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Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber · 30.05.2015

Sprühen für die Persönlichkeit

Sindelfingen: Jugendkulturwoche zum Thema Hip-Hop in den Jugendtreffs Sindelfingen und Darmsheim

Mit dem Hip-Hop-Festival „Cypher Soulution“ im Sindelfinger Zentrum für Jugendkultur „Das Süd“ findet heute Abend die Jugendkulturwoche ihren Abschluss, bei der sich die Teilnehmer in Workshops im Darmsheimer Jugendtreff Geko und im „Das Süd“ mit Elementen der Hip-Hop-Kultur auseinander gesetzt haben.

Vorsichtig führt die neunjährige Emilia die Sprühdose an die Leinwand heran. Einen geraden Strich zu ziehen, kann doch nicht so schwer sein, oder? Doch als die junge Darmsheimerin die Dose von oben nach unten ziehen, verwischen die Farbpigmente am unteren Ende der Linie. Ein perfekter Strich sieht anders aus.

Doch kein Problem: Der Stuttgarter Michael Becker, der seit sechs Jahren Graffiti-Workshops in Jugendhäusern leitet, steht mit Rat und Tat zur Seite. Den Fehler bei Emilias Graffiti-Linie hat der 37-Jährige rasch analysiert: Die Dose wurde nicht gleichmäßig parallel zur Leinwand geführt.

Die Auswahl der richtigen Sprühkappe, die über das Erscheinungsbild der Linien entscheidet, die richtige Handführung und nicht zuletzt der sorgfältige und sichere Umgang mit den Sprühflaschen: All dies vermittelt Michael Becker in seinen Workshops, der als Rapper und Sprayer unter dem Namen Open Mike unterwegs ist.

Doch ein Graffito entsteht nicht mit der Sprühdose in der Hand, sondern am Zeichentisch: Bevor die zwölf Teilnehmer des Workshops zwischen neun und 17 Jahren im Darmsheimer Jugendtreff Geko eine Sprühdose in die Hand bekommen, müssen sie zunächst einmal eine Skizze entwerfen.

Der zwölfjährige Felix aus Sindelfingen hat sich für den Schriftzug „Boss“ entschieden. Sein Kumpel, der elfjährige Tim Elia, gestaltet den Schriftzug „Crazy“. Beide wissen bereits, was sie tun: Bereits am Tag zuvor haben sie im Sindelfinger Jugendhaus Süd den von den beiden Sindelfinger Sprayern Matteo Rinaldi und Maximilian Semmler geleiteten Workshop besucht.

Mit Hip-Hop haben Felix und Tim Elia eigentlich wenig am Hut. „Aber Graffiti zu entwerfen macht riesigen Spaß“, sagt Felix, der sich durch die Lektüre des Buches „Graffiti School“ von Christoph Ganter bereits vorab in die Materie eingearbeitet hat.

Michael Becker geht es bei seinen Workshops nicht nur um die richtige Technik: „Ich möchte in meinen Workshops kreative Impulse setzen, die sich später auch in anderen Bereichen des Lebens zeigen, nicht unbedingt nur in der Hip-Hop-Kultur.“ Ob also aus Emilia, Felix oder Tim Elia große Sprayer werden, ist zunächst einmal egal: Die Kids sind Teil eines kreativen Prozesses, der auf die Persönlichkeit wirken kann.

„Ich kann zum Beispiel an einem Graffito ablesen, ob ein Sprayer schüchtern ist“, sagt Michael Becker: „Und wenn ein Kid beim Sprayen mehr aus sich heraus geht, geht es auch persönlich mehr aus sich heraus. So kann die Arbeit mit Graffiti beinahe therapeutisch wirken.“

Für Madeleine Nitsche, Leiterin des Darmsheimer Jugendtreffs und Erfinderin der Sindelfinger Jugendkulturwoche, stellt die Arbeit mit der Hip-Hop-Kultur eine Möglichkeit dar, „einen direkten und ehrlichen Zugang zu Jugendlichen zu bekommen, ohne viel sozialpädagogisch reden zu müssen.“ Bei der Beschäftigung mit Rap zusammen mit Jugendlichen bekomme sie mit, wie es den Jugendlichen gehe, sagt Madeleine Nitsche: „Und zwar ohne, dass ich penetrant nachfragen muss.“

Info

Mit dem Auftritt der Hip-Hop-Acts Olli Banjo aus Köln und der niederländischen Rapperin Starrlight alias Teagan Starlight Tyler findet heute, 30. Mai, ab 19.30 Uhr im Sindelfinger Jugendzentrum „Das Süd“ die Jugendkulturwoche ihren Abschluss. Auftritte von lokalen Acts wie Georg Sidiropoulos alias G. Act, Ronny Lorenz alias Erni 33 oder Lisa Blaschitz alias Reliz sowie von mehreren DJs runden das Festival an der Schwertstraße ab.

Michael Becker zeigt Emilia, wie sie einen geraden Strich zieht. Bild: Staber