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Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · 24.03.2018

Kultur-Erfahrung statt Star-Kultur

Sindelfingen: Die Goldberg-Realschule inszeniert das Stück „Diebe“ nach dem berühmten Gesellschaftsroman „Oliver Twist“ von Charles Dickens

Im Stück „Diebe“ nach Charles Dickens Roman „Oliver Twist“ spielte Ahura Aghabeigi den gutmütigen Mr. Brownlow. Bild: Heiden

Das neueste Musical-Stück von Andrea Abendschein feierte im Foyer der Realschule am Goldberg Premiere. Das Wort „Musical“ dürfte man diesmal aber tatsächlich nur in Anführungsstrichen gebrauchen: Lupenreines Musiktheater gab’s am Goldberg diesmal nämlich nicht.

Es ist das 18. Musical, das die Schule aus eigener Kraft inszeniert. Für das jetzige Stück nahm Lehrerin Andrea Abendschein den berühmten Gesellschaftsroman „Oliver Twist“ von Charles Dickens als Grundlage.

Ein historischer Stoff, eine Kinderbande, ein wenig Krimi, das habe ihr schon länger vorgeschwebt, erklärt die Englisch- und Geschichtslehrerin ihre Wahl. Um den rund 400 Seiten starken Roman auf die Bedürfnisse der für das Stück wieder eigens gecasteten Schüler-Theatergruppe zurechtzutrimmen, stutzte die Autorin das Stück auf die Kernhandlung im London des frühen 19. Jahrhunderts zusammen und modifizierte mal stärker, mal schwächer die Handlung: Der Waisenjunge Oliver Twist (Evelyn Hüttinger) hängt in den Straßen der Metropole herum. Nahe am Verhungern, gibt ihm der Junge Jack (Celina Gleixner) zu essen und nimmt ihn mit zu Fagin (Robin Zink), der sich eine Bande von Kindertaschendieben hält. Auf einer Tour mit den kleinen Dieben gerät Oliver schuldlos in Haft beim Polizeiinspektor (Can-Mert Akcakoca).

Der gute, von zwei Damen (Jewanna Gunam und Samira Kokularuban) begleitete Mr. Brownlow (Ahura Aghabeigi) kann Oliver aus dem Gewahrsam befreien und nimmt ihn in sein Haus auf. Später gerät Oliver wieder in die Fänge Fagins. Der spannt den Jungen ein, um zwei Verbrecher (Lucas Bittner und Omar Manneh) ins Haus von Mr. Brownlow zu schleusen. Der Coup schlägt fehl, Oliver wird angeschossen. Nun droht ihm Lebensgefahr, da die beiden Halunken in ihm einen gefährlichen Zeugen sehen. Die von Fagins Verbrechermieze zum guten Mädchen geläuterte Nancy (Lola Secker) kann mithilfe von Mr. Brownlow und der Polizei Oliver in letzter Sekunde retten, die Verbrecher werden abgeführt.

Typisch für die Inszenierung in der Regie von Daniel Schmolz sind viele kurze Szenen mit ebenso vielen Umbauten (Bühnenbild Ulrich Mundt-Tichy), die mal in die Straßen Londons, mal ins bürgerliche Heim, mal in die Verbrecherhöhle führen. Auch gibt es schwergewichtige Rollen wie Oliver, Fagin und Mr. Brownlow. Dennoch, viele andere Figuren wie die des Dienstmädchens (Leonie Salamatov) oder einer Heimleiterin (Sue Erlenmaier) haben prominente Auftritte. Dahinter steckt eine klare Strategie: Man wolle keine Stars, so Regisseur Schmolz, sondern den Schülern die Möglichkeit geben, Kultur am eigenen Leib zu erfahren.

Was das Musical allerdings nicht ist, ist ein solches. Die Darsteller spielen lediglich. Das Singen übernimmt ein zwischendurch auftretender achtköpfiger, von Jacob Schwarz gecoachter Chor, für den der Leiter der live spielenden Schulband, Florian Schröder, einige Hits arrangiert hat. Obwohl „nur“ Theater mit Zwischenmusik, auch dieses Format kam zur Permiere im Foyer offenbar sehr gut an. Das Publikum erklatschte sich jedenfalls mit Hartnäckigkeit eine Zugabe.

Bernd Heiden kümmert sich seit vielen Jahren für die SZ/BZ nicht nur um die Hochkultur. Nicht zuletzt an den Schulen entdeckt er immer wider Talente.