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Von unserem Mitarbeiter Edip Zvizç · 21.04.2017

„Verlieren jeden zweiten jungen Schiri“

Nach sieben Kursabenden begann für den WFV-Lehrrat Reiner Bergmann im Deufringer Vereinsheim das große Händeschütteln. Er begrüßte 26 neue Schiedsrichter, die ab sofort über Abseits und Foul entscheiden und für die Schiedsrichtergruppe Böblingen/Calw pfeifen. Sie alle wissen: Es ist kein einfaches Amt.

So erfreulich diese Zahl ist – auch bei den Schiedsrichtern ist nicht alles Gold, was glänzt. Reiner Bergmann vom SV Baiersbronn gibt sich keinen Illusionen hin, denn alleine im Vorjahr sind von etwa 1750 neuen Schiedsrichtern aus den 40 Gruppen des Württembergischen Fußballverbands 900 ziemlich schnell wieder abgesprungen. „In der Regel verlieren wir jeden zweiten der jungen Schiedsrichter“, weiß der Leiter des Neulingskurses. Sein Engagement ändert sich aber trotz der hohen Abbrecherquote nicht, im Gegenteil. Im Vereinsheim des FSV Deufringen leitete der WFV-Lehrrat kurzweilig über sieben Abende samt Zwischen- und Endprüfung.

Die Beweggründe der 30 Anwärter waren verschieden. Tom Henschke vom TV Gültstein beispielsweise hatte einige „schlechtere Erfahrungen mit Unparteiischen“ und sagte sich: „Das kann ich besser.“ Dass der TVG insgesamt zu wenig Schiedsrichter hat und deswegen regelmäßig Strafe zahlen muss, bekräftigte den Gültsteiner A-Jugendspieler, sich das Ganze mal von der anderen Seite anzuschauen. „Der Verein unterstützt uns und sponsert auch die Ausrüstung.“ Die Lust, Spiele zu leiten, verstärkten die Kursabende. „Ich hatte mir das deutlich strenger vorgestellt“, war Tom Henschke vor allem vom Kursleiter begeistert: „Reiner macht das super. Ich freue mich regelrecht auf mein erstes Spiel als Schiedsrichter.“

Bei Tim Zudrell vom SV Gültlingen sieht das anders aus. Er will als Trainer vorankommen – und braucht dafür auch den Schiedsrichterkurs. Der Student der Sportwissenschaften arbeitet im Nachwuchszentrum des VfB Stuttgart als Co-Trainer, hält sich aber auch die Option „Schiedsrichter“ offen. „Ich schau mal, ob mir das Spaß macht“, sagt der 23-Jährige und fügt mit hinzu: „Zumindest sehe ich im Hinblick auf meine Trainertätigkeit, was Sache ist. Dann werde ich später an der Seitenlinie hoffentlich nicht ganz so viel herummeckern.“

„Herummeckern“ ist generell ein Thema. Auch die Gewalt auf dem Sportplatz rückt immer wieder in den Fokus. Reiner Bergmann gibt den Neulingen wertvolle Tipps, wie man heikle Situationen löst. Am letzten Kursabend wird auf dem Kunstrasenplatz der SV Böblingen sogar der Ernstfall geprobt. Spielsituationen werden simuliert – Bedrohungen und Zuschauerverhalten inklusive. Die sechs Anforderungen, die Reiner Bergmann an seine Neulinge stellt: Persönlichkeit, kommunikative Fähigkeiten soziale Kompetenz, interkulturelle Kompetenz, Regelkenntnis sowie Mut/Gerechtigkeit. „Wer dieses Profil erfüllt, kann als Schiedsrichter Spaß haben“, sagt der Lehrwart. „Aber besser, wir reden vorher darüber und bereiten die Neulinge auf solche Geschehnisse vor“, so Reiner Bergmann.

Gänzlich neu war in diesem Neulingskurs das „E-Learning“. Online konnten die Kursteilnehmer begleitend zu den Kursabenden ihr Wissen festigen. „So konnten wir einen Kursabend sparen“, ist Reiner Bergmann begeistert von der neuen Möglichkeit, die Fortschritte der Teilnehmer zu verfolgen: „Defizite werden klar, und wir und der Anwärter sehen, wo Nachholbedarf herrscht.“

Immer wieder schauten beim Neulingskurs auch arrivierte Schiedsrichter vorbei, um sich unter anderem ein Bild ihrer potenziellen Nachfolger zu machen. Norbert Fleischer (TV Altdorf), Ausschussmitglied und Einteiler der Schiedsrichtergruppe Böblingen, war über den bis auf den letzten Platz besuchten Neulingskurs erfreut, hofft aber gleichzeitig, dass „die Neulinge auch dabei bleiben. Bei den Jüngeren sind zu viele Abbrecher dabei. Und unser Problem mit dem Spielbetrieb in der B-Liga und den Reserveligen lösen die jungen leider auch nicht, da sie im Aktivenbereich noch gar nicht pfeifen dürfen.“ Nur allzu gerne hätte Norbert Fleischer ein paar ältere Kandidaten begrüßt. „Das ideale Alter für Neueinsteiger wäre zwischen 25 und 35 Jahren.“

Für Danielle Pfeil – die einzige weibliche Teilnehmerin am Neulingskurs – ist das aber kein Hinderungsgrund, um es nicht doch einmal an der Pfeife zu probieren. Die 15-jährige B-Juniorin des SV Nufringen ging pragmatisch an den Neulingskurs heran: „Ich bin hier dabei, um unter anderem meinen eigenen Schwächen, zum Beispiel bei Abseitsstellungen, entgegenzuwirken.“

Yücel Bayram, Trainer der C1-Junioren des VfL Sindelfingen ist im besten Alter, war selbst schon einmal Schiedsrichter, und hat neue Lust bekommen, es noch ein zweites Mal zu versuchen. „Ich bin sehr oft unzufrieden mit den Unparteiischen, die die Spiele meiner Mannschaft leiten, deshalb will ich zeigen, dass ich es besser kann.“ Auch fünf seiner Spieler konnte der 37-Jährige überzeugen, sich als Schiedsrichter zu versuchen. „Ich hoffe, dass ist nicht nur eine Momentaufnahme, und einige meiner Spieler bleiben tatsächlich dabei.“

Gruppenbild im Vereinsheim des FSV Deufringen: So sehen die neuen Schiedsrichter der Gruppe Böblingen/Calw aus. Bild: z