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Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch · 10.07.2010

Mohrrüben mit Honig als Geheimrezept für Torgauer Trio

Sindelfingen: Stadtgrün-Mitarbeiter Karl-Heinz Boeck hat bei der Gartenschau 1990 die drei Bären Lothar, Sindi und Torgi betreut

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ong>Sechs Monate lang hat er jeden Tag mit Lothar, Sindi und Torgi verbracht. Als die drei Bären im Oktober 1990 nach dem Ende der Landesgartenschau ihren Zwinger in Sindelfingen verlassen haben, hat ihr Pfleger Karl-Heinz Boeck geheult wie ein Schlosshund: "Es war die Hölle, aber ich war so froh, die drei Tiere kennengelernt zu haben."

 

Karl-Heinz Boeck ist eigentlich nur durch Zufall zu den drei Bären gekommen, die Torgau seiner württembergischen Partnerstadt als Gastgeschenk zur Gartenschau verehrt hatte. Im Bärengraben von Schloss Hartenfels hatte das Trio am 2. Februar 1990 das Licht der Welt erblickt, keine drei Monate, nachdem die Mauer in Berlin gefallen war und die Sachsen in der Aufbruchstimmung der Nach-Wende-Zeit ganz andere Sorgen hatten als sich um Bärenkinder zu kümmern.

 

Karl-Heinz Boeck, seit 1980 beim Sindelfinger Gartenbauamt, hatte sich ohne Wissen seiner Vorgesetzten darum beworben, sich um die Bären aus dem Osten zu kümmern. Aber er erntete eine Absage, bis kurz vor der Gartenschau-Eröffnung der gekürte Kandidat in letzter Sekunde auf den Job verzichtete.

 

"Ich weiß es noch wie heute, als die große Kiste mit einem kleinen Loch in Sindelfingen angekommen ist", sagt Karl-Heinz Boeck im Café Wiesn im Sommerhofental: "Einen Tag vor der Eröffnung hat man mich gefragt, ob ich mich um den Streichelzoo mit Schweinen, Hasen, Esel und Ziegen hinter der Klosterseehalle kümmern wollte. Ich habe sofort das Werkzeug hingelegt und bin auf das Gartenschau-Gelände." Der Gärtner stellt sich neben die Kiste, plötzlich wird er gekratzt. Nicht sehr sanft: "Es hat ein bisschen geblutet, aber ich habe mich sofort in die drei kleinen Bären verliebt."

 

Müsli statt Butterbrot

 

Braunbären in Sindelfingen? Für Gartenschau-Chef Wilfried Wallbrecht war das zunächst einmal ein neues Problem. In der Daimler-Stadt gab es niemanden, der sich mit Bären auskannte. Karl-Heinz Boeck hat die Tiere im buchstäblichen Sinn in die Hand genommen. Die drei verschüchterten und ängstlichen Gesellen aus der Kiste hatten offenbar Hunger, die Tierpflegerin aus Sachsen riet zu simplen Butterbroten.

 

"Das sind doch Kinder", entfährt es Karl-Heinz Boeck. Der Sindelfinger fährt sofort los, besorgt Müsli, Milch, Äpfel, Hundenahrung oder Salat, tunkt Mohrrüben in Honig und versucht, den Bären das Fressen beizubringen. "Ich musste zuerst einmal alles in die Hand nehmen und vor meinen Mund halten. Erst dann haben sie die Sachen akzeptiert", sagt Karl-Heinz Boeck, den das Torgauer Trio schon in den ersten Stunden als Bärenmutter adoptiert.

 

Die Tiere, die zur Gartenschau-Eröffnung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth auf die Namen Lothar, Sindi und Torgi getauft werden, lassen Karl-Heinz Boeck nicht einmal in der Nacht los. Noch im ersten Monat hört der Pfleger in seiner kleinen Wohnung im früheren IBM-Hochhaus, wie seine Schützlinge in der Nacht jaulen und wimmern.

 

"Die schreien wie die Kinder", sagt sich Karl-Heinz Boeck, packt seinen Schlafsack, diskutiert mit dem Wachpersonal am damals abgeschlossenen Gartenschau-Gelände, geht zu seinen Bären, beruhigt sie und legt sich draußen vor den Käfig. Erst heute, zwanzig Jahre danach, wagt er zu sagen, dass er damals gegen die Vorschriften gehandelt hat: "Die Tiere waren so aufgeregt, dass wir sie an die Leine genommen haben und mit ihnen durch den Park spaziert sind. Das hat denen so gut getan."

 

Unter der Obhut von Karl-Heinz Boeck gedeihen die drei Torgauer prächtig. Der Sindelfinger hat sich alles Wissenswerte über Meister Petz angelesen, erzieht die im Nu 25 Kilo schweren Bären mit Klapsen und Honig-Mohrrüben, ist der einzige Mensch, der in den Zwinger geht, ohne gleich angefallen zu werden. Trotzdem halten normale Jeans den kratzigen Liebkosungen der Bären nicht aus.

 

Die Stadt spendiert ihrem Pfleger eine stabile Lederhose, nachdem er von Lothar gebissen wird. "Es war aber meine Schuld", sagt Boeck: "Er hatte einen blauen Luftballon im Maul. Ich habe ihm die Nase zugehalten, damit ich das Plastikteil aus seinem Rachen holen konnte, aber zu früh losgelassen. Aber es waren ja nur ein paar Kratzer."

 

Die Bären werden zum Knüller der Landesgartenschau. Waschkörbeweise schicken die Besucher Briefe, schreibt die damalige Redakteurin Christiane Binder in der Sindelfinger Zeitung vom 25. Juli 1990. Als der Rundfunk einmal über den Äther schickt, dass Lothar, Sindi und Torgi ganz scharf auf Honig sind, landen sofort 50 Gläser im Rundfunk-Pavillon, die Aktion wird ganz schnell abgeblasen.

 

Nach einem Vierteljahr bekommen die drei Bären einen neuen, größeren Käfig mit Kratzbänken, Wasserstelle und Kletterbäumen. So hatten es Experten von der Wilhelma vorgeschlagen, die allerdings dankend ablehnten, die Tiere am Ende der Gartenschau nach Stuttgart zu übernehmen: Die Torgauer Zucht entsprach nicht den Vorstellungen der gestrengen Zoo-Leute.

 

Neue Heimat im Müritz-Park

 

Lothar, Sindi und Torgi sind im Oktober 1990 von Sindelfingen aus in den Freizeitpark Löffingen im Schwarzwald gezogen. Karl-Heinz Boeck hat seine Schützlinge oft besucht, aber nicht verhindern können, dass Torgi eingeschläfert wurde, weil er ein unvorsichtiges Kind gebissen haben soll. Seit 2006 haben Lothar, heute 20 Jahre alt, gut 250 Kilogramm schwer, stolze 2,20 Meter groß und Vater von drei Kindern, und seine Schwester Sindi eine neue Heimat im Bärenpark Müritz gefunden.

 

Karl-Heinz Boeck besucht, so oft es geht, seine Bären in Mecklenburg-Vorpommern (www.baerenwald-mueritz.de): "Das Gelände ist groß genug und wunderschön." Und wie in Sindelfingen oder Löffingen hören die Tiere auch jetzt noch auf den Pfleger, der sie vor 20 Jahren am Fuß des Herrenwäldlesberges im Sommerhofental mit Honig-Mohrrüben bezirzte.

 

Zum dritten Mal heißt es an diesem Wochenende "Spiel und Sport im Park" im Sindelfinger Sommerhofental. Am Samstag und Sonntag jeweils zwischen 14 und 18 Uhr präsentiert sich die Abteilung Modellflug im Flugsportverein Sindelfingen mit Flugschau. Kinder dürfen Wurfgleiter basteln. Beim Café Wiesn sind die Boule-Spieler eine sichere Bank und laden Interessenten zur Partie mit den Metall-Kugeln.

 

Die drei putzigen Bären aus Torgau waren eine Attraktion der Landesgartenschau 1990 in Sindelfingen: Ministerpräsident Lothar Späth (links) und Oberbürgermeister Dr. Dieter Burger (rechts) haben die Tiere im April 1990 getauft und dabei sogar im Arm gehabt.

 

Karl-Heinz Boeck bei der Bären-Fütterung in Sindelfingen. Bilder: Stampe