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Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 08.06.2018

„Mehr Füchse in der Stadt als im Wald“

Sindelfingen: Siedlungsgebiete werden zum Schlaraffenland für Füchse / Begegnungen mit Wildtieren in der Stadt werden immer häufiger / Die Tiere loszuwerden ist nicht so einfach

Zum Glück war das Handy griffbereit. Sonst glaubt das doch keiner. Zu später Stunde schlich ein Fuchs mitten durch die Sindelfinger Turmgasse. Tarek Musleh visierte den Fuchs an, drückte ab und schoss ein Foto. „Das ist nicht der erste Fuchs, den ich in Sindelfingen gesehen habe“, sagte der Sindelfinger Fotograf. Auch zu Hause in der Jagststraße hatte Tarek Musleh schon seine Fuchs-Begegnung: Neugierig geworden durch die merkwürdigen Schreie im Vorgarten trat der Sindelfinger nachts vor die Tür und sah gerade noch im Lichtschein des Bewegungsmelders, wie sich Meister Reineke verdrückte.

Ganz und gar nicht eilig hatte es ein Artgenosse im Maichinger Pappelweg, als Fariba Sattler mit der Gießkanne bewaffnet den Garten betrat, um Blumen zu gießen. In der Hecke saß recht zerzaust, aber ganz cool, ein Fuchs oder eine Füchsin. Das Tier trollte sich gemessenen Schrittes in Richtung der benachbarten Felder.

„Es gibt hier mehr Füchse im Stadtgebiet als im Wald“, sagt der Sindelfinger Revierleiter Markus Klas beim Waldbegang des Gemeinderats. „Wir bekommen derzeit zwei bis drei Anrufe pro Woche, dass Füchse in der Stadt gesehen wurden.“ Und einen der wesentlichen Gründe für diese Tatsache schiebt der Förster gleich nach. „Füchse sind nicht blöd.“ Und deshalb auch außerordentlich anpassungsfähig.

Im Wald hat der Räuber zwar nahezu keine natürlichen Feinde, doch pfeifen ihnen dort immer mal wieder die Kugeln der Jäger um die Ohren. In der Stadt fehlen die natürlichen Feinde ebenfalls und die Jäger erst recht. Dazu fällt es den Füchsen außerhalb des Waldes offenbar leichter satt zu werden. „Im Wald muss er sich schon ganz schön anstrengen, um eine Haselmaus zu fangen“, sagt Markus Glas. Fuchs, Du hast die Gans gestohlen also? Mag sein, aber Markus Klas nennt noch eine weitere Eiweißquelle, die sich dem Raubtier auf einfache Weise erschließt.

Regenwurm statt Haselmaus

Bei Untersuchungen der Mageninhalte von Füchsen in Zürich seien unter anderem auch auffällig viele Regenwürmer gefunden worden. „In den Städten gibt es in den Vorgärten und Parks einen intensiven Grünschnitt – dies begünstigt Regenwürmer. Die kommen bei Regen aus dem Erdreich und gelangen oft auf Gehwege und Straßen. Dort braucht sie der Fuchs nur noch aufzuschlecken“, sagt Markus Klas. Und zur Gefahr, die von Füchsen ausgeht? Füchse sind Raubtiere, auch wenn sie in der Stadt wohl einen Teil ihrer Scheu ablegen. Deshalb ist stets eine sichere Distanz angezeigt und an Streicheln ist nicht zu denken - schon allein wegen des Fuchsbandwurms. Die Schlagzeilen über den Parasiten, dessen Befall beim Menschen tödlich verlaufen kann, sind zwar größer als die Zahl der Infektionen, doch: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Von den Jungen zerzaust

Die Tollwut gilt in Deutschland als ausgerottet. Der Grund, weshalb manche Stadtfüchse etwas „verrupft“ aussehen, so der Sindelfinger Revierleiter, ist, dass es sich dabei um Fähen, weibliche Füchse mit Jungen, handelt. „Wenn die kleinen Füchse auf der Mutter herumtanzen, an den Zitzen herumziehen, kratzen und beißen, sieht die Mutter eben etwas mitgenommen aus.“

Zudem ist es wohl absehbar, dass der Fuchs in naher Zukunft Gesellschaft von einem anderen Räuber in der Stadt bekommt. Waschbären wurden schon auf der Dachsklinge gesichtet. Und Waschbären können, dies zeigt die Erfahrung in anderen Städten, unter anderem Mülleimer öffnen und damit auch zur Plage werden. Markus Klas ist sich sicher: „Mit denen werden wir noch Schwierigkeiten haben.“

Doch den Schwierigkeiten Herr zu werden, ist gar nicht so einfach. Denn das Stadtgebiet ist, wie alle anderen bebauten Gebiete auch, ein sogenannter befriedeter Bezirk. Sprich: Hier ruht die Jagd - hier darf nicht ohne Weiteres geschossen, gestochen oder auch nur eine Falle aufgestellt werden. Dazu braucht es die Aufhebung der Befriedung – dafür ist die Untere Jagdbehörde im Landratsamt zuständig, sofern der Grundstückseigentümer damit einverstanden ist.

Waffeneinsatz wird diskutiert

Auf dem Landratsamt hat man erkannt, dass das Wild, beispielsweise auch Wildschweine, zunehmend ein Problem für die Städte und Gemeinden werden könnte. Deshalb beschäftigt sich seit einiger Zeit eine Arbeitsgruppe im Landratsamt gemeinsam mit der Kreisjägervereinigung mit diesem Thema. Dabei geht es unter anderem auch um den Waffeneinsatz im befriedeten Bezirk. „Dabei sind aber, wenn die Befriedung aufgehoben ist, auch besondere Waffen und besondere Munition notwendig“, sagt Kreisjägermeister Claus Kissel. Reguläre Jagdwaffen und Munition wären zu gefährlich. In den Reihen der Kreisjägerschaft gibt es bereits sogenannte Stadtjäger, die für solche Einsätze bereits eine spezielle Weiterbildung absolviert haben. Doch ob diese Spezialisten zum Einsatz kommen sollen, steht derzeit noch nicht fest.

Falle und Fang

Bleibt die Falle: Hierzulande sind Fallen erlaubt, mit denen die Tiere lebendig gefangen werden, wenn die Jagdruhe aufgehoben wird. Diese Kisten, meist aus Holz, darf dann jeder Jäger aufstellen. Doch die Fallen sind recht teuer, weshalb beispielsweise die Gemeinde Ehningen eine angeschafft hat und sie ihren Jägern im Falle eines Falles zur Verfügung stellt. In Sindelfingen kümmert sich das Forstamt um Falle und Fang, wenn ein Tier hartnäckig eine städtische Einrichtung wie beispielsweise einen Kindergarten heimsucht. Ansonsten werden die Bürger ans Wildtier-Management im Kreisforstamt verwiesen.

Und was ist, wenn der Fuchs in der Falle sitzt? Dann wird er in der Regel zu einem letzten Gang in den Wald gefahren und vom Jäger fachgerecht getötet. Claus Kissel: „Sonst ist er bald wieder da. Die Stadt ist ein Schlaraffenland für Füchse.“

Doch bis zum Letzten muss es mit dem ungebetenen Gast im Vorgarten nicht kommen. „Als Erstes empfehlen wir den Leuten, die bei uns anrufen, mögliche Nahrungsquellen wie Essensreste, Komposthaufen, Mülleimer oder auch Spielsachen wie Schuhe oder Möglichkeiten zum Unterschlupf zu beseitigen. Dann verzieht sich ein Fuchs in der Regel auch wieder“, sagt Julian Renz von der Unteren Jagdbehörde im Landratsamt. Und auch ein Fuchs hat gern seine Ruhe. Normalerweise helfen auch Rufen oder auffälliges Verhalten, so Renz, um ihn zu vertreiben.

„Der Fuchs geht um – dies zeigt einmal mehr, wie schlau und anpassungsfähig er ist“, sagt SZ/BZ-Redakteur und Naturfreund Hansjörg Jung.

Info

Informationen zu Wildtieren in der Stadt und wertvolle Tipps gibt auch die Seite www.wildtiere-stadt.wildtiere-bw.de