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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 18.03.2017

Routiniers und Novizen

Holzgerlingen: Internationales Klavierwochenende in der Stadthalle

Routiniers und Frischlinge versammelte das zwölfte Internationale Holzgerlinger Klavierwochenende an zwei Abenden. Zur Ouvertüre nahm mit Elisa Viscarelli eine junge italienische Novizin beim Klavierwochenende Platz am Flügel, während den ersten Abend Christoph Ewers beschloss.

Nicht nur mit dem italienischen Gast machte das Klavierwochenende seiner Kennzeichnung „international“ alle Ehre. Der erste Konzertabend versammelte auch ein zwar europäisches, aber internationales Programm mit freilich klaren Pflöcken, die die Interpreten einrammten. So spielte das Duo Senta Eisenbacher, Organisatorin des Klavierwochenendes, am Flügel und Sopranistin Ulrike Dehnen eine französische Trumpfkarte mit österreichischem Beiblatt.

Vier Lieder von Cécile Chaminade („Absence“, „Plainte d’amour“, „Berceuse“, „L’amour captive“) und „Lied und Csardas“ Franz Lehars hatten sich die beiden auf die Agenda gesetzt. Und muteten dem Publikum damit sehr viel, eigentlich zu viel zu. Denn ohne Erläuterung oder Textblatt blieb der Inhalt dieser hier so gut wie unbekannten Lieder ein Rätsel, bei dem der des Französischen Mächtige nur anhand der im Programm gedruckten Titel die grobe Richtschnur erraten konnte.

Aus dem Gesang aber den Text zu erschließen wäre wahrscheinlich selbst für Muttersprachler ein vergebliches Unterfangen gewesen: Dafür pflegt Ulrike Dehnen ein viel zu intensives Vibrato, insbesondere, wenn sie forciert, was sie oft macht und damit diese Lieder in die Nähe von Operndarbietungen rückt. Diese quasidramatische Aufladung wäre kein Problem, nur verhärtet und verengt sich die Stimme der Sopranistin proportional zu ansteigender Lautstärke, zumal in der Höhe.

Die vokalistisch vereinnahmenden Sätze bescheren damit das zart angesetzte Wiegenlied („Berceuse“) Chaminades sowie das ohne merkliche Kraftinvestition gesungene Lied Lehars. Pianistin Senta Eisenbacher ist durchgehend bedacht auf Klangkultur, realisiert dennoch auch extrovertiertere Facetten, ohne das Instrument zu überspielen.

Dem piekfeinen Klang scheint sich tendenziell Elisa Viscarelli verschrieben zu haben, die sich mit der dritten Sonate und einer Etüde (opus 8/12) von Alexander Skrjabin ganz auf die russische Klavierliteratur konzentriert. Aber der Sinn von Satzbezeichnungen wie „Drammatico“ der Sonate erschließt sich schwerlich, wie überhaupt der Psychoaufruhr und Seelenkonflikt, den der russische Oberexzentriker hier im Blick hatte, auch mehr pianistische Robustheit gebraucht hätte, um sich in der Stadthalle profiliert auszubilden: Akustik und Instrument neigen zur Weichzeichnung.

Dies sind Tendenzen, die für Christoph Ewers mit einem reinen Chopin-Programm zweischneidig sind. Einerseits serviert er durchweg, mitunter grandios fein gewogene und dichte Klangmischungen bis hinein in dünn komponierte und ins Zerbrechliche gehende Passagen. Das klingt wie dunkle Porzellan-Glasur und bettet diesen Chopin schicklich in einen Kokon der Bedeutungsschwere. Andererseits, auch wenn Christoph Ewers im E-Dur-Scherzo mit rieselndem Endloslaufwerk aufhorchen lässt, sein Chopin kommt an diesem Abend weniger transparent als man Ewers’ Chopin kennt, und die heroischen Momente bleiben stets behaftet von einer gewissen Restmilde.

Zum Abschluss des Klavierwochenendes spielte Nachwuchspianist Marvin Pecher sowie das Duo Anja Breuer (Klavier) und Bettina Kriegbaum (Violine).