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Von Jürgen Wegner 
und Dirk Hamann · 02.12.2019

Retter gehen über ihre Grenzen

Wie sich Einsätze wie beim tödlichen Unfall am Freitagabend einbrennen und wie man hinterher damit umgeht

Der tödliche Unfall von Freitagabend. Bild: SDMG/Dettenmeyer

Rainer Just war beim Unfalleinsatz auf der Bundesstraße 464 am Freitagabend vorne dabei. Eigentlich wie immer. Drei Menschen verloren bei Maichingen ihr Leben, einer wurde lebensgefährlich verletzt, nachdem ein Autotransporter mit einem Mercedes zusammenstieß, ins Schleudern geriet und die Leitplanke durchbrach (die SZ/BZ berichtete). Der Sindelfinger Kommandant sagt, „dass unsere Gedanken bei den Opfern und den Hinterbliebenen sind und deren Leid so viel schlimmer ist, als das, was wir erleben“. Doch das Grauen bleibt auch an den Rettern kleben, und sie reden es sich sprichwörtlich von der Seele.

 

Als erstes an der Unfallstelle sind die Maichinger Kameraden, einem Löschfahrzeug, einem Mannschaftswagen und hydraulischen Geräten. An der Unfallstelle gilt es, Prioritäten festzulegen, „aber in so einem Fall hat alles Priorität“. Sofort beginnen die Feuerwehrleute, Menschen zu reanimieren. Ein anderes Team hebt mit einem Luftkissen einen Wagen an, weil darunter jemand liegen könnte. Rainer Just: „Sie knien im Dreck und während sich das Auto hebt, beten sie, dass da niemand liegt.“

 

 

Rettungskräfte versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. „Wie viele Menschen sind verletzt, welche Art von Verletzungen liegen vor? Welche Verletzten müssen zuerst versorgt werden?“. Sven Peters, stellvertretender Rettungsdienstleiter des DRK-Kreisverbands, erklärt die Vorgehensweise vor Ort, an denen sich seine Kollegen orientieren. Die schrecklichen Bilder blenden sie dabei, so gut es geht, erst einmal aus.

 

 

Die Lage ist unübersichtlich bei Kälte, Nässe und Dunkelheit, obwohl die Räder ineinander greifen. Rainer Just und seine Maichinger und Darmsheimer Stellvertreter Sascha Luft und Christoph Wiechert sind mit den 58 Leuten, die auf elf Fahrzeugen anrücken, ein eingespieltes Team. Dazu packen Kameraden aus Leonberg und Stuttgart an. Eine Person ist vermisst, Augenzeugen widersprechen sich. Der eine sagt, da sei einer aufs Feld gerannt, ein anderer will ihn auf der Straße gesehen haben.

 

 

Als die erste Arbeit getan ist und die Lage übersichtlicher wird, setzt das Gefühl von Ohnmacht ein. „Dann merken die Kameraden, dass es ihnen kalt ist. Und sie denken an die Opfer oder ihre Familien zuhause“, sagt Rainer Just. Nicht anders geht es den Rettungskräften. Bei ihnen stellt sich nach Rückkehr zum Rettungszentrum die Frage, ob sie psychisch in der Lage sind, in der Nacht weiterzuarbeiten.

 

 

In der Wache in Maichingen fahren Feuerwehrleute, die nicht ausgerückt sind, Fahrzeuge aus der Halle und stellen Tische und Bänke auf. Die Versorgeeinheit des DRK bringt warme Getränke und belegte Brötchen hierher. Auch an die Unfallstelle, wo der Einsatz noch lange dauert, Leichen geborgen werden und das Technische Hilfswerk für den Abschleppdienst ausleuchtet. Andreas Bühler und Melanie Hövelmann vom Einsatzkräfte-Nachsorgedienst hören den Feuerwehrleute zu. Sie sprechen die gleiche Sprache, kennen Fachbegriffe wie „Spreizer“ und „Stempel“ und verstehen die Kameraden.

 

 

 

 

 

Ein Interview mit Feuerwehr-Pressesprecher Marcel Schmid an der Unfallstelle gibt es hier

 

 

Mehr dazu steht auf www.szbz.de und am Dienstag in Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung