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30.08.2019

Stadtmitte mehr als eine Partyzone

  • Auf dem Marktplatz wurde "Sindelfingen rockt" zum Hit. Ob es wieder dorthin zurückkkehrt, ist noch offen. (Bild: Dettenmeyer)

Sindelfingen 2019. Die Veranstaltungsreihe bekommt eine Zugabe – vor Gericht. Zum 1. Mal rockten die Bands am Stadtrand statt in der Stadtmitte auf dem Marktplatz. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch, tausende feierten trotzdem. Und zwischen Galerie und Planie-Dreieck trafen sich danach hunderte, um ihren Unmut über die Entwicklung zu artikulieren.

Es lohnt sich ein Blick auf die Hintergründe. 4 Einwohner klagten gegen die Veranstaltung. Warum? Zu laut? Wohl kaum und nur vorgeschoben, denn bei geschlossenen Fenstern wäre unter anderem auch dank eines Begrenzers im Mischpult keine kritische Dezibelzahl erreicht worden. Zu lange? 21.30 Uhr statt wie seit Jahren 22 Uhr sollte Schluss sein. Also was sind die Gründe für diesen starrköpfigen Widerstand?

Die Vermutung liegt nahe, dass alte Rechnungen mit der Verwaltung beglichen werden sollen, koste es was es wolle. Warum will zum Beispiel jemand, der selbst jahrzehntelang ein Geschäft mitten in Sindelfingen betrieben hat, plötzlich der Stadtmitte und damit seinen alten Mitstreitern im Handels- und Gewerbeverein schaden und wirbt aktiv um Mitstreiter, wie im Frühjahr geschehen? Warum will jemand, der jahrzehntelang ein Geschäft verpachtet hat, plötzlich nichts mehr von Innenstadt-Belebung wissen? Soll hier andauernder Kleinkrieg mit der Stadt auf dem Rücken der Allgemeinheit ausgetragen werden?

Persönliche Egoismen statt ernsthafter Gesundheitsschädigung durch Musik liegen als Beweggrund nahe, dürfen aber das hinterhältige Treiben nicht rechtfertigen. Die Stadt hat, wie hier mehrfach kommentiert, diesen streitlustigen Anwohnern oft die Hand gereicht – zu oft. Ohne Erfolg. Wer nicht reden möchte, disqualifiziert sich als ernst zu nehmender Gesprächspartner. Entsprechend klar und zielgerichtet muss die Stadt Sindelfingen jetzt vor Gericht ihr Recht erstreiten.

Auf der anderen Seite hat die ganze Entwicklung auch etwas Gutes. Hunderte trafen sich jedes Mal auf dem Marktplatz und protestierten gegen das Musikverbot in der Stadtmitte. Das eint die Menschen der Stadt und darüber hinaus. Jetzt muss nur noch der nächste Schritt folgen. Und der kann nur heißen: Nutzt auch die Stadtmitte für Eure Einkäufe, zum Bummeln, zum Eis essen, Kaffee trinken oder für das Feierabendbier. Das mag vielleicht ein klein wenig umständlicher sein als in den großen Centern, auf der anderen Seite bietet es aber Erlebnis und Aufenthaltsqualität.

Entscheidend ist ein variables Einkaufs- und Freizeitverhalten. Internet und Einkaufscenter sind ohnehin gesetzt, jetzt muss auch die Stadtmitte wieder unter den Favoriten abgespeichert werden, sofern das nicht ohnehin schon der Fall ist.

Wenn das so käme, dann hätte der ganze Streit um Sindelfingen rockt tatsächlich auch etwas Gutes. Ob die Veranstaltung im kommenden Jahr wieder auf dem Marktplatz über die Bühne geht, liegt in Händen der Richter. Ob die innerstädtischen Händler, Gastronomen und Anbieter von Dienstleistungen eine bessere Zukunft erleben, liegt in Händen aller. Die Stadtmitte ist viel mehr als eine Partyzone.

hans-joerg.zuern@szbz.de