. Am 15. April 1986 macht ein Spaziergänger gegen 16 Uhr einen grausigen Fund im Hölzertal. Er entdeckt die Leiche der 17-Jährigen im Wald, einzelne Kleidungsstücke liegen neben ihr.

Die Jugendliche wurde missbraucht und zwischen 23.30 Uhr und 3 Uhr morgens mit drei Messerstichen umgebracht. Eckhard Salo ist als Ermittler vor Ort. Er erinnert sich: „Wir fanden die Visitenkarte eines Mannes und waren deshalb einigermaßen hoffnungsfroh, den Fall lösen zu können.“ Die Beamten finden außerdem eine unbekannte DNA-Spur. „Leider keine gute“, sagt Eckhard Salo. Sofort geht die Soko „Steudle“ ans Werk und zeichnet den Weg des Mädchens nach.

Sie ist als Tramperin von Aalen nach Calw unterwegs, will zu ihrem Freund, der dort eine Ausbildung macht und der sie kurz zuvor verlassen hat. Sie wird von verschiedenen Autofahrern über Essingen, Schwäbisch Gmünd, Schorndorf, Fellbach und Bad Cannstatt nach Ludwigsburg mitgenommen. Dort wird sie zum letzten Mal gesehen, als sie in einen Mercedes einsteigt. Die Ludwigsburger Polizei lässt 2000 Halter dieses Typs vorfahren.

Auch die Visitenkarte bringt die Polizei nicht weiter. Sie gehört dem Mann, der Angelika Steudle von Aalen nach Essingen mitgenommen hatte. Eckhard Salo: „Er sagte, dass das Mädchen einen extrem niedergeschlagenen Eindruck gemacht hatte und bot ihr seine Hilfe an.“ Ansonsten gibt es keine brauchbaren Spuren. Die Tatwaffe bleibt verschwunden. Im Magstadter Wald gibt es nicht einmal brauchbare Reifenspuren.

Ein Jahr lang ermittelt die Soko, dann geht der Fall ans Dezernat Tötungsdelikte, bis die Polizei merkt, dass sie in der Sackgasse steckt. 23 Jahre später wird der Fall wieder aufgerollt. 2009 wird wenige Tage nach dem Todestag ein Granitstein am Fundort der Leiche mit seltsamen Schriftzeichen entdeckt. Doch auch diese Hoffnung zerschlägt sich: „Eine Frau hatte ihn zufällig dort abgelegt. Der Stein hat absolut nichts mit der Tat zu tun“, sagt heute der Kripo-Pate des Mordfalls.

Geldbörse fehlt

Jede Menge potenzielle Zeugen gibt es zum Mordfall Maria Klumpp. Am 18. Dezember 1988 wird die 83-Jährige um 18.30 Uhr mit dem eigenen Halstuch erdrosselt in ihrer Wohnung in der Neuköllner Straße in Leonberg gefunden. Sie lebte so gut wie ohne Kontakt zu ihren Nachbarn in der 13. Etage des 20-stöckigen Hauses gegenüber des Leocenters. Am Vortag wurde sie zuletzt um 20.30 Uhr lebend gesehen.

Die rote Geldbörse der Rentnerin fehlt. Ansonsten: „Keine Spuren, keine Fingerabdrücke, null Anhaltspunkte“, erinnert sich Eckhard Salo. Es dauert Tage, bis alle Bewohner des Hochhauses befragt sind. Heute liegt die Akte in der Schublade. Eckhard Salo: „So wie bei allen Mordfällen wird sie immer mal wieder rausgeholt. Außerdem kommt täglich das Bundeskriminalblatt des BKA, in dem es deutschlandweit Informationen zu schweren Taten gibt.“ Sollten einem Beamten Parallelen oder andere Verbindungen auffallen, wird der Fall wieder aufgerollt.

Nackt auf dem Handtuch

Rätselhaft ist auch der Mordfall Siegfried Binder. Am 25. August 1991 finden Spaziergänger den Toten um 13 Uhr auf einem Waldweg bei den Hinterlinger Seen in Sindelfingen nahe der alten B14. Er liegt dort schon zwei Tage lang nackt auf seinem Handtuch, von einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Kein Geldbeutel, kein Ausweis. Eckhard Salo: „Es war schwierig, ihn erst einmal zu identifizieren.“ Neben Siegfried Binder liegt sein Fahrrad mit dem Aufkleber des Händlers. Über dessen Verkaufsliste finden sie die Adresse des Sindelfingers.

18 Beamte ermitteln monatelang in der Sonderkommission, erkundigen sich im Bekanntenkreis und bei seiner Arbeitsstelle beim Sindelfinger Friedhofsamt, auch im Verein, wo der 35-Jährige sehr aktiv war. Ohne Erfolg. Es gibt keine Augenzeugen, und die Mordwaffe bleibt verschwunden.

Augenzeugen

Dafür gibt es für den Mord an Brigitta Jacobi gleich vier Augenzeugen. Am Freitag, den 14. Juli 1995 wird die 35-Jährige in Sindelfingen erstochen. Um 23.28 Uhr stempelt sie an ihrer Arbeitsstelle bei einem Hersteller für Damenmode aus, macht sich auf den Heimweg  nach  Stuttgart,  läuft  Richtung S-Bahn und wird in der Tilsiter Straße überfallen. Der Täter sticht über 20-mal zu.

Zwei US-Amerikaner, die zu Besuch in Deutschland sind, beobachten, wie die Frau attackiert wird. Sie vermuten, dass es nur um einen Streit geht, fahren vorbei, wenden dann aber und kommen zurück. Jetzt begreifen die Männer, dass vor ihren Augen ein Verbrechen geschieht. Sie sehen den Täter, der in einen hellen, zweitürigen Kombi ohne Fenster im hinteren Bereich einsteigt. Einer der Männer holt Hilfe.

Weitere Zeugen tauchen mit einem roten BMW auf und schätzen die Situation falsch ein, vermuten einen Verkehrsunfall und fahren zu einer Telefonzelle, um einen Krankenwagen zu rufen. Auch sie machen eine Beobachtung, die für die Polizei bedeutend ist. Als sie an der vermeintlichen Unfallstelle vorbeikommen, sehen sie am Straßenrand einen schwarzen Honda CRX. Als sie zurückkommen, ist dieser weg. Dieser könnte einem weiteren Zeugen gehören.

Die Landespolizeidirektion Stuttgart bildet die Soko „Tilsit“, die nach drei Monaten in Ermittlungsgruppen aufgeteilt wird, sucht nach Spuren und befragt vor allem die Teilnehmer einer Vertretertagung der Firma Herbalife, die am nächsten Tag in der Nähe stattfindet. Auch hier bleibt die Tatwaffe verschwunden. „Bis heute gab es keinen konkreten Tatverdacht“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Frank Buth.

Seit 1986 gab es im Landkreis Böblingen 26 vollendete Mordfälle.

Polizisten bei der Spurensuche nach dem Mord an Brigitta Jacobi am 14. Juli 1995 in der Tilsiter Straße in Sindelfingen. Bild: Stampe/A

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