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Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch · 02.04.2016

Mit den Grünen schließt sich der Kreis

Das Porträt: Manfred Zöller pachtet seit 25 Jahren als Wirt das Café Paletti im Kleihues-Bau der Galerie der Stadt Sindelfingen / Die Zukunft des Lokals bleibt weiter in der Schwebe

Weil die Grünen 1990 aus dem Bundestag flogen, hat Manfred Zöller damals seinen Job als Kreisgeschäftsführer der Öko-Partei verloren. Der Sindelfinger sattelte um und wurde am 1. April 1991 Pächter im Café Paletti seiner Heimatstadt. Dort feierten die Grünen vor knapp drei Wochen ihren Sieg bei der Landtagswahl Baden-Württemberg.

Mit den Grünen schließt sich der Kreis für Manfred Zöller: „Vor 25 Jahren hätte es wohl niemand für möglich gehalten, dass heute die Grünen in Baden-Württemberg die stärkste Partei sind, Thekla Walker selbst in Sindelfingen ganz vorne liegt und das Direktmandat im Kreis holt.“

Manfred Zöller ist damals, nach der Wahlschlappe der Grünen 1990, in Sindelfingen geblieben, zog für ein paar Jahre in den Gemeinderat seiner Heimatstadt ein, hat sich aber aus der aktiven Politik schon lange zurückgezogen. Engagiert hat sich Manfred Zöller früh, war einer der ersten Schülersprecher am Pfarrwiesen-Gymnasium und gehörte zu den Aktivposten im Aktionskomitee Jugendhaus.

Der Kampf um einen Treffpunkt für die Jugend in der Stadt außerhalb der etablierten Vereine öffnete einer ganzen Generation neue Wege: Die Jugendlichen organisierten Konzerte, holten Stars der Szene wie „Kraftwerk“, Wolfgang Dauners „Et Cetera“, „Nektar“ oder „Chicken Shack“ nach Sindelfingen und finanzierten damit ihre Aktionen für das Jugendhaus.

Die Musik war nur ein Symbol für eine andere Welt, von der die Generation träumte, die in der Wirtschaftswunder-Zeit aufgewachsen ist. Manfred Zöller gründete mit seinem Bruder Rudi, Hartmut Gaßner und Ulrich Holthausen die Galerie Claqoise an der Wurmbergstraße.

Eine kunterbunte Mischung. Hier stellt Roland Emmerich seine ersten Bilder aus, bevor er ins Filmgeschäft wechselt, hier präsentiert Michel Schilling zum ersten Mal seine Pappmaschee-Kunstwerke, hier zeigt sich Joachim Kupke als Cartoonist mit bitterbösem Humor. Doch Kunst ist nicht alles. Verkauft werden hier Produkte aus der Dritten Welt, Räucherstäbchen, Patschuli, indische Tuniken, aber auch Kunsthandwerk. Die Claqoise wird Heimat für „Sifilis“, die erste alternative Zeitung in der Stadt und Treffpunkt für die Wohngemeinschaften, die sich in der Stadt etablieren.

Fürs Jura-Studium bleibt nicht viel Zeit. Als Anfang der 1970er Jahre das Domo eröffnet, hat Sindelfingen eine neue Attraktion und eine Alternative zu den Diskotheken wie Pferdestall oder Spitalscheune. Im Gemeinschaftswarenhaus gleich gegenüber der Galerie Claqoise gibt es eine Disco, die ihren Mitarbeitern am Wochenende gutes Geld fürs Bedienen bezahlt.

Manfred Zöller genießt die Zeit, reist von Festival zu Festival, kommt aber zumindest an Weihnachten wieder zurück in die Heimatstadt. Kein Wunder, dass er 1979 zu den Mitbegründern der Sindelfinger Weihnachtssession gehört, die vom Mini-Treffpunkt mit ein paar Dutzend Leuten im Foyer der Stadtbibliothek zum Mega-Fest mit weit über tausend Besuchern in der Stadthalle geworden ist.

Weil für die Session ein Verein gegründet werden soll, hebt Manfred Zöller die Interessengemeinschaft (IG) Kultur aus der Taufe. Geburtshelfer ist Ernst-Ludwig Wottrich, gestandener Redakteur der Sindelfinger Zeitung und Onkel von Axel Graser, der heute beim Südwestrundfunk arbeitet. Manfred Zöller begleitet den Verein durch alle Höhen und Tiefen auf der langen Odyssee durch alle möglichen und unmöglichen Lokalitäten der Stadt. Bis heute hat er keine einzige Session versäumt.

Als er 1991 das Café Paletti übernimmt, steckt Sindelfingen in der ersten großen Finanzkrise nach dem Zweiten Weltkrieg, träumt aber immer noch von der großen Kultur. Manfred Zöller will den Theaterkeller in den Schubartsaal holen, organisiert Konzerte und Kabarettabende in dem Lokal, das ursprünglich als Champagner-Bar eröffnet wurde.

Gegen den Willen des Architekten. Josef Paul Kleihues, immerhin Chef der internationalen Bauausstellung in Berlin, habe sich geweigert, das Café zu betreten, das eigentlich als Spiegelsaal für den Übergang zum Oberlichtsaal konzipiert ist. Die Geburtsfehler der Gaststätte im Erdgeschoss des Oktogon-Ausstellungsturms sind immer noch nicht behoben. Nach dem Umbau vor fünf Jahren, als die Spiegel einer weißen Wand wichen, ist heute die Lüftung kaputt. Weil an der Technik aber Bibliothek, Galerie und Schubartsaal hängen, ist die große Reparatur wieder auf die lange Bank geschoben.

„Ich hänge weiter in der Schwebe“, sagt Manfred Zöller. Der Boom, der das Paletti zu Beginn des dritten Jahrtausends zum veritablen Internet-Café mit bis zu zwölf Rechnern gemacht hat, ist längst wieder abgeflaut. Der Versuch, das Paletti mit großen Bildschirmen zum Fußballgucker-Mekka zu machen, ist ebenfalls Vergangenheit. Die Zukunft steht weiter in den Sternen.

„Ich bin gemeinsam mit meinem Stammpublikum älter geworden“, sagte Manfred Zöller vor fünf Jahren. Die Idee, den vom Jugendgemeinderat geforderten Treffpunkt in der Innenstadt im Schubartsaal unterzubringen, gefällt dem Wirt. „Aber wir warten alle seit Monaten auf Entscheidungen aus dem Rathaus“, sagt Manfred Zöller: „Derzeit habe ich dort nach Personalwechseln keine Ansprechpartner mehr.“

Bei seinem 25-jährigen Jubiläum schließt sich trotzdem noch einmal ein Kreis für Manfred Zöller. Kabarettist Uli Keuler, den der Sindelfinger schon einmal für einen Auftritt an den Liederkranz vermittelt hatte, kommt nach 25 Jahren wieder in das Café Paletti. Genauer gesagt, in den Oberlichtsaal. Der Schubartsaal, 2015 von der Biennale und der Kinderfilmakademie genutzt, fällt als Veranstaltungsraum aus.

Manfred Zöller vor seinem Café Paletti im Sindelfinger Oktogon. Bild: P. Bausch