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Von Dr. Jürg Arnold* · 13.01.2018

„Im schönsten Wiesengrunde“ brachte den Ruhm

Sindelfingen/Böblingen: Zum 200. Geburtstag des Dichters, Richters und Altertumsforschers Wilhelm Ganzhorn / Geboren in Böblingen, aufgewachsen in Sindelfingen

Am Sonntag jährt sich zum 200. Male der Geburtstag von Wilhelm Ganzhorn, der als Dichter, Altertumsforscher und Richter zu seiner Zeit bekannt war und dessen Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ auch heute noch zu den meistgesungenen Volksliedern gehört.

Er wurde 1818 in Böblingen als Sohn des Schloss-Aufsehers Georg Ganzhorn geboren und verbrachte seine Jugend seit 1822 in Sindelfingen. Der Vater wirkte in Sindelfingen als Kastenvogt, also Leiter des Gemeinde-Kornlagerhauses. Gleichzeitig war er Feldmesser und Zehntkassier, also Einnehmer einer Abgabe. Er erwarb das Haus Stuttgarter Straße 1, das 1984 abgebrochen wurde. Sohn Wilhelm wurde nach dem Besuch der Lateinschule auf das Stuttgarter Gymnasium gesandt, wo zu seinen Lehrern der schon berühmte Dichter Gustav Schwab gehörte.

Wie so viele Dichter war Ganzhorn (Bild: Stadt Sindelfingen) Jurist von Beruf. Ab 1837 studierte er in Tübingen Rechtswissenschaft und wechselte 1840 an die Universität Heidelberg über, wo für den 22-Jährigen ein Dichterfrühling begann, der sich in zahlreichen Gedichten niederschlug. Eine Sternstunde in seinem Leben war das zufällige Zusammentreffen mit dem Schriftsteller Ferdinand Freiligrath. Die damals geschlossene enge Freundschaft bestand bis zum Tode Freiligraths 1876.

Nach dem Bestehen der beiden juristischen Staatsprüfungen trat Ganzhorn in den württembergischen Justizdienst ein und fand seine erste ständige Verwendung ab 1844 als Gerichtsaktuar in dem Schwarzwaldstädtchen Neuenbürg. Hier entstand im November 1851 das Gedicht „Im schönsten Wiesengrunde“, auf das sich Ganzhorns Ruhm als Dichter gründet. Er dichtete es in 13 Strophen, von denen allerdings nur die erste und die schwermütigen beiden letzten volkstümlich wurden.

Das Lied ist auf dem Boden der Romantik des 19. Jahrhunderts entstanden, doch gibt es auch heute noch der Verbundenheit des Menschen mit seiner Heimat stimmungsvollen Ausdruck. Die Frage, welches Tal dem Dichter vorgeschwebt hat, ist umstritten. In Betracht kommen das Würmtal bei Döffingen und vor allem das Burgtal zwischen Conweiler und Feldrennach im Gebiet der heutigen Gemeinde Straubenhardt im Nordschwarzwald. In seinen Neuenbürger Jahren entstanden zahlreiche weitere Gedichte, die Ganzhorn als einen Poeten mit besonderer Befähigung für volkstümliche und komische Lyrik zeigen.

Nach dem Tod des Stadtschultheißen Conz bewarb sich Wilhelm Ganzhorn im Januar 1850 um die Stadtschultheißenstelle in Sindelfingen. Nach dem damals geltenden Wahlrecht hatten die Wähler durch unmittelbare Wahl drei Bewerber vorzuschlagen, aus denen die Kreisregierung einen zum Ortsvorsteher auf Lebenszeit ernannte. Ganzhorn erhielt zusammen mit einem anderen Bewerber die höchste Stimmenzahl, wobei die Kreisregierung in ihrer Vorlage an den König Ganzhorn als den Befähigteren bezeichnete.

Doch sogleich nach der Wahl überreichte eine Abordnung von konservativen Bürgern dem König eine Petition, Ganzhorn keinesfalls zu ernennen. Er sei ein „Republikaner vom reinsten Schrot und Korn“. Der König gab die Petition an den Innenminister mit dem Bemerken, „das Gesuch der Bittsteller scheine alle Berücksichtigung zu verdienen“. Damit war die Angelegenheit vom König persönlich entschieden. Die Regierungen des Neckarkreises und des Schwarzwaldkreises ermittelten entsprechend den Vorstellungen des Königs, sodass dann der andere Bewerber zum Sindelfinger Stadtschultheißen ernannt wurde.

Im Sommer 1854 wurde Ganzhorn Oberamtsrichter in Aalen, doch schon 1859 nach Neckarsulm versetzt, wo die Zeit begann, die ihn als den „Oberamtsrichter von Neckarsulm“ bekannt gemacht hat. Zunächst befasste er sich dort neben seinem Beruf vor allem mit Altertumsforschungen und führte zahlreiche archäologische Grabungen durch. Auch war er einige Zeit Vorstand des „Historischen Vereins für das Württembergische Franken“.

Zu seinen bekanntesten Freunden gehörten die Dichter Justinus Kerner, Ferdinand Freiligrath und Joseph Victor von Scheffel, Letzterer in den Jahren um 1875 zweifelsohne der berühmteste Dichter Deutschlands. Daneben war er befreundet mit den Schriftstellern Berthold Auerbach, Hermann Kurz, Theobald Kerner, J.G. Fischer und F.W. Hackländer sowie den Afrikaforschern Gerhard Rohlfs und Carl Mauch und dem Entdecker des mechanischen Wärmeäquivalents, Robert Mayer in Heilbronn. Für sie alle hatte er seinen Weinkeller in Neckarsulm mit den Fässerreihen zu einem besonderen Anziehungspunkt ausgestaltet und oft wurde ein Kellerumgang „mit lieblichem Gesang“ veranstaltet.

Ganzhorn wurde auf seinen Wunsch 1878 als Oberamtsrichter nach Cannstatt, das damals noch ein viel besuchter Badeort war, versetzt und konnte so leichter an dem literarischen und gesellschaftlichen Leben Stuttgarts teilnehmen. Doch schon zwei Jahre später, am 9. September 1880, starb der kerngesunde Mann an einer Blutvergiftung infolge eines Furunkels, einer Erkrankung, die heute medizinisch unschwer beherrscht werden könnte. Von vielen betrauert fand auch er seine Ruhestätte auf dem Uffkirchhof.

Als Dichter, Altertumsforscher und „Dichterfreund“, aufgrund seiner Gabe für geistreiche Geselligkeit, seines Witzes und seiner Treue war er ein Mann, von dem der Schriftsteller Karl Fuß alias Wendelin Überzwerch sagte, er sei „der kleinen schwäbischen Unsterblichkeit teilhaftig“.

Die Stadt Böblingen hat im Osten der Stadt, unterhalb des ehemaligen Sanatoriums, eine Straße und in Sindelfingen hat der Schwarzwaldverein einen sechs Kilometer langen Wanderweg vom unteren Krankenhaus-Parkplatz bis ins Wohngebiet Schleicher nach Wilhelm Ganzhorn benannt.

*Dr. Jürg Arnold schreibt in diesem Beitrag für die SZ/BZ über seinen Urgroßvater Wilhelm Ganzhorn.