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Von unserem Redakteur Jürgen Wegner · 09.06.2018

Mega-Marsch gegen die tödliche Krankheit

Ausdauersport: Die Böblingerin Diana Teuscher läuft und läuft – und weil die Tochter ihrer Freundin schwer erkrankt ist, sammelt sie dabei Geld für die Mukoviszidose-Forschung

Mit diesem Bild wirbt die in Magstadt aufgewachsene Böblingerin auf www.muko.info für ihre Spendenaktion.

„Bei Kilometer 55 habe ich die ersten Blasen bemerkt und im Licht der Stirnlampe versucht abzukleben. Ich hatte kein Handy an, fast die ganze Zeit über nicht. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Einfach unter einem herrlichen Sternenhimmel laufen, keine Gespräche mehr um mich herum, Stille, eigene Gedanken, innere Ruhe, Seelenfrieden und irgendwann der erwachende Tag und die ersten Berge im Licht von Nebelschwaden und aufsteigender Sonne ... kurz innehalten und bemerken „Glück, das ist ein ganz großes Stück vom Glück“ – dieser Frieden mit mir selbst.

Dann ging es nur noch schmerzhaft bergab und in mir keimte der Gedanke aufzugeben. Ja, nein, autsch, Scheiße – aufgeben? Ich hab nie aufgegeben, noch nie in meinem Leben habe ich aufgegeben. Es geht immer weiter. Du läufst für die Muko!“

Wenn Diana Teuscher diese Zeilen schreibt, ist sie wieder mitten drin im Mega-Marsch. 100 Kilometer von München nach Mittenwald an die Grenze zu Österreich soll es gehen, zum Großteil dabei über den Jakobsweg Isar-Loisach-Inn, vorbei an Flüssen, Seen, Klostern. Alles in 24 Stunden. Die 44-Jährige läuft nicht allein, ein paar Hundert Mitstreiter unterziehen sich der Ochsentour und treu an ihrer Seite ist ihre Laufpartnerin Nadja Bouhayaoui, genau wie zuvor schon beim Halbmarathon in Lichtenwald. Vor allem aber läuft Diana Teuscher nicht nur für sich. Es geht mal wieder um den guten Zweck. Wie so oft.

Der Reihe nach: Diana Teuscher wächst in Magstadt auf und spielt dort von klein auf Handball. 1997 zieht es die Bankkauffrau aus beruflichen Gründen nach Böblingen, nebenher arbeitet sie in ein paar Kneipen. 2006 lernt sie durch ihren damaligen Partner im Saarland ihre heute noch beste Freundin Evelyn Lill kennen. Deren jüngste Tochter bekam die erschütternde Diagnose: Mukoviszidose. Evelyn Lill gibt ihr Wissen im Landesverband Saar/Pfalz als Ansprechpartnerin für Eltern von Muko-Kindern weiter und ist unglaublich engagiert.

Likör und Marmelade

Diana Teuscher hilft, wo sie kann. Zehn Jahre ist es her, dass sie die ersten Brötle für den Weihnachtsmarkt in Saarwellingen bäckt, Liköre und Marmeladen kommen hinzu. Es wächst sich aus. So sehr, dass sie in der Woche vor dem Markt Urlaub nimmt, um für den guten Zweck in der Küche zu stehen. Die Zutaten bezahlt sie selbst.

Dann bekommen die Laufschuhe wieder tragende Rollen. „So ganz habe ich nie mit dem Sport aufgehört“, sagt Diana Teuscher, die Ende 2015 im Böblinger Laufteam einsteigt. Zweimal die Woche geht es auf die Strecke, ab und zu sonntags ein drittes Mal. „In der Gruppe habe ich mich wohlgefühlt und zügig auch Fortschritte gemacht“, sagt Diana Teuscher, die deshalb im Jahr von Lenas 18. Geburtstag beschließt, laufend Spenden zu sammeln.

Die Idee: „Ich will immer weiter aufmerksam machen auf die Krankheit. Was nicht ausreichend bekannt ist, wird nicht ausreichend erforscht. Denn bis heute gibt es keine Heilung.“ Der Antrieb: „Die Menschen, für deren Gesundheit ich kämpfe, würden alles dafür geben, ohne Medikamente durchs Leben gehen zu können. Sie wissen, wie es ist, wenn die Luft knapp wird, wenn die Organe verrückt spielen.“ Von der Pari GmbH, die Inhalationsgeräte herstellt, bekommt sie zunächst Laufshirts und dann für jeden Lauf zehn Euro.

Die Sache kommt ins Rollen. Diana Teuscher läuft und läuft. Erst den Halbmarathon in Lichtenwald, dann meldet sie sich für den Mega-Marsch in München an. Das Trainingspensum bleibt bescheiden – auch weil sie samstags auf dem Sindelfinger Wochenmarkt am Stand von Rainer Klein Obst und Gemüse verkauft. Auch ein Teil dieses Gelds geht in die Muko-Kasse.

Die längste Wanderung in der Vorbereitung geht über 23 Kilometer. Ansonsten besteht das Training aus den Gassirunden mit Leihhund Erni. „Und die fallen mal länger oder kürzer aus. Je nach Laune des Hundes“, sagt Diana Teuscher, die damit weiß, dass der Mega-Marsch zur Kopfsache wird. „Und mein Wille kann unbändig sein, wenn es für eine gute Sache ist.“

Die ersten 37 Kilometer bleibt ihre Freundin Nadja Bouhayaoui an ihrer Seite. Weil diese dann aussteigen muss, geht es danach alleine weiter durch die Nacht. Es sind 30 Kilometer bis zur nächsten Verpflegung. Ankunft in Kochel bei Kilometer 67. Diana Teuscher erinnert sich:

„Viele sind längst weiter, viele noch da und viele kommen hinter mir. Zig schmerzerfüllte Gesichter. Die Luft im Raum steht, mir brennen diese beschissenen Blasen und ich merke, wie für einen Bruchteil von Sekunden der Kreislauf wankt. Mit Schoki geht’s gleich wieder. Um mich herum die eindringliche Frage ‚Hat jemand Ibu 800?‘. ‚Ja, klar, braucht noch jemand?‘ – ‚Ja, gib mir eine für später mit ...‘ In dem Moment schießt es mir durch den Kopf. Keine Medaille der Welt ist es wert, meinen Körper mit Chemiekeulen weiter zu zwingen. Denn die Menschen, für deren Gesundheit ich kämpfe, würden alles dafür geben, ohne Medikamente durchs Leben gehen zu können. Sie wissen, wie es ist, wenn die Luft knapp wird und Organe verrückt spielen.“

Diana Teuscher steigt aus. Klar, 100 Kilometer waren das Ziel. Und ein bisschen fühlt es sich wie eine Niederlage an. Tatsächlich erringt sie aber einen Sieg: „Mein Körper kennt und zeigt mir seine Grenzen, und wenn ich die nicht auf natürliche Art und Weise nach oben trainiere, dann ist Schluss. Denn ich möchte dieses Jahr noch öfter starten, um Spenden zu erlaufen“, sagt sie. Deshalb ist Diana Teuscher aktuell auch wieder auf Achse. Die Alb-Traum-Tour des TSV Beuren steht auf dem Programm. 24 Stunden, von Freitag, 19 Uhr, bis Samstag, 19 Uhr, 80 Kilometer und 2500 Höhenmeter über die Schwäbische Alb.

Jürgen Wegner ist von Diana Teuschers Leistungen schwer beeindruckt – vor allem, weil sie auch für andere Menschen ihre eigenen Grenzen verschiebt.