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11.09.2020

Schlachthof-Skandal: Kollektives Versagen

Standpunkt von SZ/BZ-Chefredakteur Jürgen Haar

Von Chefredakteur Jürgen Haar

Das Landratsamt wusste Bescheid: Wer sich die schrecklichen Bilder aus dem Gärtringer Schlachthof anschaut, darf nicht zartbesaitet sein. Die von der Soko Tierschutz heimlich aufgenommenen Szenen zeigen schwere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Die Verfehlungen, die von einigen Mitarbeitern des Schlachthofs begangen wurden, sind unentschuldbar und müssen geahndet werden.


Nicht zu entschuldigen ist aber auch das kollektive Versagen der Beteiligten – das geht vom Betreiber des Schlachthofs über das Landratsamt bis zum Landwirtschaftsministerium. Auf dem Rücken der Verbraucher, der Bauern und der Metzger hat man über einen längeren Zeitraum hinweg bei Missständen und Verfehlungen zugeschaut und nur zögerlich gehandelt. Dafür müssen andere jetzt den Scherbenhaufen zusammenkehren und die Folgen tragen. So erleben zum Beispiel die Familien von Schlachthof-Mitarbeitern derzeit ein regelrechtes Spießrutenlaufen.


Mit der vorläufigen Schließung des Schlachthofs will das Landratsamt Handlungsfähigkeit beweisen, muss aber gleichzeitig einräumen, dass man seit 2018 über Missstände im Schlachthof informiert war. Es ist schleierhaft, was mit der Schließung des Schlachthofs gewonnen werden soll. Das Konzept des regionalen Schlachtens und der damit verbundenen kurzen Wege darf nicht zur Disposition stehen.


Ganz im Gegenteil. Deshalb muss das Landratsamt als Aufsicht führende Behörde dafür sorgen, dass im Schlachthof sauber und korrekt gearbeitet wird und dass die Tierschutzgesetze eingehalten werden. Wer Regionalität und Transparenz will, muss dafür sorgen, dass die Wege für Landwirte und Metzger kurz und überschaubar sind. Solange der Schlachthof in Gärtringen geschlossen ist, müssen weiter entfernte Schlachthöfe angefahren werden. Was daran gut ein soll, bleibt ein Rätsel.


Mit der Schließung des Schlachthofs will man von eigenen Versäumnissen ablenken, anstatt Verantwortung zu übernehmen und Fehler einzugestehen.



juergen.haar@szbz.de