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Von unserem Redakteur Hansjörg Jung · 05.10.2007

Lust und Last des Weltmarktes

Kreis Böblingen: Bauern im Landkreis erzielen nach langer Durststrecke wieder bessere Preise / Steigende Betriebskosten schmälern Erlös

"Die Stimmung ist momentan gut. Wir sind optimistisch für die Zukunft". Die weltweit gestiegen Nachfrage nach Nahrungsmitteln sorgt auch bei den Bauern im Kreis Böblingen und dem Kreis-Vorsitzenden des Bauernverbandes, Andreas Kindler, für Zuversicht.

 

Zuversicht ja, Euphorie nein - trotz teilweise kräftig gestiegener Erlöse der Erzeuger, so Kindler, bleibt der Anteil der Landwirtschaft am großen Kuchen des Geschäfts mit Nahrungsmitteln bescheiden: Im Schnitt bleibt von einem Euro, der beispielsweise für Brot und Milchprodukte, für Fleisch und Wurst ausgeben wird, gerademal ein gutes Viertel hängen. So sagt Andreas Kindler: "Bei den Bauern muss mehr ankommen."

 

Milchdurst in China

 

Das ist einfacher gesagt als getan, das weiß auch der Renninger Bauernverbandsvorsitzende. Der geschützte EU-Agrar-Markt ist Vergangenheit, heute konkurrieren auch die Bauern im Kreis Böblingen mit dem Weltmarkt, vor allem mit seinen Preisen. Das ist Lust und Last zugleich. Zum Beispiel die Milch: Dümpelte der Erzeuger--preis für den Liter Milch vor Jahr und Tag noch bei "ruinösen" 27 Cent, sorgte unter anderem der Milchdurst in China - dort gilt das Motto: Milch macht schön - für eine kräftige Preissteigerung. Auf 35 Cent kletterte der Erzeugerpreis. Allerdings, so Andreas Kindler, ist dies nicht die ganze Rechnung. Da gleichzeitig die Betriebsmittelkosten, vor allem Energie und Futtermittel, gleichzeitig stark angestiegen sind, bleiben am Ende 29 Cent übrig.

 

So sorgt der hohe Futtermittelpreis trotz des höheren Erlöses seit Mai für einen Rückgang der Milchproduktion hierzulande. Hohe Futterpreise heißt vor allem: "dramatisch höhere Getreidepreise", wie es die Landesstelle für landwirtschaftliche Marktkunde ausdrückt. Nach Ertragsausfällen von rund 15 Prozent sei die Wintergerste im Land so knapp wie lange nicht mehr. Auch am Weltmarkt ist die Futtergerste knapp. Knappes Angebot und hohe Nachfrage führt zu nahezu einer Verdopplung der Erzeugerpreise. Wohl dem, der genügend Futter selbst anbauen kann.

 

Knapp ist der Markt auch beim Brotgetreide. So fiel auch die Weizenernte in diesem Jahr deutlich schwächer aus als erwartet. Nutznießer, so Andreas Kindler, sei der Zwischenhandel, der nun wesentlich höhere Preise erziele als die Bauern nach der Ernte. Angesichts der weltweit hohen Nachfrage und schwachen Ernten sagt der Renninger Bauern-Funktionär: "Noch eine Missernte kann sich die Welt nicht leisten. Die Vorräte in den Lagern sind erschöpfte und reichen gerade einmal für 30 Tage." Gut die doppelte Zeitdauer seien vor kurzem noch üblich gewesen.

 

Die Entwicklung lässt auch die Fleischproduktion nicht unberührt. "Der Preis für Schweinefleisch liegt seit Jahren im Keller," klagt Andreas Kindler. Dabei zeige sich der Preis 1,50 Euro pro Kilo Schlachtgewicht als "Widerstandlinie", heißt es im aktuellen Marktbericht der Landesstelle. Und weiter: "Auch mit wiederholten Anstrengungen von Erzeugerseite gelang es bisher nicht, diese Widerstandlinie zu überwinden, was bei den wöchentlich weiter steigenden Futtermittelkosten dringend von Nöten wäre. Laut Schlachtbetrieben sind weitere Preissteigerungen im Fleischverkauf derzeit nicht durchsetzbar."

 

50 000 Schweine aus Holland

 

Über kurz oder lang, werden die Weltmarktpreise steigen, vor allem wenn in Schwellenländern wie China der Hunger auf hochwertige Nahrungsmittel wächst. Auch hier ist die Globalisierung Lust und Last. Derzeit liefern niederländische Schweinzüchter 50 000 Schlachtschweine pro Woche nach Deutschland. Diese sollen künftig nach China exportiert werden. Dies ein Hoffnungsschimmer für die hiesigen Schweinemäster, im heimischen Markt wieder stärker vertreten zu sein.

 

Hilfreich wäre in den Augen von Andreas Kindler auch ein Wertewandel bei den Verbrauchern. "Wir müssen verstärkt den Wert von Lebensmitteln bewusst machen - am besten schon in der Schule", sagt der Renninger. Sprich: Es geht darum, angemessene Preise für gute Qualität zu erreichen. Und noch einen Wunsch zum Erhalt der heimischen Landwirtschaft hat der Vorsitzende: Der Flächenverbrauch, durch Wohnungsbau und Gewerbeansiedlungen sollte auf das "notwendige Minimum" beschränkt werden. Vor allem gute Böden sollten dabei nicht dem Flächenfraß zum Opfer fallen.