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Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch · 19.11.2016

In Opas Villa spielen heute 50 Kinder

Sindelfingen: Werner und Matthias Bertsch besuchen auf Einladung von „Kultur am Stift“ die Heimatstadt ihres Vorfahren Erwin Wittmann, der einst am Calwer Bogen wohnte

Werner Bertsch hat in seinem Archiv ein Bild seines Großvaters Erwin Wittmann gefunden, das den Fabrikanten im Park seiner Sindelfinger Villa zeigt. Er zieht den Leiterwagen mit seinen Kindern Margot und Doris. Zusammen mit seinem Sohn Matthias hat Werner Bertsch Sindelfingen besucht. Und gesehen, dass in Opas Villa heute 50 Kinder spielen.

Für den Lokalhistoriker Klaus Philippscheck gehört die Villa Wittmann am Calwer Bogen zu den schönsten Privathäusern, die der damalige Stadtarchitekt Georg Bürkle in Sindelfingen entworfen hat. Das Gebäude lässt Klaus Philippscheck und seinen Kollegen Horst Weber nicht in Ruhe: Nach dem Zurückschneiden eines Baums entdecken die Heimatforscher einen lateinischen Text an der Fassade zur Bachstraße.

„Hoc erat in votis modus agri non ita magnus, hortus ubi et tecto vicinus iugis aquae fons et paulum silvae super his foret.“ Dieser Satz von Horaz prangt mit der Jahreszahl 1905/1906 am Haus des Fabrikanten, den Mina Zweigart, die Witwe des Baumwollfabrikanten Paul Zweigart, später die erste und bislang einzige Ehrenbürgerin der Stadt, 1903 in die Jacquardweberei nach Sindelfingen geholt hat. Die Übersetzung des lateinischen Spruchs steht für den Anspruch von Erwin Wittmann: „Das war in meinen Gebeten: Ein Stück Land, nicht so groß, wo ein Garten wäre und neben dem Haus ein beständiger Wasserquell und obendrein ein wenig Wald.“

Erwin Wittmann hat sein Domizil zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Bedacht gewählt. Nicht zu weit von der Fabrik entfernt, die damals an der Ecke Wettbach- und Calwer Straße stand und heute in den Fronäckern als letztes Textilunternehmen der damaligen Weberstadt Sindelfingen überlebt. Und doch außerhalb der Innenstadt. Mit einem Park, mit einem Wasserbecken, mit einem Teehaus im japanischen Stil.

Die Villa Wittmann (das Foto rechts aus dem Archiv von Werner Bertsch zeigt das Haus im Jahr 1907) ist heute eine Kindertagesstätte, in der rund 50 Schützlinge betreut werden, und hat ihren Park fast vollständig verloren. Ernst Wittmann, der mit Anita Frémery aus einer Hugenottenfamilie verheiratet war, ist 1936 gestorben. Sein ältester Sohn Max, 1906 geboren, war 1933 schon vor den deutschen Nationalsozialisten geflohen und nach Palästina ausgewandert. 1931 hatte der Fabrikantensohn in der Sindelfinger Villa Dola Ben Yehuda geheiratet. Sie ist Jüdin, in Jerusalem als jüngstes von elf Kindern aufgewachsen, und ihr Vater ist der Erfinder des modernen Hebräisch, Eliezer Ben Yehuda. In seinem Haus wird eine seit fast 2000 Jahren totgesagte Sprache gesprochen.

Klaus Philippscheck und Horst Weber kennen die dramatische Familiengeschichte der Wittmanns, die vor allem in der Martinskirchengemeinde tief verankert waren und dem romanischen Gotteshaus zum Beispiel eine Glocke spendeten. In Zusammenarbeit mit Matthias Bertsch hat die SZ/BZ 2002, zum 100. Geburtstag von Dola Ben Yehuda Wittmann, die Geschichte des Paares durch die Zeiten in Sindelfingen, Palästina, Amerika und Israel dokumentiert.

Zur Biennale 2015 wollte der damalige künstlerische Leiter, Frank Martin Widmaier, mit Matthias Bertsch die Geschichte der aus Sindelfingen geflüchteten Eheleute Wittmann aufarbeiten, die beide in Jerusalem begraben sind. Für Klaus Philippscheck knüpfte Widmaier 2016 den Kontakt zu dem heute in Berlin lebenden Journalisten, dessen Großmutter eine Schwester von Max Wittmann war. Margot war mit dem Verwaltungsbeamten Walter Bertsch verheiratet, der im Zweiten Weltkrieg in Prag im Umfeld des SS-Reichsprotektors Reinhard Heydrich arbeitete, nach dem Krieg verurteilt wurde und 1952 im Zuchthaus starb.

Ein Sohn des Paares, Werner, ist noch in Prag aufgewachsen, machte seine berufliche Karriere als Direktor einer Bank in Ulm und hat aus seinem Archiv Bilder der ehemaligen Sindelfinger Familie geborgen, die er beim Besuch in Sindelfingen Klaus Philippscheck und Horst Weber präsentierte.

Werner und Matthias Bertsch haben sowohl das Grab von Anita und Erwin Wittmann auf dem Alten Friedhof als auch das ehemalige Haus ihres Großvaters und Urgroßvaters besucht. Die Villa Wittmann ist nach dem Tod des Erbauers 1936 in den Besitz der Stadt Sindelfingen übergegangen. Die Entbindungsstation ist bis spät in die fünfziger Jahre hinein als Wilhelminenheim und Geburtsort im Bewusstsein von Hunderten von Sindelfingern fest verankert.

In den sechziger Jahre beherbergt das Gebäude die frisch gegründete Jugendmusikschule Sindelfingen. Aus dieser Zeit stammt der Pavillon, den sich heute die Interessengemeinschaft (IG) Kultur und die Stadtkapelle Sindelfingen teilen. Werner und Matthias Bertsch haben sich in der Villa ihres Vorfahren über die lebhaften Fragen der Kinder gefreut. Klaus Philippscheck und Horst Weber planen, die Geschichte der Jugendstilvilla und die Lebenswege der Familie Wittmann für die Initiative „Kultur am Stift“ zu dokumentieren.

Die lateinische Inschrift an der Fassade der Villa Wittmann. Bild: Philippscheck

Fabrikant Erwin Wittmann mit seinen Töchtern Margot und Doris im Park seiner Villa am Calwer Bogen in Sindelfingen. Bild: Archiv Bertsch

Werner Bertsch (links) und sein Sohn Matthias Bertsch (rechts) mit Annerose Wald und Horst Weber von der Initiative „Kultur am Stift“. Bild: Philippscheck