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Von Ursula Schnabl · 04.06.2010

Supermärkte mitten in der Fabrik

Sindelfingen: Die Logistik des Mercedes-Benz Werks ist mit der Stimmerkennung auf dem Weg zur papierlosen Abwicklung

Um Autos zu bauen, braucht man Material. Die Logistik des Werks Sindelfingen sorgt dafür, dass die richtigen Teile zur rechten Zeit am Montageband sind. Manche Teile, vor allem große, bringen die Lieferanten in der Produktionsreihenfolge direkt ans Band. Für kleinere Teile hat die Logistik sogenannte Supermärkte direkt in den Montagegebäuden eingerichtet. Der größte befindet sich in der E-Klasse-Montage.

 

Wenn die Montage bestimmte Teile benötigt, bestellt sie diese bei der Logistik. Über das EDV-Lagersteuerungssystem erhalten die Supermarktmitarbeiter diese Bestellung. Sie greifen die Teile aus den Regalen - im Fachjargon wird das "picken" genannt -und stellen sie auf Anhängern für die Auslieferung bereit. Elektrowagen bringen die Teile dann auf festen Routen regelmäßig in die Produktion.

 

Das System sortiert

 

Bisher war das "Picken" mit viel Aufwand und Papier verbunden: Das Logistiksteuersystem druckte im Supermarkt etwa 10 000 Materialbegleitkarten pro Tag aus, ein Supermarktmitarbeiter sortierte sie nach Lieferrouten. Dann pickte er anhand dieser Karten die bestellten Teile aus den Supermarktregalen. Er klebte die Materialbegleitkarten an den entsprechenden Behälter und stellte sie am Übergabeplatz für die Routenwagen bereit.

 

Das wird nun anders. "Wir sind auf dem Weg in die papierlose Zukunft", sagt der zuständige Abteilungsleiter der Logistik E-Klasse, Klaus Eichhorn. Bald wird gesprochene Sprache die Papierkarten ersetzen. "Pick by Voice" heißt das neue Vorgehen. Dabei tragen die Supermarktmitarbeiter einen Empfänger mit Kopfhörer, ähnlich einem Handy mit Headset. Sie melden sich am Lagersteuerungssystem an, sagen, welche Route sie bedienen.

 

Dann sucht das System heraus, welche Teile für diese Route bestellt wurden, sortiert sie in die richtige Reihenfolge und liest dem Mitarbeiter diese Bestellungen vor. Die künstliche Stimme im Headset sagt dann beispielsweise "Fahre zu Lagerplatz 1111, greife Material Nr. 1234, Anzahl eins." Der Mitarbeiter bestätigt die Anweisungen, indem er sie wiederholt. Sagt er "Wiederhole", bekommt er die letzte Anweisung noch einmal zu hören. Das Lagersteuerungssystem stellt auch die ideale Anordnung der Behälter auf den Anhängern zusammen und teilt sie dem Mitarbeiter mit: "Lege das Material auf Routenwagen-Platz fünf."

 

Auf diese Weise steht das Material genau in der Reihenfolge bereit, in der die Route abgefahren wird, und der Routenfahrer kann es ohne Suchen oder Umräumen abladen.

 

Der Computer versteht Schwäbisch

 

Auch die Auslieferung steuert das System per Sprachanweisung: "Fahre zu Regal Nr. Z, bestücke Regalplatz Z2 mit Behälter von Routenwagen-Platz fünf." Ein weiterer großer Vorteil des neuen Systems: Wo keine Materialbegleitkarten ausgedruckt werden, können auch keine verloren gehen. Denn das könnte zum ungeplanten Stillstand eines Montagebandes führen.

 

Unterschiedliche Akzente oder Dialekte sind für Pick by Voice kein Problem, wie Klaus Eichhorn mit einem Schmunzeln bestätigt: "Es versteht nicht nur Schwäbisch, sondern auch Hochdeutsch." Der Sprachcomputer lernt selbstständig die Stimmlage oder Aussprache jedes Bedieners zu verstehen und kann bei Bedarf auch spezielle Fachwörter lernen.

 

Klaus Eichhorn: "Im Sommer 2009 haben wir Pick by Voice erstmals getestet, und auch die Erprobung in unserem größten Supermarkt, hier in der E-Klasse, verlief erfolgreich."

 

Derzeit bindet die Daimler-IT Pick by Voice mit professioneller Software an das EDV-Lagersteuerungssystem an. Anschließend laufen weitere Tests, die im Sommer 2010 abgeschlossen sein sollen. Darauf freut sich Eichhorn: "Dann sind wir der papierlosen Logistik einen Schritt näher gekommen."