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Von unsrem Redakteur Hansjörg Jung · 09.03.2017

„Rechten nicht die Welt überlassen“

Böblingen: SPD-Stadtverband kürte Gabriele Branz vom Blauen Haus und die Galerie-Leiterin Corinna Steimel zur „Böblingerin des Jahres“

Gabriele Branz und Corinna Steimel sind „Böblingerin des Jahres“. Der SPD-Stadtverband verlieh die Titel am Vorabend des Weltfrauentages. Dazu hatte auch die Landesvorsitzende der Sozialdemokraten Leni Breymaier einiges zu sagen. Ihr großes Ziel: ein Verbot der Prostitution.

Zu manchen Dingen kommt man wie die Jungfrau zum Kind. So auch Böblingens Kulturamtsleiter Peter Conzelmann, der im Blauen Haus die Urkunde zur Auszeichnung „Böblingerin des Jahres“ in die Hand gedrückt bekam – natürlich nur stellvertretend. Die Preisträgerin Corinna Steimel, die Leiterin der Städtischen Galerie, grüßte via Videobotschaft aus dem fernen Miami und hatte Peter Conzelmann vor ihrem Abflug gebeten, die Auszeichnung für sie entgegengehe zu nehmen.

Jedes Jahr verteilt die Böblinger SPD zum Weltfrauentag den Titel „Böblingerin des Jahres“ – und dies gleich zweimal. Einmal für Frauen, die in ihrem Amt oder Beruf besonderes gesellschaftliches Engagement zeigen, einmal für Frauen, die im Ehrenamt dasselbe tun. Mit ihrem Preis will die Böblinger SPD vor allem das Augenmerk auf die Leistungen von Frauen lenken. Denn, so der Stadtverbandsvorsitzende Florian Wahl: „Das große Missverhältnis zwischen Männern und Frauen, beispielsweise auch unter den Trägern des Bundesverdienstkreuzes, spiegelt nicht das Engagement der Frauen in der Gesellschaft wider.“

Corinna Steimel, (Bild: Heiden/A) seit 2013 in Böblingen, hätte gleich mit ihrer ersten Ausstellung „Vertraute Fremde“ oder auch mit „ Die Klasse der Damen – Künstlerinnen erobern sich die Moderne“ beeindruckt. „Sie fördert das kulturelle Erbe der Stadt und öffnet Menschen den Weg zur Kunst“, sagt Florian Wahl in der Laudatio und unterstreicht die „politische Relevanz“ der Ausstellungen.

Der Titel für das ehrenamtliche Engagement ging an eine, die „lieber im Hintergrund schafft“ und sich nicht so gerne „ins Rampenlicht“ stellt: Es ist Gabriele Branz, die Gründerin des Blauen Hauses. Seit 2009 ist das Kulturnetzwerk ein Verein und hat seinen Sitz auf dem Brauereigelände der Schönbuch Braumanufaktur. Begonnen hatte Gabriele Branz mit dem Blauen Haus bereits 2003 in der Liststraße – damals noch als private Galerie. Ein Jahr später hielt mit Theresa Burnett auch die Musik Einzug – 2006 folgte das Ende. Die Miete war zu hoch geworden.

Nach zweijähriger kultureller Wanderzeit gründete Gabriele Branz, unter anderem mit dem früheren Stadtmarketing-Manager Ludwig Maier und Werner Dinkelaker von der Schönbuch Braumanufaktur, das Kulturnetzwerk Blaues Haus als Verein. Am Anfang waren zwei Veranstaltungen pro Monat geplant – heute sind es rund 90 im Jahr, die von den Vereinsmitgliedern mit Gabriele Branz als tragender Säule bewältigt werden, ehrenamtlich, versteht sich. „Fleißig und zielstrebig, herzlich und gelassen, so kenne ich sie. Und sie leistet einen enormen Beitrag für die Kulturszene in der Stadt“, sagt die SPD-Kreisvorsitzende und Bundestags-Kandidatin Jasmina Hostert bei der Ehrung.

Gastrednerin der kleinen Feierstunde des SPD-Stadtverbands im Blauen Haus war die SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier, die am Vorabend des Welt-Frauentags betonte, dass es keinen Anlass gebe, in Sachen Frauen-Rechte nachzulassen. Es sei in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon viel erreicht worden, aber angesichts von aufstrebenden, ultra-konservativen Populisten in der Bundesrepublik und Europa, gelte es das Erreichte zu behaupten. „Lasst uns schauen, dass wir nicht den Rechten die Welt überlassen. Ich will so leben wie ich bin. Das gilt es zu verteidigen – sonst haben wir diese Errungenschaften bald nicht mehr“, sagte die SPD-Landesvorsitzende.

Noch gebe es viel zu tun für Frauen, nicht nur in Sachen Lohndifferenz, Rente oder grundlegende Strukturen, die ein Miteinander von Mann und Frau auf Augenhöhe im Alltag ermöglichen. Leni Breymaier möchte gerne ans Eingemachte gehen. „Ich will ein Verbot der Prostitution“, sagt sie. Dabei ist sich Leni Breymaier bewusst, dass es das älteste Gewerbe der Welt dennoch geben wird. „Aber ich möchte, dass die Gesellschaft eine Haltung zur Prostitution einnimmt“, sagt sie. Ganz abgesehen von Einzelschicksalen überkommenen Frauenbildern vor allem in osteuropäischen Ländern, aus denen die Mädchen oft stammten: Wenn es möglich sei, in der Mittagspause für 30 Euro eine Frau zu nehmen wie ein Mittagessen, stelle sich die Frage: „Was macht das auf die Dauer mit den Frauen und ihrer Rolle in unserer Gesellschaft.“

Laudatorin Jasmina Hostert (rechts) mit Gabriele Branz nach der Preisverleihung im Gespräch. Bilder: Jung

Gastrednerin zum Internationalen Frauentag: SPD-Landesvorsitzende Leni Breymaier.