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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 13.01.2018

Statt nach Afrika ging es in die Altstadt

Das Porträt: Barbara Stegmaier und Hans-Peter Kerndler lenken seit fast vier Jahrzehnten die Geschicke des Cafés in der Sindelfinger Turmgasse

Den Ruf, ein alternatives Café zu betreiben, haben Hans-Peter Kerndler und Barbara Stegmaier nie mit Absicht aufgebaut. In den frühen 80er Jahren ergab jedoch ein Zufall den anderen. Die beiden gehören mit dem „’s Café“ in der Turmgasse heute zu den Urgesteinen der Sindelfinger Gastronomie.

Einst kehrte eine Gruppe ins Café in der Turmgasse ein. Zu der gehört auch ein kleiner Junge. „Ich nehme Cola“, sagt der zu Hans-Peter Kerndler. „Haben wir nicht“, sagt der Café-Chef. „Dann nehme ich eine Fanta“, wählt der Junge die Limo-Alternative. „Haben wir auch nicht“, muss Kerndler auch diese Order abschlägig bescheiden. „Gut, dann nehme ich ein Mezzo-Mix.“

Kenner verfallen spätestens an dieser Stelle in Lachen. Auf Hans-Peter Kerndlers Gesicht macht sich ein Lächeln breit. „Ja, das stimmt. In den ersten Jahren hatten wir keine Produkte von Cola.“ Womit klar ist: Der Junge bekam damals auch kein Spezi.

Längst werden in der Turmgasse alle genannten Getränke ausgeschenkt. Die Anekdote klingt nach einer Begebenheit aus einer ganz fernen Zeit. Was nicht falsch ist. Hans-Peter Kerndler ist wohl der Gastronom, der auf die längste Kontinuität in einer Sindelfinger Lokalität verweisen kann, noch knapp vor Manne Hämmerle mit seinem Bierstadel, das am 1. April 1981 öffnete. Das Café in der Altstadt machte im Februar 1981 auf. Hier wurde keine vergessen: Mancher mag primär Barbara „Babsi“ Stegmaier mit „’s Café“ assoziieren, die Mitinhaberin stieg aber erst später ein.

Seine umständliche Geburt hatte das Lokal da hinter sich. Den Plan, einen Buchladen mit Café aufzumachen, Ende der 1970er Jahre geschmiedet vom Sindelfinger Ur-Grünen Herbert Rödling und Hans-Peter Kerndler, wollen sie mit Heidi Prohaska umsetzen. „Wir waren zu dritt in der Sprechstunde“, erzählt Hans-Peter Kerndler vom Besuch beim damaligen OB Dr. Dieter Burger. Der habe aber die Entstehung eines linken Zentrums gewittert, womit das Projekt für ihn ein rotes Tuch gewesen sei. Von Verwaltungsseite werden so die Hürden aufgestellt. Die geplante gemeinsame Eröffnung platzt, Herbert Rödling macht seinen Buchladen schon gegen Jahresende 1980 auf, bis das Tandem „Buch und Café“ im Februar komplett ist.

Als Heidi Prohaska nach einem Jahr hinschmeißt, sucht der Maichinger Kerndler einen Nachfolger. Über eine Bekannte wird Barbara Stegmaier auf die Job-Gelegenheit aufmerksam. Die gelernte Kindergärtnerin will Geld verdienen zum Reisen. Schon am Ende ihrer Teenager-Jahre hat sie den ersten, drei Monate währenden Trip nach Afrika absolviert. Neun Monate arbeiten, drei Monate Afrika – sie denkt, das könnte ihr Leben sein. Trotz Durchblick selbst im schwarzen Kontinent: Auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch verfehlt sie zunächst das in der verwinkelten Altstadt gelegene Café. Als ihr Hans-Peter Kerndler unterbreitet, nicht nur eine Bedienung, sondern einen Mitinhaber zu suchen, schreckt sie das erst mal ab: Ihre Afrika-Pläne sieht sie platzen. Doch er beruhigt. „Kein Problem“, verspricht er, dass ihr doppelkontinentaler Lebensplan auch als Inhaberin vollziehbar bleibe.

An der schwierigen Café-Geburt unbeteiligt, erlebt die neue Mitinhaberin die Nachwehen mit. Das Café startete mit einer Fußfessel: Die Stadt hat Öffnung nur bis 22 Uhr genehmigt. Viele Jahre dauert der Kampf, bis häppchenweise längere, übliche Öffnungszeiten gestattet sind. Es sind nicht diese Beschränkungen, die dem Café einen speziellen Ruf verschafften. Da auf seiner Karte Früchtemüsli steht, an Tagen ungeraden Datums Rauchverbot herrscht, vielerlei exotische Teesorten zu haben sind und Cola & Co. fehlen, heißt es im Jargon der Einheimischen schnell „alternatives Café“.

Hans-Peter Kerndler rückt zurecht, dass hinter vielem weit weniger Ideologie steckte als die Vermutung – die Grünen hatten ihr Büro im Café-Keller - nahelegt. Der Cola-Vertreter etwa kam viel zu großspurig daher und scheiterte deshalb, nicht weil er Agent eines „kapitalistisch-imperialistischen Konzerns“ war, als der der US-Brauseproduzent in Linken-Kreisen firmierte: Der Cola-Mann wollte unbedingt einen Konzessionsvertrag aufdrängen. „Wir wollten aber unabhängig sein“, sagt Kerndler, der 1981 noch an seiner Diplomarbeit in Betriebswirtschaft schreibt.

Selbst das in einem Sindelfinger Lokal wohl erstmals auf einer Karte auftauchende Früchtemüsli und sein Stellenwert relativiert der Blick auf den Umsatz. „Müsli hat da vielleicht Null-Komma-Eins Prozent ausgemacht. Umsatz haben Bier und Kaffee gebracht“, so Barbara Stegmaier. Auch die erste Einrichtung inklusive Sofa habe sich nicht am Alternativ-Chique orientiert, unterstreicht Hans-Peter Kerndler. Federführend sei da Heidi Prohaska gewesen, die mit ihren Österreich-Verbindungen das Modell Wiener Kaffeehaus im Kopf hatte.

Das Attribut „alternativ“ hat das ‘s Café längst abgestreift. Mit Fernseher, Kicker und Cola herrscht inzwischen längst Normalität. Während anfangs ein ganz überwiegend junges Publikum verkehrte, hat sich auch das gedreht. Von Schülern bis zur Skatrunde der 80-Jährigen gehen alle Altersgruppen ein und aus. „Keiner stört sich am Anderen. Die Abgrenzung der Generationen ist nicht mehr so“, sagt Barbara Stegmaier.

Das Duo Kerndler-Stegmaier dagegen steht nur selten gemeinsam hinterm Tresen. Normalerweise hat er die Tag-, sie die Spätschicht. Unterstützung kommt von heute drei Mitarbeitern. Als Typen wirken beide zwar nicht wie Tag und Nacht, doch unterschiedlich: Sie lacht gerne laut und vernehmlich, auf vergleichbare Bekundungen von Extrovertiertheit wartet man dagegen bei ihm tendenziell vergeblich. Sein Hochdeutsch und ihr Schwäbisch täuschen aber falsche Ursprünge vor. Er kam in Sindelfingen auf die Welt, sie als gebürtige Offenbacherin entspringt Hessen, wuchs gleichwohl in Magstadt auf.

„Von der Denke her unterscheiden wir uns aber sehr wenig“, betont Barbara Stegmaier. So habe immer Konsens geherrscht, was den Betrieb des ‘s Cafés angehe, das mit Auszug des Buchladens und Terrassen-Ausbau bereits ab Mitte der 1990er Jahre seine heutigen Dimensionen erreicht hat. „Wir stehen auch hinter dem Laden“, sagt Hans-Peter Kerndler. Die Opfer, die man bringen müsse, seien ohne Identifikation mit dem ‘s Café gar nicht vorstellbar, so Barbara Stegmaier: „Da würdest Du hier untergehen.“

Ein Opfer des zeitintensiven Café-Betriebes mit 365 Öffnungstagen sind ihre einstigen Freizeit-Fantasien. Je länger das ‘s Café existierte, umso seltener wurden ihre Afrika-Reisen, bis sie schließlich ganz flachfielen. Dafür war Barbara Stegmaier vor drei Jahren auf Kuba und kurbelte als begeisterte Radlerin mit den Pedalen in drei Wochen 1200 Kilometer auf den Fahrrad-Tacho.

Die vollkommene Deckungsgleichheit in Sachen ‘s Café bestätigt indes eine Frage. Würden Sie „’s Café“ wieder machen? Unisono, laut und zeitgleich kommt dazu aus beiden Kehlen: „Klaaar!“.

Hinter der Theke sieht man beide selten zusammen, seit Jahren aber stehen sie unzertrennlich hinter dem ’s Café: das Inhaber-Duo Barbara „Babsi“ Stegmaier und Hans-Peter Kerndler. Bild: Heiden