Nachrichten
Bilder
Videos
Abo-Service und Anzeigen
Themen und Portale

Job

Termine und Veranstaltungen
Über uns






Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber · 03.06.2017

„Kopf, Herz und Hand ansprechen“

SZ/BZ-Kulturgespräch: Hans Oberhollenzer und Martin Pflumm vom Böblinger Lise-Meitner-Gymnasium über das Projekt „Kulturschule 2020“

Von 2015 bis 2020 nimmt das Böblinger Lise-Meitner-Gymnasium (LMG) am baden-württembergischen Modellprojekt „Kulturschule 2020“ teil und bekommt deswegen Fördergelder, um Konzepte für die kulturelle Bildung von Schülern zu entwickeln.

Die SZ/BZ hat sich mit Projektleiter Martin Pflumm, stellvertretender Schulleiter des LMG, und dem Schulleiter Hans Oberhollenzer darüber unterhalten, was dies konkret bedeutet.

Was steckt hinter dem Ausdruck „Kulturschule 2020“?

Martin Pflumm: „Dabei handelt es sich um ein Modellprojekt, das von der Karl-Schlecht-Stiftung in Kooperation mit dem baden-württembergischen Kultusministerium entwickelt wurde. 2015 gab es eine landesweite Ausschreibung, bei der sich Schulen für eine Teilnahme bewerben konnten. Zehn Schulen wurden in das Projekt aufgenommen, darunter drei Gymnasien, eines davon das LMG.“

Bekommen die teilnehmenden Schulen Fördergelder?

Martin Pflumm: „Das LMG bekommt von der Karl-Schlecht-Stiftung während der Laufzeit des Modellprojekts 10 000 Euro pro Jahr, also insgesamt 50 000 Euro.“

Wofür gibt es dieses Geld?

Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um musische Schulfächer

Hans Oberhollenzer: „Ziel von ‘Kulturschule 2020’ ist es, pädagogische und didaktische Modelle zu entwickeln, die kulturelle und ästhetische Mittel für den Unterricht fruchtbar machen. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um musische Schulfächer. Stattdessen sollen kulturell-ästhetische Herangehensweisen im Fachunterricht angewendet werden – und zwar gerade in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.“

Wie sieht das in der Unterrichtspraxis aus?

Hans Oberhollenzer: „Ein Beispiel wäre das Projekt ‘Kunst trifft Geometrie’ im Mathematik-Unterricht. Dabei beschäftigen sich die Schüler mit geometrischen Formen, indem sie ‘geometrische Kostüme’ entwerfen, daraus zunächst Puppen fertigen, diese Puppen zur Musik von Mozart tanzen lassen und das Ganze in einem Trickfilm festhalten, ‘der getanzte Pythagoras’ sozusagen.

Ein zweites Beispiel kommt aus meinem Chemie-Unterricht: Dort haben die Schüler die Ammoniaksynthese nicht nur theoretisch gelernt, sondern mit der Tanzpädagogin Tanja Treffler von der Böblinger Kunstschule Choreografien entwickelt, um den Lerninhalt tänzerisch darzustellen.“

Das klingt für Außenstehende zunächst etwas eigenartig.

Hans Oberhollenzer: „Nicht nur für Außenstehende, sondern gerade auch für die Schüler, die mit diesen Methoden zum ersten Mal konfrontiert werden, wirkt das Ganze etwas esoterisch, und das ist verständlich – es klingt so, als würden wir unsere Namen tanzen. Damit hat es aber nichts zu tun: Es geht um ein ganzheitliches Lernen, das Kopf, Herz und Hand gleichzeitig anspricht. Das hat nicht nur nachweislich mnemotechnische Vorteile, also Vorteile für die Verankerung der Lerninhalte im Langzeitgedächtnis, sondern wirkt sich auch extrem positiv auf die Motivation der Schüler aus.“

Auf welcher Grundlage fußt dieses pädagogisch-didaktische Konzept?

Hans Oberhollenzer: „Die Grundlage wurde in Kanada entwickelt und ist dort seit einiger Zeit als ‘Learning through the Arts – LTTA’, also „Lernen mit Hilfe der Künste“, bekannt. Vorreiter in Deutschland ist der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Kulturrats, Prof. Max Fuchs, mit dem die Karl-Schlecht-Stiftung beim Projekt ‘Kulturschule 2020’ zusammenarbeitet.“

Warum beteiligt sich das LMG an dem Projekt?

Martin Pflumm: „Seit 2004 hat das LMG Kultur und Sport als seine Schwerpunkte im Schulprofil verankert. Durch unsere Teilnahme an ‘Kulturschule 2020’ hoffen wir, diese Schwerpunkte weiter vertiefen zu können.“

Welche Rolle spielen dabei Kooperationen mit außerschulischen Partnern?

Die Kooperation mit der Musik- und Kunstschule wollen wir vertiefen.

Martin Pflumm: „eine entscheidende Rolle. Die Entwicklung von Modellen, die außerschulische Kooperationen in den Fachunterricht integrieren, ist ein zentrales Ziel. Die erwähnte Einbindung der Tanzpädagogin Tanja Treffler in den Chemie-Unterricht ist dafür ein Beispiel. Diese Kooperationen mit der Musik- und Kunstschule wollen wir vertiefen. Dabei arbeiten wir unter anderem mit der neuen Kunstschul-Leiterin, Prisca Maier-Nieden, und mit dem Theaterpädagogen Hannes Michl zusammen.

Eine weitere Kooperation besteht mit der Württembergischen Landesbühne in Esslingen: Wir holen Produktionen in die Schule und besuchen mit Schülern Aufführungen vor Ort. Dies wird von der Schauspielerin Barbara Brandhuber theaterpädagogisch begleitet. Wir haben sogar ein neues Fach eingerichtet: ‘KUS – Kultur und Sport’. Die Schauspielerin Cathrin Zellmer von der Württembergischen Landesbühne und Tanja Treffler kooperieren hier mit dem Kunstlehrer Jan Löchte. All dies wäre ohne das Geld von der Karl-Schlecht-Stiftung nicht möglich.“

Dieses Geld gibt es nach 2020 nicht mehr. Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit des Projekts aus?

Hans Oberhollenzer: „Es geht zunächst darum, Konzepte und Modelle zu entwickeln, die anschließend evaluiert werden. Baden-Württemberg hängt in puncto kultureller Bildung in Schulen im Vergleich zu anderen Bundesländern noch hinterher, jedoch wird im grün-schwarzen Koalitionsvertrag die Wichtigkeit von Kultur und Sport bei der Bildung betont.

Wie diese Modelle anschließend dauerhaft und flächendeckend im Schulalltag implementiert werden sollen, ist eine andere Frage. Ketzerisch könnte man fragen: Wenn Kultur so wichtig ist, warum stellt die Politik dann nicht ausreichend Geld für alle Schulen zur Verfügung, um entsprechende Konzepte zu entwickeln?

Mit ‘Kulturschule 2020’ zeigen wir im Prinzip, was man alles für tolle Sachen machen könnte, wenn das benötigte Geld da wäre. Wenn sich allerdings die öffentliche Hand darauf verlässt, dass private Sponsoren und Stiftungen in die Bresche springen, wäre dies eine negative Entwicklung. Denn dann entstünde eine Abhängigkeit, die einer Bildungsgerechtigkeit im Land im Weg stehen könnte.

Projektleiter Martin Pflumm (links) und Schulleiter Hans Oberhollenzer vom Lise-Meitner-Gymnasium Böblingen. Bild: Staber