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Steffen Müller · 18.01.2019

Mit Ski abseits der Piste: "Die sind nicht alle verrückt"

Lawinenunglücke: Klaus Berghold vom Deutschen Alpenverein hält nichts von pauschalen Verurteilungen von Freeridern und Tourengehern

Viel Neuschnee, Wind und schwankende Temperaturen. Die Verhältnisse in den Alpen waren in den vergangenen Tagen kritisch. Bei Lawinenunglücken wurden mehrere Wintersportler getötet. Doch sind wirklich alle, die abseits gesicherter Pisten unterwegs sind, verantwortungslos? „Keineswegs“, sagt dazu der Sindelfinger Klaus Berghold. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Sektion Schwaben des DAV und dort zuständig für Sicherheitsfragen.

Zur aktuellen Situation in den Nordalpen sagt er: „Es ist schön, dass wir diesen Winter genügend Schnee in den Bergen haben“. Von Sensationsberichterstattung hält Berghold (Bild: z) wenig. Was ihn vor allem stört, sind Pauschalisierungen.
„Wir sind am vergangenen Wochenende ebenfalls mit Skiern im Tiefschnee unterwegs gewesen. Nicht jeder, der sich momentan abseits der Pisten bewegt, ist verrückt. Die Lawinengefahren sind, auch wenn in der Berichterstattung häufig der Eindruck erweckt wird, nicht überall extrem hoch, sondern unterscheiden sich von Gebiet zu Gebiet“, sagt der Experte.

Gefährliche Unwissenheit

Die größte Gefahr ist Unwissenheit: „Wer keine Kenntnisse bezüglich Lawinenbeurteilung hat, sollte dies dringend ändern, wenn er Varianten fährt oder Skitouren unternimmt. Der Deutsche Alpenverein und Bergschulen bieten Kurse an. Hier lernt man den Umgang mit der Sicherheitsausrüstung (mehr dazu im Beisteller), die bei jedem Ausflug ins Gelände unverzichtbar ist.“

Lesen und verstehen

Um sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben, ist das Lesen und Verstehen des lokalen Lawinenlageberichts enorm wichtig. Der enthält neben der Gefahrenstufe auch weitere Hinweise wie die Ausrichtung der gefährdeten Hangbereiche und spezielle Problembereiche wie beispielsweise Rinnen.
„Es gibt fünf Lawinengefahrenstufen. Bei Stufe 5 (sehr groß) empfiehlt es sich überhaupt nicht im Gebirge Skifahren zu gehen. In den letzten Tagen herrschte in den Zentralalpen, nördlich des Hauptkamms, Lawinenwarnstufe 4. „Das bedeutet, dass sehr große Lawinen selbst ausgelöst werden, also dass große Schneemassen ohne zusätzliche Belastung durch Skifahrer von Berghängen abgleiten können. Es ist klar, dass man da im freien Gelände nicht gefahrlos herumlaufen oder skifahren kann“, so Berghold.

Bis 27 Grad Gefälle

Das heißt aber nicht unbedingt, dass man auf Ausflüge ins Gelände grundsätzlich verzichten muss. Alles steht und fällt mit der entsprechenden Erfahrung: „Es kommt auf Details an. Lawinen entstehen erst ab einer Hangsteilheit von 27 Grad. Wenn über den Pistenbereichen keine Gipfel mit Steilhängen vorhanden sind, entstehen auch keine Lawinen. Versierte Bergsportler können diese Bereiche nutzen. Am einfachsten ist es natürlich, auf der Piste zu bleiben. Wir waren nach den starken Schneefällen selbst auf den geöffneten Pisten im Tiefschnee unterwegs“, sagt der ausgebildete Fachübungsleiter Skihochtouren.

Es gibt keine absolute Sicherheit

Absolute Sicherheit gibt es auf dem Berg nicht – wie nirgendwo im Leben: „Man könnte auf den Gedanken kommen, dass man nur bei Lawinengefahrenstufe 1 (gering) unterwegs sein sollte: Die kommt üblicherweise erst im Spätwinter bei Altschnee zustande. Da gibt es meistens keinen Tiefschnee, sondern stark gesetzten und verdichteten Altschnee, so dass kaum jemand Skitouren unternimmt“, sagt Berghold.“

Im Spannungsfeld

Man bewegt sich also immer im Spannungsfeld zwischen vernünftige Verhältnissen für die Abfahrt und einer vertretbaren Gefährdung durch Lawinen – und damit häufig bei Warnstufen zwischen 2 (mäßig) oder 3 (erheblich): „Das ist absolut normal. Man muss aber - das gilt ganz besonders bei Stufe 3 – ganz genau wissen, wie man seine Route wählt, um steile Hänge in Gratnähe und andere Gefahrenbereiche zu meiden“, sagt Klaus Berghold.

Flexibel bleiben

Häufig sind Gruppendynamik und falscher Ehrgeiz die Ursache für Leichtsinn wider besseren Wissens. „Ich persönlich vermeide Tourengehen und Variantenfahren in den Gebieten, wo Lawinenwarnstufe 4 angegeben ist“, sagt Klaus Berghold. Absolute Enthaltsamkeit ist dennoch nicht nötig: „Natürlich kann die schneereiche Situation zum Skifahren genutzt werden. Bei Lawinengefahrenstufe 4 geht man eben auf die Piste oder – noch besser – in ein Gebiet mit geringeren Lawinengefahren“, sagt der Sindelfinger. Momentan ist man südlich des Alpenhauptkamms relativ sicher unterwegs. Auch unterhalb 2000 Meter hat man einige Optionen.

Mit Schneeschuhen gilt dasselbe

Wer an Lawinenunfälle denkt, der denkt oft an weite Hänge und an Freerider, die sich halsbrecherisch in Steilhänge stürzen. Dabei wird oft vergessen, dass bei einer vermeintlich harmlosen Sportart dieselben Gefahren drohen: „Wer mit Schneeschuhen im Gelände unterwegs ist, hat selbstverständlich mit der gleichen Thematik zu tun“, sagt Klaus Berghold. Auch hier hat man ohne das entsprechende Wissen – oder professionelle Begleitung – nichts im Gelände zu suchen.“

In der Samstagausgabe der SZ/BZ gibt es weitere Infos und einen Kommentar zum Thema. 

Info

Skitouren- und Freeride-Kurse mit Lawinen-Ausbildung bieten zum Beispiel die Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein-schwaben.de) und die Alpinschule Bergfühlung aus Calw (www.bergfuehlung.de) an. Mehr zum Thema Skitouren und Freeriden unter www.abenteuer-alpen.eu im Netz.
Aktuelle Lawinen-Lagebrichte gibt es hier: www.lawinenwarndienst-bayern.de