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Von unserem Mitarbeiter Thomas Oberdorfer · 10.04.2018

Messerstich und „pures Glück“

Böblingen: Rentner steht vor Gericht wegen Angriff auf seinen Sohn

Es war nur dem Zufall zu verdanken, dass ein 71-jähriger Sindelfinger im Dezember 2016 seinen Sohn mit einem Messerstich nicht getötet hat. Die Klinge verfehlte das Herz nur um wenige Zentimeter. Der Rentner stand nun vor dem Böblinger Amtsgericht.

Was war passiert in der Wohnung des Angeklagten in Sindelfingen am 17. Dezember 2016 um die Mittagszeit? Genau ließ sich der Tathergang in der Verhandlung vor dem Amtsgericht nicht rekonstruieren. Der Angeklagte schwieg sich zur Tat aus, dessen 43 Jahre alter Sohn, das Opfer, macht von seinem Zeugen-Verweigerungsrecht Gebrauch.

Die Prozessbeteiligten mussten sich anhand der Zeugenaussagen ein Bild von der Szenerie machen. Der Vorsitzende Richter Werner Kömpf hatte im Vorfeld der Verhandlung die Hoffnung, der Angeklagte würde sich zum Sachverhalt äußern. Das machte er nicht.

Letztlich einigten sich der Verteidiger, das Gericht und die Staatsanwältin, das Protokoll der Vernehmung vom 18. Dezember 2016 zu verlesen. Damals gab der Angeklagte an, es habe zwischen ihm und seinem Sohn einen zunächst verbalen Streit gegeben, es sei zudem schon vormittags Alkohol getrunken worden. Das stimmt, beide hatten zur Tatzeit etwa 1,2 Promille Alkohol im Blut.

Aus dem verbalen Streit wurde eine körperliche Auseinandersetzung. „Mein Sohn schlug mich, er hat mir den Finger umgedreht und sich als starker Mann aufgespielt“, so schilderte der 71-Jährige gegenüber dem Haftrichter die Situation in der Wohnung. Verletzungen wie Hämatome an verschiedenen Körperstellen, die beim Angeklagten festgestellt wurden, lassen darauf schließen, dass es tatsächlich zu Gewalt gegen ihn kam. Sein Sohn habe ihn nicht aus dem Schlafzimmer gelassen. Schließlich habe ihm sein Sohn gesagt, er werde ihn „in 25 Minuten umbringen und vom Balkon runterwerfen“.

Der Angeklagte erzählte, er habe daraufhin seinen Sohn gebeten, auf die Toilette gehen zu dürfen. „Das hat mir mein Sohn erlaubt“, sagte der Rentner, der auf das WC gegangen ist und auf dem Rückweg aus der Küche ein Messer holte. Damit bewaffnet ging er wieder in das Schlafzimmer zurück. Sein Sohn sei dann mit einem Kissen in der Hand auf ihn zugegangen, daraufhin habe er zugestochen.

Nur wenige Zentimeter

Die Klinge drang zehn Zentimeter tief unterhalb der linken Brustwarze in den Oberkörper ein und verfehlte das Herz nur um wenige Zentimeter. „Es war pures Glück, dass nicht das Herz getroffen wurde“, sagte der Vorsitzende Richter Werner Kömpf in seiner Urteilsbegründung.

„Der Fall ist nahezu unaufklärbar. Wir wissen nicht, was in der Wohnung passiert ist, wir können nur vermuten. Es spricht alles dafür, dass es sich um Notwehr gehandelt“, sagte der Verteidiger des Angeklagten.

Von Notwehr könne keine Rede sein, sagte der Vorsitzende. Der Angeklagte hätte die Wohnung verlassen können, als er Richtung Toilette gegangen sei. Von dem Sohn sei mit dem Kissen in der Hand kein unmittelbarer Angriff zu erwarten gewesen. Das Schöffengericht verurteilte den 71-Jährigen zu der Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre.