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Von unserem Redakteur Karlheinz Reichert · 16.10.2007

Schwere Vorwürfe gegen Schlecker

Sindelfingen/Böblingen/Magstadt: Laut Verdi will die Drogeriemarktkette mit fristlosen Kündigungen Betriebsratswahlen verhindern

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ong>Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat gegen die Firma Anton Schlecker (Eningen) Strafanzeige erstattet. Der Vorwurf: Die Drogeriemarktkette behindere in ihren Firmenbezirken Böblingen und Stuttgart die Betriebsratswahlen durch fristlose Kündigungen. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. Kündigungen habe es nur wegenarbeitsvertraglicher Verfehlungengegeben.

 

In 111 von 165 Unternehmensbezirken gibt es bei Schlecker Betriebsräte. In Stuttgart-Mitte und in Böblingen noch nicht. Dort werden die Wahlen derzeit vorbereitet. Seitdem, so Bernd Riexinger (Bild: Reichert), Geschäftsführer von Verdi in Stuttgart, übe der Discounter erheblichen Druck auf seine Mitarbeiterinnen aus.

 

Mitglieder den Wahlvorstandes werde angedroht: "Wenn Sie nicht gewählt werden, sind sie aber draußen." 16 Mitarbeiterinnen sei "mit an den Haaren herbeigezogenen Begründungen" fristlos gekündigt worden. Vor dem Arbeitsgericht hätten die Kündigungen deshalb keinen Bestand.

 

Die von Schlecker-Firmensprecher Florian Baum gegenüber der SZ/BZ aufgeführten arbeitsvertraglichen Verfehlungen werden Kündigungen als "Nichterfüllung zentraler Vorgaben" angeführt. "Wenn man allein im Laden ist, ist das auch gar nicht alles leistbar, was Schlecker da verlangt. Über Testkäufer ist es ein Einfaches, Gründe für eine Kündigung zu finden."

 

In den 24 Filialen im Bezirk Böblingen (bei Schlecker sind dies Sindelfingen, Böblingen, Magstadt, die Städte und Gemeinden auf der Schönbuch-Lichtung sowie Ammerbuch-Altingen) beschäftigt das Unternehmen normalerweise 72 Mitarbeiterinnen. Drei davon, in zwei Böblinger Filialen und in Magstadt, wurde gekündigt.

 

Eine der Betroffenen ist Martina Bozic. Sie sollte den Laden, das Lager und das Büro in Schuss halten, Kunden begrüßen, ihnen Lotto, den Internet-Service und anderes anbieten, sie bedienen und verabschieden sowie zugleich an der Kasse sein. Auch wenn sie - bis zu sechs Stunden lang - als einzige Angestellte im Laden sei. Außerdem verlange der Konzern noch Detektivarbeit, klagt die 46-Jährige: "Wenn zwei oder drei Leute in den Laden kommen und einer klaut, soll ich da mein Leben aufs Spiel setzen?"

 

Rauswurf für mögliche Kandidaten?

 

Martina Bozic hat der fristlosen Kündigung, weil sie sich im Laden unter Druck gesetzt fühlte, erst zugestimmt und dieser eine Stunde später schriftlich widersprochen.

 

Als ihrer Tochter Tatjana eine weitere Stunde später im Magstadter Drogeriemarkt ebenfalls das Einverständnis zur fristlosen Kündigung abgerungen werden sollte, war diese vorgewarnt und verweigerte die Unterschrift. Im Gütetermin vor dem Arbeitsgericht nahm Schlecker diese Kündigung zurück. Der Zeitvertrag der jungen Frau läuft ohnehin nur noch knapp zwei Monate. Allerdings wurde sie nach Bondorf versetzt. Aber auch das will sie nicht hinnehmen: "Ich will zurück nach Magstadt."

 

Ebenfalls gekündigt wurde einer Mitarbeiterin aus der Schlecker-Filiale auf der Böblinger Diezenhalde.

 

"Ich habe zwei Schlecker-Filialen in die Gewinnzone gebracht und jetzt soll ich hinausgeworfen werden, nur weil ich vielleicht für den Betriebsrat kandidieren könnte", sieht Martina Bozic den Hintergrund für die Kündigung.

 

Auch bei der Gewerkschaft sieht man das so. Da man den Wahlvorständen nicht kündigen könne (dazu wäre wie bei Betriebsräten die Zustimmung des Arbeitsgerichts notwendig), versuche man diejenigen loszuwerden, die als Kandidaten in Frage kämen. Bei Schlecker versteht man diese Darstellung als bedauerlichen "publicityträchtigen Aktionismus" zur Imagepflege der Gewerkschaft, der einer genaueren Überprüfung nicht standhalte.

 

Als Indizien dafür, dass die Kündigungen der Mitarbeiterinnen mit der Betriebsratswahl zu tun haben, wertet Bernd Riexinger die Aussagen der Schlecker-Regionalleiterin. Diese soll gesagt haben, wer einen Betriebsrat wolle, werde schon sehen, was er davon habe. Sie jedenfalls wolle ihren Arbeitsplatz behalten und bevor ihr Kopf rolle würden andere rollen.

 

Wahlvorstand: Klage

 

Schlecker, so die Gewerkschaft, versuche auch gegen Wahlvorstände vorzugehen. So habe man eine Frau aus der Sindelfinger Filiale im Hinterweil nach Gerlingen abschieben wollen. Der für Gerlingen zuständige Schlecker-Betriebsrat habe der Versetzung jedoch nicht zugestimmt. Per einstweiliger Verfügung durch das Stuttgarter Arbeitsgericht habe die Handelskette die Versetzung zurücknehmen müssen, vertrete nun aber die Auffassung, der Wahlvorstand im Bezirk Böblingen sei nicht vollständig, da die Mitarbeiterin ja versetzt sei.

 

Der Böblinger Wahlvorstand habe die Wahllisten beim Unternehmen mehrfach angefordert und diese erst bekommen, als er mit einer einstweiligen Verfügung gedroht habe.