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Von unserer Mitarbeiterin Lisa Gehringer · 20.07.2016

Monsterjagd im Sommerhofenpark

Sindelfingen: Das Smartphone-Spiel Pokémon-Go erobert die Handys und treibt die Spieler auf die Straße / Das Jagdfieber hat Menschen jeden Alters gepackt

Glumanda und Bisasam, zwei Monster, tauchen plötzlich auf den Schreibtischen der Mediengestalter in der SZ/BZ-Redaktion auf. Draußen: Jugendliche, die angespannt auf das leuchtende Display ihres Smartphones starren. Das ist bei der Generation „Kopf unten“ nichts Ungewöhnliches. Doch, dass die Jugendlichen plötzlich in Jubel ausbrechen, ist neu.

Seit einer Woche geht das so. In Wäldern, Einkaufszentren, Parks und öffentlichen Verkehrsmitteln spielen Kinder, Jugendliche und Erwachsene alle hoch konzentriert dasselbe Smartphone-Spiel: Pokémon Go. Das Kult-Spiel aus den Neunzigern ist zurück und beliebter denn je. Die Smartphone-App ist kostenlos und seit einer Woche auch in Deutschland erhältlich.

Pokémon, die Abkürzung für Pocket Monsters (Taschenmonster), gibt es schon seit über 20 Jahren. Damals hat man die Pokémon-Fans mit ihrem Gameboy nicht von der Couch bekommen, heute gehen die Spieler freiwillig an die frische Luft. In der alten wie in der neuen Version fängt man Monster ein, trainiert sie und lässt sie dann gegen andere Pokémons kämpfen.

Pokémon geht mit der Zeit: Die neue App nutzt das GPS des Smartphones. Das Spiel erkennt den Aufenthaltsort des Spielers und blendet in der Kamera-Funktion die Pokémon-Spielfiguren in die reale Umgebung, in einer sogenannten erweiterten Realität, ein. Haben die Spieler das Level 5 erreicht, können sie in Arenen ihre Pokémons gegen die der anderen Spieler kämpfen lassen.

„Geh doch mal wieder raus zum Spielen“: Der alte Satz, den wohl jedes Kind einmal gehört hat, ist von gestern. „Das Spiel ist super. Man geht mit Freunden raus, lernt Sindelfingen kennen und bewegt sich“, sagt die zwölfjährige Selina Aschauer. Pokémon Go ist aber nicht nur für Einzelspieler gedacht. „Man muss sich für eins der drei Teams entscheiden. Es gibt ein blaues, ein gelbes und ein rotes Team. So kann man mit seinen Freunden gemeinsam eine Arena einnehmen. Man lernt über die Teamzugehörigkeit aber auch viele neue Leute kennen“, sagt Selina Aschauer.

Im Sindelfinger Sommerhofen-Park treffen sich viele Spieler. „Ich habe mir das Spiel gleich heruntergeladen. Ich liebe es einfach, die Monster sind so süß“, sagt die 13-jährige Derya Tehe, die mit Freunden im Park auf Monster-Jagd ist. „Bei uns am Pfarrwiesen-Gymnasium haben fast alle das Spiel. Das ist ein Riesentrend.“ Auch der 14-jährige Dennis Ziegler hat sich das Spiel geholt. „Pokémon Go spielt gerade echt jeder. Ich hab’s mir runtergeladen, weil mich mein Onkel überredet hat, und der ist 40 Jahre alt!“

Andreas Höhn ist sehr erfolgreich. Er hat sich zum Spielerlevel 18 hochgekämpft. „Meine Lieblingspokémons sind Pikachu und Evoli“, sagt der 35-jährige Sindelfinger. Er hat sich für das blaue Team entschieden. „Im gelben Team sind die wenigsten. Die Roten sind beinahe überall am stärksten, aber die Blauen sind im Kommen.“ Er spielt das Spiel auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Weg nach Hause. „Beim Domo und Sindelfinger Bahnhof lasse ich meine Pokémons gegen andere antreten. Das Sammeln der Monster macht mir aber am meisten Spaß“, sagt Andreas Höhn.

„Als Kind habe ich entweder draußen Fußball oder drinnen auf meinem Gameboy Pokémon gespielt. Ich habe Stunden damit verbracht, alle Monster zu fangen“, sagt Moritz Stäbler aus Waldenbuch. Er hat sich auch für das blaue Team entschieden und hat schon das Level 15 erreicht. Mit Freunden geht er regelmäßig auf die Jagd nach Pokémon. „Durch Pokémon Go fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. Das Tolle ist jetzt, dass man sich in der realen Welt mit Freunden treffen kann, um Pokémons zu fangen“, sagt der Student.

Vor einem Kampf muss der Spieler „Pokéstops“ aufsuchen, bei denen er wichtige Gegenstände für das Spiel einsammeln kann. Diese Plätze liegen meist an Sehenswürdigkeiten, öffentlichen Gebäuden oder Einkaufszentren. „Im Stern-Center ist einer, da hab ich mir meine Pokébälle geholt“, sagt Derya Tehe. Die Monster tauchen an den jeweils für sie typischen Plätzen auf. Schiggy, ein Wassermonster, erscheint bevorzugt an Seen oder Flüssen. Man kann die Monster mit dem Pokéball, einem rot-weißen Ball einfangen und dadurch zur eigenen Truppe hinzufügen und trainieren.

Ganz gefahrlos ist Pokémon Go nicht: Kinder stürmen bisweilen plötzlich auf die Straße, Autofahrer sind abgelenkt, weil ein Monster auftaucht. Der ADAC warnt ausdrücklich davor, sich im Straßenverkehr von der App ablenken zu lassen. Auch Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, äußerte sich schon dazu. Im schlimmsten Fall verlören die Jugendlichen den Kontakt zur Realität, sagt sie. In den USA haben schon Kriminelle das Spiel für ihre Zwecke genutzt: Im Staat Missouri lockten vier Jugendliche andere Spieler an abgelegene Pokéstops und überfielen sie.

Die Pokémon-Go-Fans lassen sich von solchen Extremen nicht abschrecken. „Ich bin zwar erst Level 3, aber ich freue mich schon darauf, wenn ich endlich in einer Arena meine Pokémons kämpfen lassen kann“, sagt Derya Tehe. Sie hat von Klassenkameraden gehört, dass es am Floschenstadion, an der Bushaltestelle im Eichholz und an der Johanneskirche Arenen gebe. „Erst mal sammle ich aber noch ganz viele Monster“, sagt die 13-jährige Schülerin.

Aber die Pokémons bleiben nicht immer am gleichen Platz: Glumanda und Bisasam sind verschwunden. Plötzlich steht Rossana im Gang der SZ/BZ Redaktion.

Info Auf der Face

Auf der Facebook-Seite „Spotted: Pokémon Go Böblingen/Sindelfingen Umgebung“ tauschen sich Spieler aus und geben sich Tipps, wo seltene Pokémons zu finden sind. Auch für die Anhänger der roten, gelben und blauen Fraktion gibt es bereits Facebook-Gruppen. Über Facebook werden auch Pokémon-Touren veranstaltet, bei denen die Spieler gemeinsam auf die Jagd gehen.

Monstermäßiger Hype um Pokémon Go: Weltweit spielen Millionen Smartphone-Nutzer das neue Spiel Bild: Steiner