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Von unserer Redakteurin Fariba Sattler · 24.08.2012

Schlecker: Plan B für Top-Läden

Kreis Böblingen: Initiative hat eine neue Idee, um Filialen der insolventen Drogeriemarkt-Kette zu retten / Aidlingen steht ganz oben auf der Liste

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ong>Mini-GmbHs in den ehemaligen Schlecker-Läden: So sollen Arbeitsplätze und das Warenangebot in den Kommunen erhalten bleiben. Im Kreis Böblingen sei Aidlingen ein heißer Kandidat gefolgt von Ehningen, Maichingen, Schönaich, Gärtringen, Bondorf, Herrenberg und Sindelfingen, so die Genossenschaftsinitiative Schleckerfrauen (GenoSF).

Die Schlecker-Filiale in Aidlingen hat noch geöffnet. Sie gehört zur XL GmbH. Abverkauf noch bis Ende August. Dann sollen auch dort die Schaufenster verhüllt werden. Drei Mitarbeiterinnen arbeiten dort. Zwei in Vollzeit. „Sie wollen weitermachen und möchten auch Verantwortung übernehmen“, sagt Gewerkschaftssekretärin Christina Frank.

Sie sind nicht die einzigen. Viele haben sich in den letzten Monaten an die Gewerkschaft Verdi gewannt. So auch Sigrid Nüssle. Sie lebt in Dagersheim und war zuletzt Filialleiterin in Gechingen: „Ich habe schon auch in Magstadt, Sindelfingen, Böblingen gearbeitet. Ich bin seit 20 Jahren bei Schlecker.“ Seit in Gechingen die Türen zu sind, ist sie arbeitslos: „Ich habe mich in Läden vorgestellt war beim Arbeitsamt, aber es gibt wenig Aussichten. Ich bin 51 Jahre alt. Ich kenne mich am besten in dieser Branche aus, darum ist das für mich die beste Möglichkeit, wenn ich nicht bei null anfangen will.“

Was sie meint, ist das Konzept der GenoSF. Hinter der Initiative stecken ehemalige Betriebsrätinnen von Schlecker, die Gewerkschaft Verdi, die Betriebsseelsorge, die Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Karin Maag sowie ehrenamtliche Helfer, wie Stefan Dreher, Linken-Kandidat der Landtagswahl 2011 in Böblingen.

Die Idee: Schlecker-Läden werden als Mini-GmbHs von interessierten Mitarbeiterinnen weitergeführt (die SZ/BZ berichtete). „Das geht mit einer Einlage von einem Euro. Die Schlecker-Frauen haften in der Mini-GmbH nur eingeschränkt“, sagt Christina Frank. Jeder Laden ist für sich selbst verantwortlich. Die Mitarbeiterinnen bekommen weiterhin ihr Arbeitslosengeld und einen Existenzgründungszuschlag von der Agentur für Arbeit von 300 Euro sowie 165 Euro aus dem Gewinn des Ladens. „Sie haben so das selbe Nettogehalt wie früher“, sagt die Gewerkschaftssekretärin. Eine Filialleiterin komme so auf rund 1500 Euro, eine Mitarbeiterin auf etwa 1350 Euro netto.

Die Läden sind an eine Servicegesellschaft angedockt. Diese bündelt die Filialen und ist für Wareneinkauf, Finanzbuchhaltung, Marketing und später das Personalwesen zuständig. „Wir müssen noch abklären, ob eine Genossenschaft, ein Verein oder eine GmbH günstiger ist“, sagt Christina Frank.

Als erstes ist ein Geschäftsplan nötig. Der kostet 3000 Euro. „Der Vorteil ist, dass uns Umsatzzahlen, Miete, Nebenkosten und Warenkosten schon vorliegen. Die Mitarbeiterinnen tragen, was sie können zusammen und Unternehmensberater erstellen den Geschäftsplan“, sagt Christina Frank. Verdi, die Betriebsseelsorge und die Linke übernehmen insgesamt die Kosten für sechs Geschäftspläne. Bei den übrigen rechnet die Initiative mit Geldern vom Land. „Da wird das Wirtschaftsministerium nicht drum herumkommen“, sagt die Gewerkschaftssekretärin.

Wird der Laden wiederbelebt, brauchen die Mitarbeiterinnen Kapital. Die Menschen im Ort sollen das Geschäft mit Talern im Wert von zehn, 50 oder 100 Euro als zinslosen Kredit unterstützen. Das soll die Bürgerschaft an den Laden binden und mit ihm identifizieren. Die Einrichtung aus den ehemaligen Schlecker-Filialen soll erhalten bleiben. Die Insolvenzfirma wolle sie kostenlos abgeben, so Christina Frank.

Etwa 35 Frauen aus dem Kreis Böblingen können sich das vorstellen. Insgesamt gab es 24 Filialen der Anton Schlecker e.K. und zwei Läden der XL GmbH sowie die Filiale Ihr Platz im Breuningerland. Vieles sind Kleinstandorte, die sich wirtschaftlich nicht tragen können. Aber es gibt auch Top-Läden. Diese hatten einen Jahresumsatz von knapp 500 000 Euro oder mehr. Im Kreis Böblingen sind das Aidlingen, Ehningen, Schönaich, Gärtringen, Sindelfingen, Maichingen, Bondorf und Herrenberg.

Aidlingen ist ganz oben auf der Liste. Zum einen möchten die beiden Vollzeit-Mitarbeiterinnen die Filiale weiterführen. Zum anderen ist es Bürgermeister Ekkehard Fauth sehr wichtig, dass das Drogerie-Angebot in der Gemeinde erhalten bleibt. „Er fürchtet, dass die übrigen Nahversorger sonst auch unter der Situation leiden“ sagt Stefan Dreher.

Metzger, Bäcker und Gemüseladen sind da. Wer künftig ein Duschgel braucht, der muss an den Ortsrand fahren. „Die Menschen gehen in den großen Supermarkt und kaufen dort gleich alles ein. Deshalb schwächeln bald auch die anderen kleinen Läden im Ort“, sagt Stefan Dreher. So haben neben den Schleckerfrauen, auch Bürgermeister, Nachbarläden und Vermieter Interesse daran, dass es in den Filialen weitergehe. Dort, wo sich zuerst viele Partner einig sind, werde sich auch zuerst etwas tun, so Dreher.

Auch der Laden in der Sindelfinger Straße in Maichingen wäre ein Kandidat, ist aber bereits an die Kette NKD vermietet. „Die Wirtschaftsförderung sucht aber schon nach einer geeigneten Fläche“, sagt Christina Frank. Ehningen und Gärtringern stehen dem Konzept positiv gegenüber. Die Filiale auf dem Marktplatz Sindelfingen fällt auch in die Top-Kategorie. „Da mache ich mir aber Sorgen, ob die Bevölkerung den Laden mittragen wird“, sagt Stefan Dreher.

Auch in Herrenberg ist die Fläche bereits weitervermietet. Aus Bondorf gibt es noch keine Rückmeldung. In Schönaich gab es zwei Filialen. „Dort steht zur Debatte, einen größeren Standort zu suchen und eine Filiale der Konkurrenz anzusiedeln“, sagt Stefan Dreher.

In Aidlingen sollen jetzt Gespräche mit dem Vermieter stattfinden. „Wir möchten eine umsatzabhängige Miete vereinbaren. Bisher gibt es keinen Vermieter, der sich nicht vorstellen kann, uns entgegenzukommen“, sagt Christina Frank. Danach folgt die Bürgerversammlung, bei der die Menschen den Laden unterstützen sollen. „Wenn es gut läuft, ist der Laden im Winter wieder offen“, sagt Stefan Dreher.

Im Raum Stuttgart gibt es 60 weitere Standorte, die in Frage kommen. Insgesamt bräuchte die Initiative 40 Läden: „Dann wäre die kritische Masse erreicht, um günstig Waren einkaufen zu können“, sagt Christina Frank.

Info

Für die Idee braucht die Initiative Spenden sowie weitere Schlecker-Mitarbeiter, Gemeinden und Vermieter, die mitmachen möchten. Näheres unter 01 73 /   8 26 26 33 oder an mail@genosf.de per E-Mail. 

Die Aidlinger Schlecker-Filiale ist bis Ende August geöffnet (oberes Bild). Danach möchten die Mitarbeiterinnen den Laden gerne als Mini-GmbH weiterführen. Auch die Filiale in Sindelfingen auf dem Marktplatz ist noch offen. Bei der Wiedereröffnung im Jahr 2010 waren Stände und Regale noch voll (siehe linkes Bild), jetzt werden nur noch Restposten verkauft. Bilder: Stampe und Hopp/A